„Es werden falsche Prioritäten gesetzt“

Kardinal Rodriguez Maradiaga bilanziert zehn Jahre UN-Millenniumsziele Von Christoph Renzikowski und Caroline Schulke

Kardinal Rodriguez, als vor zehn Jahren die Millenniums-Entwicklungsziele beschlossen wurden, waren die Erwartungen hoch, teils sogar euphorisch. Wie ernüchtert sind Sie?

Ich glaube, dass es eine sehr gute Absicht der Vereinten Nationen war. Aber bisher gab es nicht genügend Anstrengungen, die Ziele auch zu erreichen. Jetzt sind schon zwei Drittel der Zeit vergangen, und es bleiben nur noch fünf Jahre, die Armut in dem versprochenen Umfang zu reduzieren. Doch das Gegenteil ist der Fall: Anstatt dass die Armut vermindert worden wäre, ist sie in den vergangenen zwei Jahren im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise noch größer geworden.

Ist es denn angesichts der Wirtschaftskrise nicht nachvollziehbar, dass die Industrieländer vor allem ihre eigenen Staatsfinanzen sanieren wollen und die Entwicklungsziele, etwa die Anhebung der Entwicklungshilfe auf ein Niveau von 0,7 Prozent des jeweiligen Bruttosozialprodukts, dadurch mehr aus dem Blick geraten.

Nein. Es werden falsche Prioritäten gesetzt. Mit sehr viel Geld werden die Banken saniert, aber für die Bekämpfung des Welthungers fehlen die Mittel. Vor zwei Jahren wurden bei einem Gipfel der Welternährungsorganisation FAO in Rom sechs Milliarden Dollar gefordert, um das Problem des Hungers zu beseitigen. Die gab es nicht. Nur einen Monat später stellte US-Präsident Barack Obama 800 Milliarden Dollar bereit, um die Bankenkrise zu überwinden. Das sind die Widersprüche der Welt von heute. Und es macht mich wirklich traurig, dass in dieser wirtschaftlich schwierigen Situation wieder vor allem auf Kosten der Armen gespart wird.

Umgekehrt wird in den Geberländern oft beklagt, dass geleistete Hilfe in dunklen Kanälen versickert oder durch mangelnde Regierungsführung wirkungslos verpufft. Welchen Anteil haben die Entwicklungsländer am Ausbleiben der Erfolge?

Die Korruption ist sicher eines der größten Probleme in den Entwicklungsländern. Wir haben mit den Geberländern gesprochen, warum die Hilfe immer von Regierung zu Regierung fließen muss. Manche sind einfach nicht in der Lage, damit transparent umzugehen. Eine Million Euro, die der Caritas gegeben wird, erreicht viel mehr als 100 Millionen Euro, die über die Regierung vermittelt werden. Vieles geht durch Bürokratie und Korruption verloren.

Wäre es daher nicht realistischer, die Entwicklungsziele oder den Zeitplan zu ändern?

Mit Blick auf die Millenniums-Entwicklungsziele sollten nicht nur schöne Worte gemacht werden. Der politische Wille muss auch da sein, sie zu erreichen.

Was muss passieren, damit dies auch geschehen kann?

Das ist schwierig. Im September gibt es einen neuen UN-Gipfel dazu. Da wird bestimmt viel darüber gesprochen werden, wer schuld an der Krise ist. Aber ich rechne nicht damit, dass es zu sichtbaren Fortschritten kommt. Ich vermisse den tiefen Wunsch nach Veränderung.

Welchen Beitrag kann die Kirche leisten?

Wir stellen nicht nur Forderungen an die Vereinten Nationen, sondern engagieren uns auch selbst, etwa in der Sozialpastoral. Wichtig ist nicht nur, die Armut um die Hälfte zu reduzieren, wie es die Millenniumsziele vorsehen. Auch Bildung und Erziehung bringen die Menschen weiter. Vor allem in Missionsgebieten ist die Kirche auf diesem Gebiet eine Pionierin.

Muss die Kirche andererseits bestimmte Positionen überdenken und weiterentwickeln, etwa im Kampf gegen Aids?

Sicher. Man darf aber nicht vergessen, dass 25 Prozent der Aids-Zentren weltweit von der katholischen Kirche geleitet werden. Man wirft der Kirche vor, dass sie zu wenig für die Prävention tut. In Uganda zum Beispiel aber ist die Aids-Rate zurückgegangen, als die geistliche Gemeinschaft Sant' Egidio begann, sich in der Sexualerziehung zu engagieren. DT/KNA