Erfreulich wirklichkeitsnah

Die Bertelsmann-Stiftung veröffentlicht eine wichtige Studie über Vaterschaft

Mitscherlich muss umgeschrieben werden. Das berühmte Buch des Soziologen der sechziger Jahre, „Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft“, scheint endgültig passé zu sein. Dieser Eindruck drängt sich nach der Lektüre der neuen Studie von Bertelsmann-Stiftung und Deutschem Jugendinstitut auf. Sie sind wieder da, die Väter, oder um es mit den Worten der Studie zu sagen: Die Männer haben wieder „Bock auf Familie“.

Allerdings ist der Weg zur Vaterschaft nicht minder beschwerlich als vor vierzig Jahren. Der neu aufgelebte Wunsch stößt an Grenzen. Aus den Zahlenkolonnen und Grafiken ist deutlich abzulesen, woran es hapert, dass die Männer in Deutschland zögern, ihre natürliche Neigung zur Vaterschaft auch in die Wirklichkeit umzusetzen: Angst vor Verarmung, vor Problemen im Beruf, vor erheblich schlechteren Beschäftigungschancen für die Partnerin. Und, das kennt man schon aus anderen Studien, man brauche dafür auch die richtige Partnerin. Zum einen also das, was der Nestor der Soziologie heute, Franz Xaver Kaufmann, die „strukturelle Rücksichtslosigkeit“ gegenüber Familien in den modernen Gesellschaften nannte, und zum anderen der tiefe Wunsch nach Verlässlichkeit, früher hieß das übrigens Treue.

Erstaunlich ist an der Studie, dass ihre Umfrage-Ergebnisse die Natur des Mannes so deutlich bestätigen. Sie ist wirklichkeitsnah. Nichts da mit Gender-Mainstreaming, also der von der Politik und insbesondere von der EU-Verwaltung so intensiv betriebenen Gleichschaltung der Geschlechter. Es gibt sie, die Unterschiede zwischen Mann und Frau. Vater und Mutter sind eben nicht einfach austauschbar. Männer wollen Väter sein, nicht Mütter. Das wundert den Normalbürger eigentlich nicht. Aber hier ist, das sagt die Studie auch in erfreulicher Offenheit, die Politik gefordert. Und wer die ideologieträchtigen Debatten der letzten Jahre verfolgt hat, darf vor der neuen Offenheit der Bertelsmann-Stiftung den Hut ziehen. Ihre politisch besonders korrekte Haltung scheint sich zu ändern zugunsten von mehr Wirklichkeitssinn.

Das mag am Deutschen Jugendinstitut in München liegen, das diese Studie durchgeführt hat, die Bertelsmann-Stiftung war nur Auftraggeber. Aber die Gütersloher hätten sie nicht groß verbreiten brauchen. Es wäre in der Tat sehr zu begrüßen, wenn der familien- und gesellschaftspolitische Diskurs in diesem Land weniger von den stereotypen Sprechblasen aus Wirtschaft und Ministerium („wir brauchen mehr Krippen“, „das Elterngeld ist ein Renner“, „junge Frauen und Männer wollen heute beides gleichzeitig, Beruf und Familie“) geprägt würde und stattdessen mehr Realismus in die Diskussion einzöge. Denn das brauchen die jungen Familien wirklich: Verständnis für ihre Situation, mehr Zeit für die Familie, Anerkennung (auch finanziell) ihrer Familienarbeit. Nur dann wird es, was der Staat dringend braucht, auch mehr Kinder geben.

In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass die Studie auch ein Stück Ursachenforschung betreibt. Der Kinderwunsch sei demnach stärker, wenn die Männer selber bei ihren beiden leiblichen Eltern aufgewachsen sind. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte ist die Geschwistererfahrung und zwar ab drei Kindern. Wo es nur einen Bruder oder eine Schwester gab, ist der Kinderwunsch nicht sehr ausgeprägt. Das geht aus anderen Studien hervor, die jedoch in der Öffentlichkeit keine größere Beachtung gefunden haben. Immerhin ist erfreulich, dass der Zusammenhang zwischen intakten, natürlichen Familien und dem generativen Verhalten mal untersucht wird – auch wenn das politisch nicht so korrekt ist, wie man das in Berlin wünscht.

Überhaupt scheint sich das Bild des Vaters in der Wahrnehmung der Stiftungen und Institute zu wandeln. Früher, noch bis in die Zeiten Alexander Mitscherlichs, wurde der Vater eher als bedrohlicher Rivale und als repressives Autoritätsmodell (Sigmund Freud) dargestellt. Heute weiß man: Die primäre Väterlichkeit im ersten Jahr dient der Unterstützung der Mutter, die dem Kind am nächsten ist, es ja auch schon neun Monate lang war; in den weiteren Jahren, wenn das Kind sich aus der sogenannten Mutter-Kind-Dyade langsam löst, entsteht die Triangulation, also die Dreier-Beziehung, die so wichtig ist für die geschlechtliche Identitätsfindung. Und schließlich hat der Vater eine Aufgabe in der Pubertät und Präpubertät, also etwa ab acht, neun Jahren. In dieser Zeit identifiziert sich das Kind mit dem Vater und löst sich dann von ihm, es braucht ihn als Reibebaum und als Vorbild. Wenn der Vater fehlt, entfallen vielfach diese Funktionen. Sie sind von der Mutter nur partiell zu ersetzen. Das lässt sich nicht nur historisch beobachten, sondern ist auch ein Thema der heutigen gesellschaftspolitischen Debatte. Wir finden es wieder, wenn von den zurückgebliebenen Jungs die Rede ist, oder von den Mädchen, die die Jungs in jeder Beziehung abhängen, oder von Vereinen, die sich die Gleichberechtigung für Männer auf die Fahnen geschrieben haben.

Dieser anschwellende Leidensgesang hat viel mit dem Vaterbild in unserer Gesellschaft zu tun. Die Studie leistet da einen wertvollen Beitrag. Die Gender-Ideologie ist de facto Radikalfeminismus. Der Zwang, Mann und Frau als gleichartig und nicht nur gleichberechtigt anzusehen, führt zur Auflösung der Familie und zur Zerstörung des Menschlichen. Dem begegnet man am besten mit der Wahrheit, also mit der „Enthüllung der Wirklichkeit“, wie Josef Pieper die Wahrheit definierte. Das stellt alle Ideologen bloß. Und macht, nebenbei bemerkt, die Menschen frei und glücklich.