Forscher verändern Erbgut

Bioethiker streiten über Vertretbarkeit des Genom-Editings – Löhr: „gefährlicher Auftakt für unbegrenzte Manipulationen am Genom“

DNA-Doppelhelix
Ein Modell des genetischen Codes: Aus einem Kunstwerk der Natur wird ein Modell für Hacking und Design. Foto: dpa
DNA-Doppelhelix
Ein Modell des genetischen Codes: Aus einem Kunstwerk der Natur wird ein Modell für Hacking und Design. Foto: dpa

Washington/Berlin (DT/KNA/dpa/reh) In Deutschland ist eine bioethische Debatte um den Einsatz des sogenannten Genome-Editings beim Menschen mit Hilfe der CRISPR/Cas9-Technologie entbrannt. Nachdem ein Team von Wissenschaftlern um den umstrittenen Klon- und Stammzellforscher Shoukhrat Mitalipov von der Oregon Health and Science University in Portland am Mittwoch in der aktuellen Ausgabe des renommierten Fachmagazins „Nature“ berichtet hatte, es habe das Erbgut künstlich erzeugter menschlicher Embryonen erstmals erfolgreich mit den molekularen Genscheren verändert, streiten deutsche Bioethiker nun über die Vertretbarkeit eines solchen Einsatzes.

So sprach die Vorsitzende des Europäischen Ethikrats (EGE) und Kölner Medizinethikerin Christiane Woopen von einem „eindrucksvollen Beispiel für gesellschaftsvergessene Forschung und die Isolation eines Forschungssystems von der Gesellschaft, in die es eigentlich eingebettet ist“. Die langjährige frühere Vorsitzende des Deutschen Ethikrats fordert eine intensive gesellschaftliche Diskussion, bevor durch einzelne Wissenschaftler Tatsachen geschaffen werden.

Während der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, der protestantische Theologe Peter Dabrock von „unseriösen Heilungsversprechungen“ sprach und kritisierte, dass Wissenschaftler anscheinend „keine Grenzen mehr kennen“, erklärte die Stellvertretende Vorsitzende des Gremiums, das Bundesregierung und Parlament in bioethischen Fragen berät, Claudia Wiesemann, die Studie zeige, dass das Verfahren beim Menschen grundsätzlich einsetzbar sei. „Die Frage, ob die Technik wünschenswert ist, kann nicht pauschal beantworten. Das hängt vom Einzelfall ab.“ Grundsätzlich verwerflich finde sie die Forschung nicht, sagte die Göttinger Medizinethikerin. „Wer das Verfahren mit dem Argument möglicher Folgen kritisiert, muss zumindest begrüßen, dass man diese Folgen untersucht.“ Verbote auf Vermutungen zu stützen sei unseriös.

Der katholische Moraltheologe Franz-Josef Bormann sagte am Donnerstagabend im Kölner domradio, das Ziel der Versuche sei „moralisch nicht zu beanstanden“. Es sei legitim, Menschen zu helfen, die an einem genetischen Defekt litten. Problematisch sei jedoch, „dass man eine Technik, über deren Nebenwirkungen man noch gar nicht ausreichend Bescheid weiß, jetzt schon in einem so sensiblen Feld wie der menschlichen Embryonenforschung zum Einsatz bringt“. Eine solche Technik könnte erst einmal in Tierexperimenten zu einer größeren Reife entwickelt werden, bevor sie im Humanbereich angewandt werde, so Bormann. Zudem habe das US-Forscherteam bestimmte Embryonen gezielt hergestellt, um sie nach dem Experiment wieder zu vernichten. Nach deutschem Recht sei eine solche „verbrauchende Embryonenforschung“ verboten.

Die Bundesvorsitzende der Christdemokraten für das Leben (CDL), Mechthild Löhr, wertete die Forschungsergebnisse als „gefährlichen Auftakt für unbegrenzte Manipulationen am menschlichen Genom“. „Auch wenn die Hauptargumentation – wie auch in diesem Falle – immer eine angestrebte Verhinderung oder Beseitigung von bestimmten Erbkrankheiten ist, geht es doch im Kern bei dieser Gentechnik um die Schaffung eines neuen Menschen, um Designerbabys, die ganz bestimmte Merkmale tragen oder nicht haben sollen.“ Ziel sei offensichtlich eine industriell anmutende, qualitätsgeprüfte, familienunabhängige „Reproduktion des Menschen durch den Menschen“, wie dies schon Karl Marx als Vision in seinen „Frühschriften“ ausgedrückt habe.

Unterdessen haben sich elf große Wissenschaftsorganisationen gemeinsam für eine vorsichtige, aber engagierte Herangehensweise bei der gentechnischen Veränderung menschlicher Embryonen ausgesprochen. Einen solchen Embryo in eine Frau einzusetzen und somit eine Schwangerschaft herbeizuführen, sei „derzeit unangemessen“, schreiben die Organisationen in der Fachzeitschrift „The American Journal of Human Genetics“ vom Donnerstag. Es gebe aber keinen Grund, eine Genveränderung im Reagenzglas „mit angemessener Aufsicht und Zustimmung“ zu verbieten. „Während die Grundlagenforschung zur Bearbeitung von Genen in den kommenden Jahren voranschreiten wird, fordern wir alle Beteiligten dazu auf, diese wichtigen ethischen und sozialen Diskussionen zusammen zu führen“, sagte Kelly Ormond von der Stanford University. Die Erklärung wurde unter anderem von der American Society of Human Genetics, der Canadian Association of Genetic Counsellors und der International Genetic Epidemiology Society unterzeichnet. Auch länderübergreifende asiatische Verbände sowie solche aus Großbritannien und Südafrika schlossen sich an (Siehe auch Leitartikel Seite 2).