Fluchtwelle aus der Türkei?

Istanbul/Berlin (DT/dpa/KNA) Die von der Türkei geforderte Auslieferung des Predigers Fethullah Gülen ist nach Ansicht der Regierung in Ankara eine politische Entscheidung der USA. „Die juristischen Verfahren werden zu einem Ergebnis führen, aber am Ende wird die Entscheidung der US-Regierung eine politische Entscheidung sein“, sagte Justizminister Bekir Bozdag am Freitag im anatolischen Yozgat. „Am Ende ist die Entscheidung für eine Auslieferung eine politische, und keine Auslieferung ist auch eine politische Entscheidung.“ Bozdag sagte, es könne kein Zweifel daran bestehen, dass Gülen für den Putschversuch vom 15. Juli verantwortlich sei. „Die ganze Welt weiß, wer der Täter ist. Ihn nicht auszuliefern, hieße in einem Fall wie diesem natürlich, die Freundschaft Fethullah Gülens über die Freundschaft der Türkei zu stellen.“ Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hatte Washington zuvor aufgefordert, eine Wahl zwischen ihrem Bündnispartner und Gülen zu treffen. „Früher oder später werden die Vereinigten Staaten von Amerika eine Entscheidung treffen: Entweder die Türkei oder Fetö“, hatte Erdogan am Mittwoch gesagt. Fetö ist die türkische Abkürzung für die Gülen-Bewegung.

Wegen der harten Reaktion Ankaras nach dem Putschversuch rechnet die Kurdische Gemeinde Deutschland mit einer Massenflucht nach Deutschland. „Kurzfristig rechne ich mit zehntausenden, mittelfristig mit einigen hunderttausend Schutzsuchenden aus der Türkei in Deutschland, wenn das Erdogan-Regime die Minderheiten und die demokratische Opposition weiter bekämpft“, sagt der Verbandsvorsitzende Ali Toprak der „Welt“. Weil die Regierung bereits vor Monaten kurdische Hochburgen mit Strafaktionen überzogen habe, seien 500 000 Kurden innerhalb der Türkei auf der Flucht. Nach dem vereitelten Putsch kämen noch säkulare und oppositionelle Türken hinzu. Auch in Deutschland finde eine „Hexenjagd gegen Erdogan-Kritiker statt“, so Toprak. Er fühle sich zum ersten Mal nicht mehr sicher.