Europas größtes Massengrab

Italiens Regierungschef Renzi erklärt den Schmugglerbanden den Krieg: „Die Schmuggler sind die neuen Sklavenhändler!“

Mitglieder der italienischen Küstenwache bei der Ausschiffung von 24 Opfern der Bootstragödie am Montag in der maltesischen Hauptstadt Valetta. Foto: dpa
Mitglieder der italienischen Küstenwache bei der Ausschiffung von 24 Opfern der Bootstragödie am Montag in der maltesisc... Foto: dpa

Brüssel/Rom (DT/dpa/KNA/gho) Die Hoffnung auf weitere Überlebende der Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer schwindet. „Momentan gibt es nur 24 Leichen, aber nach den schrecklichen Erzählungen scheint es, dass Menschen im Boot eingesperrt waren“, sagte Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi am Montag. Bei dem Unglück am Wochenende vor der libyschen Küste könnten weit mehr als 700 Menschen umgekommen sein. Die Leichen der 24 Migranten wurden am Montag nach Malta gebracht. Sie sollen obduziert und dann auf Malta bestattet werden. An Bord des italienischen Rettungsschiffs „Gregoretti“ waren auch Überlebende, die nach Italien gebracht werden sollten. Renzi sagte, Libyen habe sich bereit erklärt, weitere Leichen des Unglücks aufzunehmen.

Nach Aussagen eines Überlebenden waren 950 Menschen an Bord des Schiffes, das nach der Abfahrt in Libyen gekentert war, darunter viele Kinder. Die italienische Küstenwache teilte mit, 28 Menschen seien gerettet worden. Die Suche nach weiteren Vermissten ging weiter. Nach Aussagen eines Überlebenden aus Bangladesch waren viele Menschen im Laderaum eingeschlossen. „Die Schmuggler haben die Türen geschlossen und verhindert, dass sie herauskommen“, sagte er laut Medien.

„Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker glaubt, dass es keine Option ist, den Status quo aufrechtzuerhalten“, sagte ein Sprecher der EU-Kommission am Montag in Brüssel. „Es ist Zeit für eine gemeinsame Aktion, eine gemeinsame Antwort.“ Die EU-Kommission werde ihr angekündigtes Strategiepapier zur Migrationspolitik von Juni auf Mitte Mai vorziehen. Bei einem Treffen von Vertretern der EU und der Afrikanischen Union soll am Mittwoch in Brüssel auch über Migration gesprochen werden. EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini erklärte, das Problem lasse sich letztlich nur an den Wurzeln bekämpfen, „das heißt verhindern, dass die Boote abfahren“. Mogherini kündigte „eine Reihe von Vorschlägen für Libyen“ an, das Hauptabfahrtsland für Migranten mit Ziel Europa. Die EU müsse so schnell wie möglich dafür sorgen, dass nicht noch mehr Menschen im Mittelmeer umkämen, sagte der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier in Luxemburg.

Italiens Außenminister Paolo Gentiloni forderte mehr Engagement anderer Länder: „Es ist nicht mehr haltbar, dass man auf einen europäischen Notstand nur mit italienischen Mitteln und Verpflichtungen antwortet.“ Renzi sagte: „Die Schmuggler sind die neuen Sklavenhändler. Ihnen müssen wir den Krieg erklären.“ Einen ersten Erfolg gab es in Palermo: Dort zerschlug die Polizei einen internationalen Schleuserring. Die Männer aus Afrika sollen mit großem Gewinn Flüchtlinge in EU-Staaten, auch nach Deutschland, geschleust haben.

Wenige Meter vor der Küste der griechischen Insel Rhodos lief derweil ein Flüchtlingsschiff auf Grund. Berichten zufolge starben drei Menschen, darunter ein vierjähriges Kind. Nach Angaben der Küstenwache wurden 80 Menschen gerettet.

Die Parlamentarische Versammlung des Europarates hat nach dem Flüchtlingsdrama eine Dringlichkeitsdebatte beschlossen. „Es ist unsere Aufgabe, die Alarmglocke zu läuten“, sagte die Präsidentin der Versammlung der 47 Europaratsländer, Anne Brasseur, am Montag. Es sei ein Drama, dass erst so viele Menschen sterben müssten, um die Politiker in Europa wachzurütteln.

Bambergs Erzbischof Ludwig Schick sprach sich für eine Neuauflage von „Mare Nostrum“ aus. Eine solche „Meereswache“ müsse bis an die afrikanischen Küsten operieren, um Flüchtlinge aus den Booten zu retten und nach Europa zu bringen. Europa brauche eine klare Einwanderungspolitik. Es müsse weltweit kommuniziert werden, wer nach Europa einwandern könne und wer nicht. Ebenso klar müssten die Integrationsbedingungen sein. Schick rief dazu auf, die nordafrikanischen Staaten zu stabilisieren, vor allem Libyen und Tunesien. Ziel müsse es sein, dass die Länder politisch wieder handlungsfähig werden, um Schleppern vor Ort das Handwerk zu legen. Erzbischof Schick fordert eine bessere Entwicklungshilfe: „Solange es Armut, Hunger, Arbeitslosigkeit, keine Perspektiven, vor allem in Afrika gibt, werden die Flüchtlingsströme nicht abreißen.“ Der Hildesheimer Bischof Norbert Trelle, Vorsitzender der Migrationskommission der Bischofskonferenz, sagte: „Mit Trauer und Zorn nehme ich wahr, dass das Mittelmeer zum größten Massengrab Europas geworden ist.“

Die Nachricht von der Katastrophe hatte sich in Italien am Sonntagvormittag verbreitet, doch erst im Laufe des Tages wurde klar, welche Tragödie sich 60 Meilen vor der libyschen Küste abgespielt haben muss. Das völlig überladene, etwa 30 Meter lange, in Ägypten gestartete Fischerboot mit fast tausend Personen an Bord hatte über das Satellitentelefon eines Mitglieds der das Kommando führenden Schlepperbande um Hilfe gebeten. Als sich ein unter portugiesischer Fahne fahrendes Handelsschiff zeigte, hatten sich die Flüchtlinge alle auf eine Seite des Boots gestürzt, um das Schiff aufmerksam zu machen. Die Besatzung des Handelsschiffs konnte nur zusehen, wie sich das Boot zur Seite neigte, kenterte und sank. Einer der Geretteten berichtete, die Flüchtlinge seien aus Algerien, Ägypten, Somalia, Nigeria, Senegal, Mali, Sambia, Ghana und Bangladesch gekommen.

Papst Franziskus ging nach dem Gebet des „Regina coeli“ auf das Unglück ein. Er sprach vom zutiefst empfundenen Schmerz angesichts einer solchen Tragödie. An die internationale Gemeinschaft richtete Franziskus einen „betrübten Appell“, „mit Entschiedenheit und Schnelligkeit“ zu handeln, damit sich ähnliche Tragödien nicht wiederholen. „Das sind Männer und Frauen wie wir“, sagte der Papst auf dem Petersplatz über die Opfer, „unsere Brüder, die ein besseres Leben suchen, ausgehungert, verfolgt, verletzt, ausgenutzt, Opfer von Kriegen; sie suchen ein besseres Leben. Sie suchten Glück.“

Mit diesem bisher schlimmsten Schiffsunglück im Mittelmeer hat sich die Zahl der Flüchtlinge, die ihren „Traum von Europa“ in den Gewässern zwischen Nordafrika und Südeuropa mit dem Leben bezahlen mussten, seit Jahresbeginn auf etwa 1 700 Menschen erhöht. Seit dem Ende der von Italien getragenen Aktion „Mare nostrum“ im Dezember 2014 und dem Beginn der auf die EU-Behörde Frontex übergegangenen Zuständigkeit für die Mittelmeer-Flüchtlinge fühlt sich Rom von den EU-Partnern alleine gelassen. (Siehe Seite 2)