Franziskus: „Eine zerrissene Welt braucht ein solidarisches Europa“

Viel politische Prominenz bei der Verleihung des Karlspreises an den Papst – „Die europäische Größe wiederentdecken“. Von Guido Horst

Karlspreis für Papst Franziskus
Martin Schulz gratuliert, dahinter der Vorsitzende des Preisdirektoriums, Jürgen Linden, und Aachens Oberbürgermeister Philipp. Foto: dpa
Karlspreis für Papst Franziskus
Martin Schulz gratuliert, dahinter der Vorsitzende des Preisdirektoriums, Jürgen Linden, und Aachens Oberbürgermeister P... Foto: dpa

Rom (DT) Papst Franziskus hat am Freitag mittag in der Sala Regia im Apostolischen Palast des Vatikans den ordentlichen Internationalen Karlspreis entgegengenommen. Das Direktorium, das den Karlspreis verleiht, würdigte damit der Verleihungsurkunde zufolge das „herausragende Engagement für Frieden, Verständigung und Barmherzigkeit in einer europäischen Gesellschaft der Werte“ von Papst Franziskus. An der Preisverleihung nahmen unter anderen Bundeskanzlerin Angela Merkel, der spanische König Felipe VI. und Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi teil. Mit EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und EU-Ratspräsident Donald Tusk waren die Spitzen des Europas anwesend.

Franziskus hielt bei der Verleihung eine sehr leidenschaftliche Ansprache (siehe Seiten 4 und 5). Angesichts einer „zerrissenen und verwundeten Welt“ müsse Europa zu der gleichen „Solidarität der Tat“ und konkreten Großzügigkeit zurückkehren, die auf den Zweiten Weltkrieg folgte, mahnte Franziskus. Der Vorsitzende des Karlspreis-Direktoriums, Jürgen Linden, sagte bei der Verlesung der Urkunde, Franziskus gebe „Mut und Zuversicht, Europa wieder zu dem Traum zu machen, den wir seit mehr als sechzig Jahren zu träumen gewagt haben“. Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp beklagte eine Erosion des kulturellen und moralischen Fundaments in Europa. Es sei ein „großes Glück“, dass Franziskus ohne einen „Wohlstandsschleier“ auf den in Widersprüche verzerrten Kontinent schaue. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz sagte in einem Grußwort, Europa durchlebe eine „Solidaritätskrise“. Der Kontinent laufe Gefahr, das Erbe von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit und grenzüberschreitender Zusammenarbeit zu verspielen. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sagte, mit seiner Aufnahme von Flüchtlingen aus Lesbos gebe Franziskus „frischen Mut“. EU-Ratspräsident Donald Tusk sagte, das letzte Ziel von Politik und Religion sei nicht Macht, sondern „die Linderung von Leid und Unheil“.

Mit einer Messe im Petersdom hatten in Rom die Feiern zur Verleihung des Karlspreises begonnen. Den Gottesdienst zelebrierte Kardinal Walter Kasper gemeinsam mit dem Aachener Altbischof Heinrich Mussinghoff und Weihbischof Karl Borsch, der das Bistum übergangsweise leitet. Unter den Ehrengästen war auch hier Kanzlerin Merkel, die der Papst anschließend in Privataudienz empfing.