Familien mehr Respekt zollen

Merkel verteidigt Betreuungsgeld – Erzbischof Zollitsch fordert mehr Solidarität mit der Familie und „DAX zwischenmenschlicher Werte“

Lautstark für eine gerechtere Familienpolitik: Erzbischof Robert Zollitsch im Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Jahresempfang des Deutschen Caritasverbandes. Foto: dpa
Lautstark für eine gerechtere Familienpolitik: Erzbischof Robert Zollitsch im Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel... Foto: dpa

Berlin (DT/pd/KNA) Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat erneut die Einführung des Betreuungsgeldes verteidigt. Sie sei zunächst eine große Skeptikerin dieser Familienleistung gewesen, erklärte Merkel beim Jahresempfang des Deutschen Caritasverbandes am Donnerstagabend in Berlin. Inzwischen sehe sie das Betreuungsgeld als ein Signal an die Eltern, die ihr Kind auch im zweiten und dritten Lebensjahr noch zu Hause betreuen möchten. „Wir müssen respektvoll mit den Lebenswünschen von Familien umgehen“, so Merkel. „Zugleich müssen wir alles tun, damit sich diese Lebenswünsche realisieren lassen“, erklärte die Bundeskanzlerin. Am Jahresempfang nahmen auch der FDP-Vorsitzende Philipp Rösler, der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, die Kirchenbeauftragte der SPD-Fraktion, Kerstin Griese, die Vorsitzende der CSU-Landesgruppe Gerda Hasselfeldt sowie der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei, Gregor Gysi, teil.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, forderte eine gerechtere Familienpolitik: „Deutschland braucht eine familienfreundliche und Familien fördernde Gesellschaft, die Rahmenbedingungen schafft, in denen die Familien ihre Aufgaben wahrnehmen können.“ Bisher sei eine Trendwende hin zu einer familienfreundlicheren Gesellschaft nur ansatzweise gelungen, so Zollitsch, der außerdem zu mehr Solidarität in der Gesellschaft aufrief: „Vielleicht bräuchte es in unseren Nachrichtensendungen auch so etwas wie einen DAX der zwischenmenschlichen Werte, der uns über aktuelle Kursentwicklungen der Nächstenliebe und Solidarität in unserem Land und in Europa informiert; der deutlich macht, dass es sich lohnt, in Menschlichkeit und Barmherzigkeit zu investieren.“

Der Freiburger Erzbischof wandte sich gegen eine Familienpolitik, die der Gefahr der Verzweckung und Funktionalisierung erliege. „Eine Politik, die primär an der ,Marktfähigkeit‘ des Menschen und am ,Humankapital‘ der Familien interessiert ist, wird den eigentlichen familiären Belangen nicht gerecht. Nur allzu leicht geraten so die Handlungsfreiheit der Familien und das Kindeswohl aus dem Blick.“ Zollitsch betonte, dass die Familien durch ihre Sorge für die nachwachsende Generation den entscheidenden Beitrag zum Generationenvertrag erbringen, der Rentenleistungen in Zukunft erst möglich mache: „Es gilt, die Teilhabechancen aller Familienmitglieder am gesellschaftlichen Leben zu optimieren.“ Die Freiheit der Eltern, das Erwerbs- und Familienleben je nach eigenen Prioritäten zu gestalten, werde unter anderem durch das Ehegattensplittung unterstützt. „Die immer wieder neu auflebende Diskussion über die Ausweitung der gegenwärtigen Form des Ehegattensplittings auf ein Familiensplitting sollte durchaus geprüft werden. Jedoch darf dies das Ehegattensplitting in seinem Bestand nicht gefährden.“

Mit Blick auf die Debatte um die beitragsfreie Mitversicherung in der Sozialversicherung verstärke sich der Eindruck, „dass die öffentliche Debatte viel zu einseitig nur die Finanz- und Leistungsströme hin zu den Familien betrachtet, während die Leistungen der Familien für die Gesellschaft oft zu kurz kommen. Wiederholt haben wir Bischöfe eine familiengerechte Reform der Rentenversicherung und eine bessere Anerkennung von Erziehungsleistungen gefordert“, sagte Zollitsch. Die Bischöfe begrüßten daher die angekündigte Erhöhung der Renten von Müttern mit Kindern, die vor 1992 geboren worden seien.

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz betonte auch die Herausforderung beim Krippenausbau insbesondere mit Blick auf die hohen Qualitätsanforderungen an Personal und Ausstattung. „Um der Kinder willen dürfen wir an dieser Stelle keine Abstriche machen. Betreuung allein ist zu wenig. Kinder wollen angenommen, geliebt, wertgeschätzt und auch altersgemäß gefördert und gefordert werden.“ Die Eltern seien als Experten der Erziehung ihrer Kinder ernst zu nehmen und in die Arbeit der Kindertagesbetreuungsstätten einzubeziehen. „Dahinter steht der wichtige Gedanke, dass Kindergärten die Erziehungsleistung der Eltern nicht ersetzen können. Sie können sie nur ergänzen und wollen sie unterstützen“, sagte Zollitsch. Über die Solidarität in der Familie hinaus bedürfe es einer Solidarität mit der Familie und der solidarischen Verantwortung von Staat und Gesellschaft für die Familie, damit die Familien auch in Zukunft den Anforderungen gewachsen sind und Familienleben in seinen vielfältigen Ausprägungen gelingen kann.“

Caritas-Präsident Peter Neher mahnte ebenfalls mehr Unterstützung für Familien an. Der Arbeitsmarkt müsse familienfreundlicher werden, nicht die Familien arbeitsmarktgerechter, forderte Neher. „Wir brauchen Arbeitgeber, die Teilzeitarbeitsplätze nicht als Karriere-Ende ansehen und eine Kinderbetreuung, die den Wunsch nach Familie und Beruf unterstützt.“ Notwendig sei eine solidarische Politik, die deutlich mache, dass die Unterstützung von Familien eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei. „Familienpolitik muss Querschnittspolitik werden“, so Neher. Entscheidungen in der Steuer- und Rentenpolitik sowie in der Wohnungs-, Arbeitsmarkt- und Gesundheitspolitik müssten das Kriterium der Familientauglichkeit erfüllen. Auch gesellschaftlich sei ein Umdenken erforderlich, erklärte Neher. So müsse die Einsicht wachsen, dass arbeitende Mütter und Väter zugleich gute Erzieherinnen und Erzieher für kleine Kinder sein könnten. Auch solle die Gesellschaft Lärmen und Toben von Kindern nicht als Störung auffassen. Der Jahresempfang des Deutschen Caritasverbandes fand im Rahmen des 3. Caritaskongresses in Berlin statt. Der Kongress unter dem Leitwort „Familie schaffen wir nur gemeinsam“ endet am heutigen Samstag.