Erdogans Blendgranaten

Der türkische Angriff auf Nordsyrien stockt - Christen bitten um internationale Hilfe. Von Jürgen Liminski

Bartholomaios I. in Bonn
Bartholomaios I. hat eine Solidaritätsadresse an Erdogan verfasst. Foto: Foto:dpa
Bartholomaios I. in Bonn
Bartholomaios I. hat eine Solidaritätsadresse an Erdogan verfasst. Foto: Foto:dpa

Zehn Tage nach Beginn des türkischen Eroberungskriegs gegen die nordsyrische Provinz Afrin, den der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan als Präventionskrieg bezeichnet, sind dessen Panzerkolonnen und islamistischen Fremdenlegionäre nur ein paar hundert Meter weit gekommen. Der Weltöffentlichkeit berichtet er von einem Siegesmarsch und geringen Verlusten. Aber die Dörfer, die die türkische Invasionsarmee tagsüber besetzt, müssen nachts wieder geräumt werden. Denn nachts schlagen die kurdischen Milizen zu. Sie kennen das Gelände, sind gut bewaffnet, auch mit panzerbrechenden Granaten. Es ist eine neue Form der Kriegführung: Kein klassischer Krieg, den die Türken führen wollen, und kein asymmetrischer Krieg nach Art der Guerrilla. Der Welt erzählt Erdogan, in Afrin kämpfe man auch gegen den IS. Aber in dieser Provinz hat der IS nie Fuß fassen können. Viele Syrer sind gerade vor dem IS nach Afrin geflohen. Über Verluste gibt es widersprüchliche Angaben. Sicher ist, dass sie sich auf türkischer Seite auf mehrere hundert Soldaten und Hilfstruppen sowie auf zwei Dutzend Panzer belaufen; auch bei den Kurden dürften mehr als hundert Tote zu beklagen sein, die meisten Opfer fordern die Flächenbombardements.

Es ist nicht zu sehen, ob und wann der völkerrechtswidrige Feldzug beendet wird. Die Kurden sind hochmotiviert und gut ausgebildet, der türkischen Armee fehlen die Offiziere, die wegen ihrer Nähe zur Gülen-Bewegung im Gefängnis sitzen. Und die islamistischen Hilfstruppen, die Erdogan aus den Resten der ehemals „Freien Syrischen Armee“ zusammengestellt hat, sind fremd in diesem Gebiet, sie wollen nur Beute machen. Die kurdische Bevölkerung und vor allem die Minderheiten der Jesiden und Christen fürchten einen Durchbruch dieser Islamisten. Etwa 20 000 Jesiden leben in Afrin, bei den Christen sind es ein paar tausend, überwiegend evangelikale Gemeinden. Genaue Zahlen gibt es nicht. Christen und Jesiden leben friedlich mit der Mehrheit der Kurden. Sie fürchten ein Massaker, sollten die Türken ins Innere der Provinz vorstoßen. Hunderte Familien haben vor den Bombardements Zuflucht in Berghöhlen gesucht, andere fliehen Richtung Aleppo. Das plausible Gerücht geht um, dass Erdogan die Provinz annektieren und dort radikalislamische Gruppen ansiedeln will. Das würde die Vertreibung der Kurden und der Minderheiten voraussetzen.

Jesiden und Christen rufen die internationale Gemeinschaft um Hilfe. Ihnen ist mehr zu glauben als dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I., der in einer Solidaritätsadresse an Erdogan schreibt: „Wir bitten Gott darum, dass die türkischen Streitkräfte ihr Ziel erreichen!“ Das Ehrenoberhaupt der orthodoxen Kirchen lebt in Istanbul und steht wie andere Kirchenführer, die dort ähnliche Erklärungen abgegeben haben, unter starkem Druck. Es besteht kein Zweifel, dass Erdogan mit solchen Erklärungen auch seine Begegnung mit Papst Franziskus vorbereiten will. In der Militärsprache nennt man das Blendgranaten.