Ersatzreligion Sport

XXIII. Olympische Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang. Ein Anlass, um über die vielschichtige Beziehung des Sports zur Religion nachzudenken. Von Josef Bordat

Religion und Sport — nichts scheint weiter auseinanderzuliegen. Doch es gibt einen engen Zusammenhang zwischen Körper und Kult, zwischen Sport und Spiritualität. Ganz allgemein liegt die religiöse Bedeutung des Sports in dessen anthropologischer Funktion als besonderes Element der Kultur menschlicher Körperlichkeit. Sport ist Körperkultur und damit Kultur und damit – im weitesten Sinne – religiöser Akt, soweit damit die Absicht verbunden ist, im menschlichen Handeln über den Menschen hinauszuweisen. Das verbindet Formen der Kultur im engeren Sinne (Musik, Kunst, auch den Sport) mit der Religion. Sport hat eine besondere Nähe zur Religion, weil es dabei darum geht, das Wesen menschlicher Körperlichkeit zu erfahren und dessen intrinsische Hemmnisse als Herausforderungen zu begreifen und schließlich zu überwinden. Im Sport werden Grenzen überschritten, eigene Grenzen und (scheinbar) menschliche Grenzen schlechthin. Das ist der erste Schritt in Richtung Selbsttranszendierung und Glückseligkeit als klassische Anliegen der Religion. In der Geschichte des Sports zeigt sich dessen Nähe zur Religion sehr deutlich – bis hin zu dem Umstand, dass er heute selbst ins Religiöse hinein verklärt wird. Der Sport wird zur Ersatzreligion.

Die religiöse Dimension des antiken Olympia

Alles begann — wie jede Manifestation menschlicher Kultur — mit dem religiösen Glauben an Gott. Oder an Götter. Der Olymp ist der Sitz der hellenischen Götter, die Olympischen Spiele im antiken Griechenland Feiern zu ihren Ehren, insbesondere zu Ehren des Zeus. So war es ab 776 vor Christus. Olympia war wichtig – die Griechen teilten ihre Zeit danach ein: eine Olympiade war der Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen. Jesus Christus wird — so hören wir es im Martyrologium in der Weihnachtsliturgie — „in der 194. Olympiade“ geboren. Voraussetzung für ein unbeschwertes Fest und nicht zuletzt, um den bis zu 40 000 Athleten überhaupt die sichere An- und Abreise zu den Wettkampfstätten in Olympia zu ermöglichen, war die olympische Waffenruhe, die als ausdrücklicher Gottesfriede in einem Abkommen griechischer Stämme bereits 884 v. Chr. vereinbart wurde. Olympia macht es möglich. Doch der Friede galt nur im Gebiet von Elis, in dem der Austragungsort Olympia liegt, wie Sporthistoriker Stephan Wassong klarstellt: „Keine militärische Auseinandersetzungen hat aufgehört, weil die Spiele ausgetragen wurden. Da genügt ein Blick auf den Peloponnesischen Krieg.“

Für die Athleten selbst gab es eine besondere Qualifikationsbedingung: „An den Spielen darf teilnehmen jeder Grieche, sofern er frei geboren, von keiner Bluttat befleckt und nicht beladen ist mit dem Fluch der Götter.“ Religiöse Wettkämpfe zu Ehren der Götter waren dabei nicht auf Olympia beschränkt, sondern fanden in vielen Teilen Griechenlands regelmäßig statt. Ein Ende hatte dies erst im Jahr 393 – oder: am Ende der 293. Olympiade: Kaiser Theodosius I. verbot alle heidnischen Kulte. Das betraf auch die Wettkämpfe in Olympia. Theodosius II. schuf dann 426 mit der Schließung des Zeustempels endgültig Fakten. The Games must not go on — obwohl sie im Verborgenen noch bis ins 6. Jahrhundert hinein stattgefunden haben sollen. Das Verbot der Spiele aus religionspolitischen Gründen ist ein weiterer Hinweis darauf, dass Sport und Religion in der Antike untrennbar miteinander verbunden waren.

Die quasireligiöse Dimension des modernen Olympia

Der Bezug zur Sphäre des Religiösen wird jedoch auch bei den Spielen der Moderne deutlich, die ab 1896 regelmäßig stattfinden — „olympischer Friede“ vorausgesetzt: 1916 sowie 1940 und 1944 fiel Olympia den Weltkriegen zum Opfer. Der Begründer der neuzeitlichen Olympischen Spiele, Baron Pierre de Coubertin, griff bewusst den religiösen Aspekt der antiken Wettkämpfe auf. Dabei ging es ihm weniger um den Kern des Religiösen, den Transzendenzbezug und die Rituale kultischer Verehrung, sondern um religiöse Sprache und die Fähigkeit der Religion, ein stabiles Wertegerüst aufzurichten und zu sichern. Der Pädagoge Coubertin ist ein Streiter gegen die Nebenwirkungen der Moderne, den Egoismus, das Gewinnstreben, den Zerfall familiärer Bindungen und traditioneller Wertvorstellungen. Gegen die Dekadenz will er die Tugenden einer„Athletenreligion“ setzen: Leistungsbereitschaft, Gemeinschaftssinn, Chancengleichheit, Globalitätsbewusstsein, Fairness. Das Bild der Religion wählt Coubertin also nicht mit der Absicht, christliche Glaubensinhalte zu vermitteln, sondern um seiner Idee den Glanz „kultischer Rituale“ zu geben, um Olympische Spiele „mittels der Pracht machtvoller Symbolik von der einfachen Serie von Weltmeisterschaften“ unterscheidbar zu machen und mit ihnen eine „philosophische und historische Lehre gewaltiger Reichweite“ zu begründen, so der Sportwissenschaftler Elk Franke.

Die olympische Liturgie wird weiterentwickelt (seit 1920 gibt es den Eid, seit 1928 tragen die Goldmedaillen das Bild der griechischen Siegesgöttin Nike), um kurz vor Coubertins Tod (1937) bei den Nazi-Spielen 1936 in Berlin auf ein neues Niveau gehoben zu werden, mit bis heute gültigen Symbolen und Ritualen, etwa dem Fackellauf. Hier ergibt sich wiederum eine Brücke in die Antike: Bis heute wird die Fackel im heiligen Hain von Olympia von einer als Hohepriesterin verkleideten Frau entzündet, von dort macht sie sich auf den Weg durch die Welt. Athen und der Erdkreis — Olympische Spiele haben ihr ganz eigenes „urbi et orbi“.

Dabei sein ist alles? Religion bei Olympia

Der amerikanische Unternehmer Avery Brundage, der nach dem Krieg die Führung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) übernahm, sah in den Athleten „eine Art Priester und Diener der Religion der Muskelkraft“. 1964 gab er zu Protokoll: „Die olympische Bewegung ist eine Religion des 20. Jahrhunderts, eine Religion mit universalem Anspruch, die in sich die Grundwerte anderer Religionen vereinigt. Eine moderne, dynamische Religion, attraktiv für die Jugend, und wir vom Internationalen Olympischen Komitee sind seine Jünger.“ Es gab zu Beginn der Olympischen Bewegung den Versuch, das Christentum mit der neuen „Religion der Muskelkraft“ zu versöhnen. Bei den Spielen in Stockholm 1912 gab es auf Anweisung Coubertins einen zehnminütigen Gottesdienst mit einem Psalm und zwei Gebeten, eins auf Schwedisch, eins auf Englisch. Später hat der Baron Zweifel an diesem Schritt. In seinen Erinnerungen schreibt er: „Wenn wir wie in Stockholm die Wettbewerbe durch einen öffentlichen Gottesdienst begannen, zwangen wir die Athleten, daran teilzunehmen. Es waren aber zum Teil reife Männer, denen das missfallen konnte. Das Ganze dauerte zehn Minuten, aber es lag etwas Erhabenes in dem tiefen Schweigen dieser Tausenden von Zusehern und Athleten. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass wir unsere Rechte überschritten.“ Zukünftig blieb es dem jeweiligen Veranstalter überlassen, eine kurze religiöse Feier von maximal drei Minuten abzuhalten. In den offiziellen olympischen Statuten war hierfür ein Platz unmittelbar vor dem Eid der Athleten (seit 1972 auch der Wettkampfrichter) vorgesehen. Seit 1980 – seit den Boykott-Spielen von Moskau – fehlt ein derartiger Hinweis in der Olympischen Charta. Das Christentum steht also der „Ersatzreligion Sport“ nicht mehr im Weg.

Die Olympische Bewegung sah sich also immer als mehr an denn nur als Organisationsform sportlicher Wettkämpfe. Ihr liegt ein Ethos zugrunde, der den modernen Gedanken des Fortschritts mit dem der Fairness zu vermitteln sucht. Sie wird dementsprechend von zwei ganz unterschiedlichen, ja, gegensätzlichen Ideen getragen. Einerseits von dem versöhnlichen, fast demütigen „Dabeisein ist alles“ (eigentlich: „Wichtig ist nicht zu siegen, sondern teilzunehmen“), andererseits vom kompetitiven und progressistischen „Citius, altius, fortius“ (zu deutsch: „Schneller, höher, stärker“). Beide Leitmotive gehen auf Geistliche zurück. Das Citius-Motiv stammt vom französischen Dominikanerpater Henri Didon, der es zuerst auf einem Schulsportfest in Arcueil formulierte, bei dem auch Pierre de Coubertin anwesend war. Dieser schlug es beim IOC-Gründungskongress 1894 als Devise des Olympischen Sports vor. Erstmals trat es dann 1924 bei den Spielen in Paris als Motto in Erscheinung; 1949 wurde es als olympische Leitidee in die IOC-Satzung aufgenommen: „Diese Ringe [gemeint sind die fünf ineinander verschlungenen Ringe der olympischen Fahne] und die Devise ‚Citius, Altius, Fortius‘ konstituieren das olympische Emblem.“ Und in einer Ansprache bei den Spielen in London (1908) zitierte Pierre de Coubertin den Anglikaner-Bischof Ethelbert Talbot mit den Worten: „The important thing in the Olympic Games is not winning but taking part.“ Daraus wurde — etwas zugespitzt – das berühmte „Dabeisein ist alles“.

Die Eröffnungsfeier als Inszenierung eines pseudoreligiös-pathetischen Humanismus'

Dabei sein ist jedoch längst nicht mehr alles in der Kommerzmaschine Olympia. Zudem sind Olympische Spiele heute in erster Linie gigantische Show-Veranstaltungen, die auf Stimmungserzeugung ausgerichtet sind, wie Sportphilosoph Gunter Gebauer meint. Er weist darauf hin, dass Pierre de Coubertin ein großer Anhänger Richard Wagners war. Die olympische Inszenierung erlaubt es den Medien, die Sportler als Heilige zu präsentieren, deren Taten nicht das Produkt von Talent und harter Arbeit sind, sondern ein „Wunder“, eine „unglaubliche Leistung“. Der evangelische Theologe Jürgen Moltmann warnt angesichts dieser Entwicklung: „In Olympia feiert der Mensch sich selbst. Eine Religion ohne Gott führt zur Vergötterung der Menschen und ihrer Leistung.“ Was diese Pseudoreligiösität eines pathetischen Humanismus' ausmacht, ist die Zurschaustellung des Sportlers, aber auch eine ergreifende Liturgie.

Die Rituale einer Eröffnungsfeier haben durchaus einen quasireligiösen Charakter. Es ist ein „heiliges“ Ritual, jener „Einmarsch der Nationen“, das Hineintragen der Olympischen Fahne, die Hymnen, das Entzünden des Feuers. Die Eröffnungszeremonie habe den Charakter einer Friedenswallfahrt, hat der ehemalige österreichische Olympia-Kaplan Bernhard Maier einmal gesagt. Der „Einmarsch der Nationen“ erinnere ihn an die Verheißung der alttestamentlichen Propheten von der Völkerwallfahrt nach Jerusalem und dem verheißenen Reich des Friedens: „Wenn 200 Nationen einmarschieren, sind im Stadion praktisch alle Völker der Welt versammelt.“ Auch der amtierende Olympia-Kaplan der Wintersportnation Österreich, der Zisterzienserpater Johannes Paul Chavanne, äußerte jüngst in einem „Kathpress“-Interview die Hoffnung, die Spiele von Pyeongchang mögen „friedensstiftend und völkerverbindend“ sein. Was kann da symbolträchtiger sein, als ein gemeinsamer Einzug der beiden koreanischen Mannschaften.

Und dann ist da der Eid, eine Art „Glaubensbekenntnis“ der „Muskelreligion“: „Im Namen aller Athleten verspreche ich“, so einer der Sportler stellvertretend für die „Gemeinde“, die Hand an der Fahne mit den fünf Ringen, „dass wir an den Olympischen Spielen teilnehmen und dabei die gültigen Regeln respektieren und befolgen und uns dabei einem Sport ohne Doping und ohne Drogen verpflichten, im wahren Geist der Sportlichkeit, für den Ruhm des Sports und die Ehre unserer Mannschaft.“

Seit den Olympischen Sommerspielen in Sydney im Jahr 2000 enthält der olympische Eid die Antidopingklausel. Wer fortan erwischt wird, ist — voila: ein „Dopingsünder“. Er wird als Ketzer ausgeschlossen. Auch im negativen Modus bleibt sich der Sport als Ersatzreligion treu.

Von Flankengöttern und Lichtgestalten. Fußball als Religion

Am deutlichsten wird der Charakter des Sports als Ersatzreligion jedoch in der Sportart, die wohl weltweit die meisten Menschen in ihren Bann zieht: Fußball. Begonnen hat es spätestens mit Hans Zimmermann, der Nationaltorwart Toni Turek in seiner Radioreportage des WM-Endspiels von 1954 kurz hintereinander „Teufelskerl“ und „Fußballgott“ nannte. Die noch nicht an die Vergötzung von Show- und Sportgrößen gewöhnte Öffentlichkeit reagierte verstört, die Kirche protestierte. Der Sender bat um Entschuldigung. Heute ist die Rede von „Fußballgöttern“ an jedem Wochenende in jedem x-beliebigen Stadion präsent. Niemand, der sich aufregte.

Im Fußballsport finden sich zudem in Ritus und Gestus zahlreiche Anspielungen auf religiösen Kult. Vereine spreizen sich zu quasireligiösen Gemeinschaften auf, erfassen die Totalität der Lebensvollzüge (es gibt Menschen, die schlafen in Schalke-Bettwäsche), verknüpft mit der Hoffnung auf Heil („Und wir hooo-len den Pooo-kal, hal-le-luuu-ja“), die sich wiederum an das Aufscheinen besonderer Gnade bindet („Flankengott“), deren Manifestation sich manchmal bereits qua nomine aufdrängt (Götze und Messi[as]). Spieler werden vergöttert oder haben es zumindest zeitweilig bis zur engelsgleichen „Lichtgestalt“ (Franz Beckenbauer) gebracht. Der Ritus der Siegerehrungen trägt deutliche Spuren des Religiösen, wenn im Konfettiregen der gewonnene Pokal in die Höhe gestemmt wird – ein Gestus, der an die Elevation des Kelches während der Eucharistiefeier erinnert, oder an das Heben der Monstranz zum Sakramentalen Segen. All dies sind punktuelle Beispiele für metaphorische und allegorische Anleihen des Fußballs bei der christlichen Religion. Basis der Quasireligiosität ist jedoch die ganz ähnliche Organisationsstruktur des Kults: der Fußball hat weltumspannenden Gemeinschaftscharakter. Wie die Kirche.

Sportphilosoph Gebauer hat ein Buch über den Fußball geschrieben, in dem er diesen aus anthropologischer Sicht deutet, Titel: „Das Leben in 90 Minuten“. Darin zeigt sich auch die intrinsische Religiosität des Fußballs, die es verlockend macht, ihn konsequenterweise auch gleich zur Ersatzreligion zu erheben. Deutlich wird dies für Gebauer an der Schicksalhaftigkeit des Spiels, etwa bei Toren in letzter Minute: „Mit einem Schlag wird für die Spieler und ihre Anhänger die ganze Schutzlosigkeit des Menschen präsent. Es ist ein tragischer Blick in die Abgründe der menschlichen Existenz.“ Hinzu kommt der Bruch mit der Alltagswelt, auch etwas, das typisch ist für Religion: „In Zeit und Raum grenzt sich das rituelle Geschehen des Fußballs von der Alltagswelt ab“, wobei „die serielle Erregung der Fußballspiele“ die „Alltäglichkeit der Arbeitswoche überlagert“. Die Folge, so Gebauer: „Die Routine des Lebens wird von einem Fest in Permanenz eingerahmt.“

Die Dimension des Fußballs als Ersatzreligion zeigt sich immer da, wo ohnehin eine ausgeprägte Religiosität und Frömmigkeit kulturell stark verwurzelt ist. Und: Um wirklich aus dem Fußball eine Religion zu machen, braucht es Wissen über beides – Fußball und Religion. Vor allem aber Liebe – zu beidem. Das findet man vor allem in Südamerika.

Zum Beispiel: Maradona

In Argentinien haben die Fans ernst gemacht mit der Vergötzung Diego Armando Maradonas. „El Diego“ ist für viele ein Heiliger, ja — in Anspielung auf seine Rückennummer 10 – sogar ein „D10S“ (zu deutsch: „Gott“). 2006 ist der Film „Maradona — La mano de Dios“ erschienen, eine Anspielung auf die Äußerung Maradonas nach einem Handspiel im WM-Viertelfinale gegen England 1986, es sei „die Hand Gottes“ im Spiel gewesen, nicht seine Hand. Doch wo ist da schon der Unterschied?, fragen seine Fans. Sie haben ihm keine Kirche geweiht, sondern gleich eine Kirche gegründet, die Iglesia Maradoniana, deren etwa 40 000 Anhänger an Maradonas Geburtstag „Weihnachten“ feiern. Das ist zwar auch eine Parodie auf den Medien-Hype um Maradona, doch so ganz aus der Luft gegriffen ist das Phänomen der devoten Verehrung nicht: In Maradona berühren sich die Sphären des südamerikanischen Selbstverständnisses – eine tiefe Religiosität und eine fanatische Fußballbegeisterung. Nur wenn beides zusammenkommt, können Fußball und Religion zur „Quasireligion Fußball“ verschmelzen.

Die Rolle der Organisationen

Die schier allmächtigen Spitzenverbände, die FIFA und das IOC, sind seit Jahren in Sachen Religion auf einer Linie: Globale Großveranstaltungen, seien es Olympische Spiele wie jetzt in Südkorea oder Fußballweltmeisterschaften wie im Sommer in Russland, sind bekundungs- und bekenntnisfrei abzuhalten, weil sie selbst voll Bekundung und Bekenntnis sind. Das ergibt im Sendungsbewusstsein der Spitzenfunktionäre Sinn, die mit ihren Events quasireligiöse Surrogate eines entschwundenen kollektiven Gefühls für das „Höhere“ und „Erhabene“ anbieten wollen. Mit Ergänzung ist man also nicht mehr zufrieden, man will Ersatz. Der Sport beansprucht das Monopol in Sachen Sinnstiftung und beißt die Konkurrenzreligionen weg. Aus Gründen der Neutralität.

Das IOC hat dabei einen großen Vorteil: Olympia kann an tradierte Formen anknüpfen, baut auf die Kontinuität des Ewig-Gleichen einer Eröffnungsfeier. Eine solche Symbolkraft hat der Fußball nicht. Er muss „von Null“ zum Religionsersatz schlechthin aufgebaut werden. Die Chancen dafür hielt der ehemalige FIFA-Chef Joseph Blatter höchstpersönlich für recht gut: „Fußball ist mehr als eine Religion, mehr als alle Religionen zusammen.“ Unter diesen Umständen und mit diesem Selbstverständnis tun IOC und FIFA niemandem weh, wenn sie die Freiheit zur Ausübungen jeder anderen Religion untersagen, einer Religion, die nicht „Olympia“, die nicht „Fußball“ ist, denn: Alle anderen Religionen sind angesichts der Überlegenheit der „Ersatzreligion Sport“ nicht mehr nötig.

 

Olympiaseelsorge

Die deutsche Olympiamannschaft wird seit mehr als 40 Jahren bei Sommer- und Winterspielen von einem ökumenischen Seelsorgerteam begleitet. Ein katholischer und ein evangelischer Geistlicher bieten den Athleten, Trainern und Betreuern Gesprächsmöglichkeiten und Gottesdienstbesuche an. Seit 2006 betreut auf evangelischer Seite Pfarrer Thomas Weber aus Gevelsberg die Sportler. Die Stelle des katholischen Sportpfarrers ist zurzeit nicht besetzt, deswegen wird jeweils für ein Großereignisse ein Olympiaseelsorger von der Deutschen Bischofskonferenz angefragt.