Familien brauchen Wahlfreiheit

Elisabeth Bußmann vom Familienbund der Katholiken kritisiert eine zu arbeitsmarktorientierte Familienpolitik. Von Franziska Pröll

Frau Bußmann, Volker Kauder hat vor kurzem gesagt, dass man mit Geld keinen Kindersegen erreiche. Stimmen Sie dem zu?

Aus Erfahrung sage ich, dass das so nicht richtig ist. Junge Menschen brauchen auch wirtschaftliche Sicherheit, um eine Familie zu gründen. Moderne Familienpolitik heißt: Familien brauchen Geld, ein entsprechendes Betreuungsangebot auch für unter dreijährige Kinder und Zeit für das Familienleben. Eine Diskussion, wie wir sie momentan erleben, ist wenig hilfreich. Sie bringt Unsicherheit. Vielmehr brauchen Familien eine verlässliche und ermutigende Familienpolitik.

Kauder signalisierte, das Elterngeld nach 2013 auf den Prüfstand stellen zu wollen. Was wird aus Ihrer Sicht das Ergebnis einer solchen Überprüfung sein?

Überprüfungen beinhalten immer die Gefahr der Kürzung oder Streichung einer Leistung. Aber das Elterngeld ist ein wichtiger Baustein moderner Familienpolitik. Familien brauchen Verlässlichkeit und das Signal, dass Kinder in unserer Gesellschaft erwünscht sind. Wenn das Elterngeld auf den Prüfstand kommt, wie CDU-Fraktionschef Kauder meinte, dann hat das weitere Verunsicherung zur Folge. Außerdem bekommen Familien das Gefühl, dass ihre Erziehungsleistungen nach Kassenlage finanziert werden. Ich halte das Elterngeld für ein wichtiges und etabliertes Instrument, damit Mütter, aber eben auch Väter, die Möglichkeit zur Erziehung haben.

Berlin gibt viel Geld für Familien aus. Dennoch hat Deutschland die niedrigste Geburtenrate in Europa. Müsste das Geld anders verteilt werden?

Ich möchte anmerken, dass die 187 Milliarden angeblicher Familienleistungen, von denen in den Medien immer wieder die Rede ist, so nicht stimmen. Denn: darin sind Leistungen für Schulen und Hochschulen sowie Witwen- und Waisenrenten enthalten. Der Familienbund der Katholiken hat nachgerechnet, dass die insgesamt 17 Millionen deutschen Familien etwa 48 Milliarden Euro an reinen Familienleistungen erhalten. Familien brauchen diese Förderung und Entlastung. Es ist eine völlige Schieflage in unserer gesellschaftlichen Diskussion, wenn behauptet wird, Familien würden zu viel Geld erhalten und hier bestehe Sparpotenzial.

Welche Maßnahmen ermutigen junge Menschen, sich für Kinder zu entscheiden?

Vor allem Maßnahmen, die eine gesellschaftliche Wertschätzung der Erziehungsarbeit widerspiegeln. Viele junge Menschen können ihren Kinderwunsch nicht verwirklichen. Studien bekräftigen, dass zum einen wirtschaftliche Sicherheit notwendig ist, damit Kinderwünsche erfüllt werden. Auch ist es wichtig, dass in allen Regionen ein ausreichendes und gutes Betreuungsangebot vorhanden ist. Außerdem bedarf es Maßnahmen für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, damit Familien auch tatsächlich Zeit für Familie haben.

Die Politik setzt auf Krippenerziehung. Warum zählt die Leistung, die Mütter und Väter erbringen, nichts mehr?

Die Erziehungsleistung von Müttern und Vätern ist der wichtigste Beitrag zur Zukunft unserer Gesellschaft. Das Problem ist aber, dass unsere Politik derzeit zu sehr an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes orientiert ist. Das kann junge Menschen nicht ermutigen, ihre Kinderwünsche zu verwirklichen. Deshalb fordern wir Wahlfreiheit für junge Familien. Eltern sollen in den ersten Jahren selbst entscheiden können, ob beide berufstätig sind oder ein Elternteil sich für eine gewisse Zeit ausschließlich der Erziehung widmet.

Nach den Ausschreitungen in London hat der britische Premier Cameron angekündigt, jeden innenpolitischen Gesetzesentwurf auf seine Familienfreundlichkeit zu überprüfen. Ein Vorbild für Deutschland?

Eine verlässliche Familienpolitik in Deutschland setzt auch voraus, dass alle Gesetzesvorhaben mit Familienfreundlichkeit und Familienverträglichkeit kompatibel sind. Diese Prädikate müssen oberste Prinzipien von Bund, Länder und Kommunen sein.