„Eskalationsrisiko ist diesmal sehr hoch“

Experte Hans-Joachim Schmidt über die Nordkorea-Strategie der USA und Chinas Einfluss auf den kleinen Nachbarn. Von Clemens Mann

Hans-Joachim Schmidt beobachtet für die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung Nordkorea. Foto: HSFK
Hans-Joachim Schmidt beobachtet für die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung Nordkorea. Foto: HSFK
Herr Schmidt, die Lage auf der koreanischen Halbinsel hat sich in den letzten Tagen erneut verschärft. Wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, dass die Situation dort eskaliert?

Beide Seiten wollen keinen Krieg. Die nordkoreanische Führung droht mit Krieg, weil sie bilaterale Gespräche mit den Amerikanern will. Sie will von den Amerikanern als Nuklearmacht anerkannt werden. Das lehnen aber die USA (und alle übrigen Staaten) ab. Das Hauptrisiko besteht darin, dass ein Krieg aus Versehen passieren könnte. Es muss nur irgendwo eine militärische Aktivität gestartet werden. Die kann dann schnell eskalieren und zu einem richtigen Krieg führen.

Die USA und Südkorea setzen im Umgang mit Nordkorea auf Machtdemonstrationen. Beide Länder führen etwa gemeinsame militärische Manöver aus. Ist diese wenig deeskalierende Strategie angebracht?

Ja, einfach deswegen, weil Nordkorea in der Vergangenheit, wenn es mit Krieg gedroht hat, immer die USA und Südkorea zu Zugeständnissen zwingen konnte. Damit muss aber jetzt Schluss sein. Obama hat das im Vorfeld auch schon angekündigt. Das setzt natürlich voraus, dass man bereit ist, militärische Provokationen Nordkoreas abzuschrecken. Sollte Nordkorea wirklich militärische Provokationen starten, ist das Eskalationsrisiko deshalb diesmal sehr hoch.

Mit dieser Strategie wird man aber Nordkorea nicht davon abhalten können, den Weg zu einer Atommacht weiter zu beschreiten...

Nordkorea ist sicherlich nicht davon abzubringen. Das Land ist ja fast schon eine Nuklearmacht: Es hat drei Nuklearsprengköpfe zur Detonation gebracht und ist dabei, nun deren Miniaturisierung zu entwickeln, damit es sie auf Raketen und in Bomben packen kann. Soweit scheint die nordkoreanische Führung noch nicht zu sein. Aber das ist nur eine Frage der Zeit, bis es so weit ist. Mit ihrer Politik der Stärke können die USA die Atommacht Nordkorea natürlich nicht verhindern. Man muss aber Nordkorea klarmachen, dass es seine Nachbarn nicht einfach durch militärische Provokationen zu zusätzlicher Hilfeleistung und zu Gesprächen erpressen kann.

Welche Schritte sind notwendig, damit der Konflikt in Korea gelöst werden kann?

Natürlich führt mittel- und langfristig kein Weg an Gesprächen vorbei. Nordkorea muss vorher aber bereit sein zu einer grundsätzlichen Verhaltensänderung. Es kann nicht permanent seine Nachbarn erpressen, damit sie humanitäre Hilfe leisten. Das Land muss mehr Berechenbarkeit und Stabilität gerade bei der Entwicklung zu einer Nuklearmacht zeigen. Hinzu kommt ein weiteres Risiko: Nordkorea kann seine Raketentechnologie und sein Wissen über Nuklearwaffen an andere Staaten, eventuell auch an internationale terroristische Organisationen weitergeben. Das muss unbedingt verhindert werden und Nordkorea muss hier verlässlich kooperieren.

Aber allein die USA können Nordkorea zu dieser Verhaltensänderung nicht zwingen. Müsste nicht auch China stärker berücksichtigt werden?

Ja, die USA und auch Japan und Südkorea sind allein dazu nicht in der Lage. Es braucht die Unterstützung von Russland und China, aber auch anderer Staaten. Je stärker und einiger die übrige internationale Staatengemeinschaft gegenüber Nordkorea auftritt, desto eher ist mit einem Einlenken zu rechnen. In der Vergangenheit konnte Nordkorea immer mit einer gespaltenen Staatengemeinschaft rechnen.

Das schwierige Verhältnis zwischen Peking und Washington spielt Pjöngjang also in die Hände...

Das ist sicherlich richtig. Peking hat das Problem, dass es Nordkorea als Pufferstaat gegenüber Südkorea und den anwesenden Amerikanern benötigt. Es setzt deswegen stärker auf die Stabilisierung Nordkoreas als auf seine Denuklearisierung. Peking kann es als enger Verbündeter aber nicht egal sein, wie sich Nordkorea international verhält. Es kommt jetzt auf die neue chinesische Führung an. Ich glaube nicht, dass China weiterhin zu allem, was aus Nordkorea kommt, Ja und Amen sagen wird.