„Erstaunlich, wie die Ökonomie Irrationalität legitimiert“

Professor Karl Gabriel vom Institut für christliche Sozialwissenschaft in Münster zur aktuellen Bankenkrise in den USA

Der aktuelle Kollaps von Großbanken in den USA mit seinen Konsequenzen für die Weltwirtschaft beunruhigt die Bürger. Wie ein christlicher Sozialethiker diese Finanzkrise einordnet, hat Johannes Seibel den Münsteraner Professor Karl Gabriel gefragt.

Die größte deutsche Boulevardzeitung hat gestern mit der Angst der Bürger um ihr Erspartes getitelt. Kann der einzelne Bürger die aktuelle Finanzkrise überhaupt durchschauen?

Das globalisierte Finanzsystem tritt in der Tat wie ein Moloch auf. Es zeigt sich jetzt in aller Deutlichkeit, dass es der Regulierung des globalen Finanzmarktes bedarf und dazu sind internationale Abkommen nötig. Bisher ging man davon aus, dass es reicht, wenn man die Transparenz in diesem globalen Finanzsystem erhöht. Heute muss man die Lehre ziehen, das reicht nicht, es bedarf der Marktregulierung und das wird eben eine der politischen Aufgaben in der unmittelbaren nächsten Zeit sein. Aus meiner Sicht der katholischen Soziallehre wird deutlich, dass auch ein globalisiertes Wirtschafts- und Finanzsystem rückgebunden sein muss zumindest an minimale Standards des Gemeinwohls. Dazu gehört zunächst einmal eine Neubewertung der Rolle des Staates. Man hat in letzter Zeit so getan, als sei der Staat nur ein Klotz am Bein der Wirtschaft. Nun zeigt sich aber, dass gerade diejenigen, die den Staat als überflüssig eingeschätzt haben, als erste nach ihm rufen. Daraus sollte die Konsequenz gezogen werden, die Rolle des Staates als ein wertorientierter Akteur in der Wirtschaft neu in den Vordergrund zu stellen, der für die Verpflichtung auf minimale Standards des Gemeinwohls sorgen kann.

Was heißt das?

Den eigenen Wirtschaftsstil in Deutschland weiter pflegen und stärken, das ist eine der Konsequenzen, die man aus der gegenwärtigen Krise ziehen sollte. Wir sollten erkennen, dass es der richtige Weg ist, einen Konsens zu suchen zwischen den unterschiedlichen Interessen der wirtschaftlichen Akteure, zwischen Unternehmern und Arbeitnehmern und so weiter. Es zeigt sich ja, dass wir in Deutschland offensichtlich nicht so stark von dieser Krise betroffen sind, wie die angloamerikanischen Länder. Und am Wirtschaftsstil Deutschlands hat ja auch die katholische Soziallehre ihren Anteil, die die soziale Marktwirtschaft mitgeprägt hat und Auswüchse des Kapitalismus immer kritisch gesehen hat.

Es heißt, eine Wirtschaft braucht Konsum, um zu wachsen, und der soll zur Not auch auf Pump finanziert werden. Den Bürgern wurde eingeredet, sie könnten sich mit Hilfe von Verbraucherkrediten alles leisten. Selbst Ökonomen hielten das für richtig. Was sagt da der christliche Soziallehrer?

Ja, es ist schon erstaunlich, dass eine eigentlich mit höchster Rationalität auftretende Wissenschaft, nämlich die Ökonomie, solche Irrationalität immer wieder legitimiert hat. Es muss tatsächlich zu einem verantwortlichen Handeln auf allen Ebenen zurückgekehrt werden. Es kann nicht sein, dass die Realwirtschaft sich in dieser Weise von der Finanzwirtschaft abkoppelt. Das gilt auch beim einzelnen Verbraucher, der sozusagen seine eigene realwirtschaftliche Lage mit seinen Finanzmöglichkeiten verantwortlich in Einklang bringen muss.

Wird nach dieser Krise das Weltwirtschaftssystem ein anderes sein?

Kritische Stimmen hat es immer gegeben, die für mehr wirtschaftliche Vernunft eingetreten sind. Dass mit einem Schlag aber ein neues System kommt, halte ich kaum für möglich. Aber dass die Weichen in eine andere, richtige Richtung gestellt werden, das hoffe ich.