Würzburg

"Entweder eigene Kinder oder die der anderen"

Demographie, Migration und Wertewandel gehen Hand in Hand. In Ost- und Westeuropa reagiert man darauf sehr unterschiedlich.

Cradle of Jacques I, King of England, vintage engraving.
Cradle of Jacques I, King of England, vintage engraved illustration. Magasin Pittoresque 1869. Foto: (106312565)

Es war keine Nachricht in den Leitmedien wert, nirgends: Im Jahr 2018 wurden weltweit 42 Millionen Kinder im Mutterleib getötet. Und zwar meist in den Ländern mit Geburtendefizit. Zum Vergleich: 8,2 Millionen Menschen starben im selben Jahr an Krebs, 1,7 Millionen an Aids, weitere Millionen an Malaria, Alkohol und Verkehrsunfällen. Aber alle zusammen bleiben unter der Schreckenszahl der 42 Millionen Abtreibungen. Die Zahlen wurden von Worldometers, einer zuverlässigen Internetseite der American Library Association, veröffentlicht, die das Jahr über die Daten der größten statistischen Institute auf der ganzen Welt zusammenfasst.

Zahlen und Statistiken sind tote Materie, es ist der Vergleich, der sie lebendig macht. In diesem Zusammenhang ist eine andere Zahl, die ebenfalls unter dem Radar der öffentlichen Aufmerksamkeit blieb, von Interesse. Spanien, das Land der katholischen Könige und Missionare, großer Heiliger und Kirchenlehrer, erlebt einen Absturz der Geburtenzahlen, den der Soziologe Alejandro Macarrón als „demographischen Selbstmord“ bezeichnet. Im ersten Halbjahr 2018 wurden 179 794 Kinder geboren, das sind 5,8 Prozent weniger als im ersten Halbjahr 2017, das schon als „annus horribilis“ der Geburtenquote gilt. Damit dürften 2018 insgesamt weniger Kinder geboren worden sein als etwa 1941, als das Land nach dem Bürgerkrieg zwanzig Millionen Menschen weniger hatte und unter Hunger, Armut und Elend litt. In anderen Ländern Westeuropas ist es nicht viel besser. Die Zahlen liegen in allen Ländern der EU unter dem Bestandserhaltungsniveau von 2,1 Geburten pro Frau (siehe Tabelle). Sie werden im Westen durch die anhaltende Zuwanderung verzerrt. Auch in Deutschland. Zwar sind hier die Zahlen der Geburten einheimischer Frauen sechs Jahre lang bis 2017 gestiegen und erreichten 2016 schon mit einer Geburtenrate von 1,59 Kinder pro Frau die Zahlen von 1973, so dass allerorten von einem neuen „Babyboom“ in Deutschland zu lesen war. Aber der Boom ist importiert. Denn bei der Steigerung handelt es sich vor allem um Geburten von Müttern mit ausländischer, meist syrischer und türkischer Staatsangehörigkeit. Im Vergleich zum Jahr 2011 ist die Zahl „ausländischer“ Geburten um rund 64 Prozent gestiegen. Dagegen ist die Zahl der Geburten von Müttern deutscher Staatsangehörigkeit nur um zehn Prozent im Vergleich zum Jahr 2011 gestiegen. Ihre Geburtenrate lag 2017 (für 2018 hat das Statistische Bundesamt die Gesamtzahlen noch nicht errechnet) mit 1,45 Kindern je Frau nur leicht unter dem Niveau von 2016 (1,46). Sie hat sich zwar von knapp 1,34 Kindern pro Frau im Jahr 2011 auf 1,45 erhöht, lag aber damit nur geringfügig über dem seit den 70er Jahren üblichen Niveau. Bei den ausländischen Frauen war 2017 ein leichter Rückgang zu verzeichnen. Das ist nicht überraschend. Migrantinnen realisieren kurz nach der Einwanderung in das Zielland oft schnell Geburten (die Demografen sprechen vom „Tempo-Effekt“), passen sich aber dann der einheimischen Bevölkerung etwas an, so dass die endgültigen Kinderzahlen letztlich nicht so spektakulär hoch sind, wie es die Geburtenrate kurz nach der Einwanderung erwarten lassen könnte. Dennoch ist der Unterschied (1,45 zu 2,28) signifikant und so verändert die importierte Fertilität die Verhältnisse an Schulen und in Kindergärten deutlich und rasant.

Der Verwaltungswissenschaftler und Demograph Stefan Fuchs zieht die Linie weiter und kommt zu dem Schluss: „An immer mehr Schulen, nicht nur in den großen Städten (Berlin, Hamburg, Frankfurt, Essen et cetera), sondern immer häufiger auch in einst beschaulichen Kleinstädten, geraten deutsche Kinder langsam in die Minderheit. Das ist ein statistisches Faktum ebenso wie die klare deutsche Mehrheit in den älteren Generationen. Es gibt also tatsächlich einen ‚demographischen Wandel‘, den manche mit Blick auf die statistisch nachweisbare empirische Realität auch als ,Bevölkerungsaustausch‘ bezeichnen. Dies gilt unabhängig von der Bewertung dieser Entwicklung. Aber gerade im Blick auf die Schulen wäre es eigentlich eine naheliegende Frage, inwiefern sich dieser ethnisch-demographische Wandel auch auf die vorherrschenden Werte auswirkt.“

Dieser demographische Werte-Wandel findet auch in anderen Staaten Westeuropas, vor allem in Spanien, Italien und Portugal, aber auch in Skandinavien statt. In Osteuropa dagegen, wo das Gespür für Okkupation statt Integration und eigene Freiheitskultur statt fremder Kulturhoheit sehr wach ist, greift man zu einer völlig anderen Politik. Statt auf Zuwanderung setzt man auf eine Familienpolitik, die die einheimische Bevölkerung fördern und zu mehr Geburten bewegen soll. Diese natalistische Familienpolitik, wie sie Frankreich jahrzehntelang anwandte, zeitigt auch langsam Früchte, wie man in Ungarn, Polen und vor allem in Tschechien und der Slowakei beobachten kann. Die Geburtenzahlen steigen zwar nur langsam, aber sie steigen nach den Einbrüchen im Zuge der Finanzkrise. In Ungarn stieg die Geburtenrate in den letzten fünf Jahren kontinuierlich von 1,35 auf 1,55 und in Polen nach dem Einbruch von 2010 von 1,28 auf 1,45 (2018). In allen Ländern legt man Wert auf die Erziehung durch die Mutter, weniger auf die staatliche Betreuung. Diese Länder halten die Brüsseler Forderungen nach Krippenausbau und Homo-Ehe für Einmischung. Und sie weigern sich auch, muslimische Migranten aufzunehmen, sie wollen dagegen vielmehr ausgewanderte Bürger zurückholen, um die Facharbeiterlücken zu füllen.

Damit entsprechen die Regierungen dieser Länder auch dem Wunsch der Bevölkerung. Nach einer Umfrage des international bekannten Thinktank Chatham House in zehn Ländern der EU spricht sich jedenfalls eine deutliche Mehrheit gegen eine weitere Einwanderung von Muslimen nach Europa aus. Das Ergebnis variiert von Land zu Land. Am stärksten ist die Ablehnung in Polen (71 Prozent), es folgen Österreich (65%), Ungarn (64 %), Belgien (64%), Frankreich (61%), Griechenland (58 %), Deutschland (53%) und Italien (51%). In allen zehn Ländern liegen die Befürworter einer weiteren Zuwanderung unter 32 Prozent.

Die Gründe für die wachsende Ablehnung einer weiteren muslimischen Einwanderung liegen auf der Hand: Man verbindet sie mit dem Missbrauch der Religion durch Terror, mit Frauenverachtung, mit der Unterordnung westlicher Grundwerte unter die Scharia. Die Mehrheit der Europäer ist offensichtlich davon überzeugt, dass islamisches Denken nicht in die Kultur Europas passen. Der Einzelfall sieht natürlich immer anders aus. Aber in diesen Zahlen spiegelt sich die Ahnung von einem kulturellen Zusammenprall. Diese Ahnung gab es schon vor der Flüchtlingskrise. Die Krise mit ihren Folgen in Köln, Freiburg, Kandel, Würzburg, Berlin und auch die Anschläge in Paris, Nizza, London, Stockholm, Brüssel haben diese Ahnung verstärkt. Es handelt sich auch nicht nur um diffuse Ängste. Die Ahnung fußt auf der Tatsache, dass sowohl die radikalen Islamisten als auch die friedfertigen Muslime ihre Legitimation aus dem Koran belegen können. Diese Ambivalenz der religiösen Grundlage macht den Islam zu einem unberechenbaren Faktor der Integration und führt zu einer Abwehrhaltung gegen die Immigration.

Die Demographie ist eine Schicksalsfrage für Europa. Die regierenden Eliten in Brüssel, Berlin, Paris, aber auch in Spanien, dem neuen Einfallstor der Immigration, glauben die Defizite mit Zuwanderung beantworten zu können. Im Osten Europas und neuerdings auch in Italien setzt man auf die eigene Bevölkerung. Es gilt, so oder so, das Wort des großen französischen Demografen Alfred Sauvy: Entweder unsere Kinder oder die der anderen. Denn ein Vakuum gibt es nicht.