Eine starke Frau

Elisabeth Freifrau von Lüninck bezog im Streit um die Schwangerenkonfliktberatung klare Position.

Elisabeth Freifrau von Lüninck (1932-2019)
Elisabeth von Lüninck hat der katholischen Kirche in Deutschland einen großen Dienst erwiesen. Sie hat sich von dem senus ecclesiae leiten lassen, den Papst Franziskus in seinem jüngsten Schreiben an die Katholiken in Deutschland eingefordert hat. Foto: KNA
Elisabeth Freifrau von Lüninck (1932-2019)
Elisabeth von Lüninck hat der katholischen Kirche in Deutschland einen großen Dienst erwiesen. Sie hat sich von dem senu... Foto: KNA

Am 6. Juli 2019 starb Elisabeth Freifrau von Lüninck in Ostwig im Sauerland im Alter von 86 Jahren. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurde die „Baronin“, wie man sie im Sauerland nannte, am 11. Juli beigesetzt. Ihr eindrucksvolles Engagement in der Caritas von der Pfarrgemeinde in Ostwig über den Hochsauerlandkreis und das Erzbistum Paderborn bis zum Vorsitz der Caritas-Konferenzen auf Bundesebene wurde anlässlich der Beisetzung ausführlich gewürdigt. In diesem Nachruf ist nur an ein Jahr ihres Lebens zu erinnern, die zwölf Monate vom März 1998 bis zum Februar 1999. Elisabeth von Lüninck war Mitglied der Arbeitsgruppe „Schwangerschaftskonfliktberatung“, die durch die Deutsche Bischofskonferenz Anfang März 1998 eingesetzt wurde, um zu untersuchen, wie die Bischöfe „dem Anliegen Johannes Pauls II. gerecht werden können, die Beratungstätigkeit für schwangere Frauen – einschließlich der Konfliktberatung – zu intensivieren, ohne eine Bescheinigung der bisherigen Art auszustellen“.

Papst Johannes Paul II. hatte in seinem Brief vom 11. Januar 1998 die Bischöfe gebeten, den Beratungsschein „bisheriger Art“, dem nach der Reform des Abtreibungsstrafrechts von 1995 eine Schlüsselfunktion für die Durchführung einer straflosen Abtreibung zukam, in den kirchlichen Beratungsstellen nicht mehr auszustellen, aber weiterhin in der Beratung der Schwangeren präsent zu bleiben.

Bischof Lehmann hatte die Mitglieder der Arbeitsgruppe ausgesucht

Bischof Lehmann hatte die Mitglieder der Arbeitsgruppe selbst ausgesucht, darunter Ernst Wolfgang Böckenförde, der die Beratungen maßgeblich beeinflusste. Elisabeth von Lüninck war vom Paderborner Erzbischof Degenhardt empfohlen und von Bischof Lehmann akzeptiert worden – in der irrtümlichen Annahme, als Bundesvorsitzende der Caritas-Konferenzen vertrete sie die Position des Deutschen Caritasverbandes, der sich immer für die nachweispflichtige Beratung nach den Paragraphen 5 bis 7 des Schwangerschaftskonfliktgesetzes ausgesprochen hatte.

Das Schwangerschaftskonfliktgesetz sah jedoch in Paragraph 2 auch noch eine allgemeine, vom Staat ebenfalls zu fördernde Schwangerenberatung vor, in der kein Beratungsschein auszustellen war. Darin sah Elisabeth von Lüninck den einzigen Weg, um die Bitte von Johannes Paul II. zu erfüllen. Die Arbeitsgruppe hatte jedoch von Anfang an kein ernsthaftes Interesse an einem Umstieg von der nachweispflichtigen Schwangerschaftskonfliktberatung nach den Paragraphen 5 bis 7 auf die allgemeine Schwangerenberatung nach Paragraph 2. Ihre Bemühungen galten allein dem Ziel, einen Weg zu finden, der die Ausstellung eines wie auch immer gestalteten Scheines weiterhin ermöglichte. Das im Januar 1999 vorgelegte und von der Vollversammlung der Bischofskonferenz im Februar 1999 in Lingen übernommene Ergebnis war ein Beratungsschein, der mit einem „Beratungs- und Hilfeplan“ gekoppelt werden sollte, in dem die der abtreibungswilligen Schwangeren angebotenen Unterstützungen rechtsverbindlich aufgelistet werden.

Sie blieb ihrem Gewissen treu

Elisabeth von Lüninck stimmte diesem Ergebnis nicht zu. Sie plädierte für den Umstieg auf die allgemeine Schwangerenberatung nach Paragraph 2, weil der „Beratungs- und Hilfeplan“ nichts daran ändern würde, dass der Beratungsschein weiterhin der Schlüssel zu einer straflosen Abtreibung bleibt. Damit könne man die Bitte von Johannes Paul II. nicht erfüllen.

Mit dieser Position stand sie jedoch völlig allein. Sie galt in der Arbeitsgruppe als Störenfried. Ihre Äußerungen wurden in den Protokollen ignoriert. Die von ihr nach Protest wegen der Verletzung der Verfahrensregeln schriftlich eingereichte „Abweichende Meinung zum Bericht der Arbeitsgruppe“ wurde vom Sekretariat der Bischofskonferenz unterdrückt.

In der Arbeitsgruppe galt sie als Störenfried

Sie wurde zwar den Bischöfen vor der Vollversammlung in Lingen zugeschickt, aber nicht dem nach der Vollversammlung veröffentlichten Bericht der Arbeitsgruppe beigefügt und auch denen, die den Bericht anforderten, nicht mitgeschickt. Daraufhin veröffentlichte sie ihr Minderheitenvotum am 6. März 1999 in der Tagespost.

Elisabeth von Lüninck hat ihre Position gegen vier Bischöfe, darunter Lehmann, zwei Verfassungsrechtler, darunter Böckenförde, Repräsentanten der katholischen Büros und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken sowie Vertreterinnen der Beratungsorganisationen aufrechterhalten – allein, mutig, konsequent, beraten von der Juristenvereinigung Lebensrecht und unterstützt vom Präfekten der Glaubenskongregation Joseph Kardinal Ratzinger.

"Eine starke Frau, wer wird sie finden?
Sie öffnet ihre Hand dem Bedürftigen
und reicht dem Armen ihre Hände"
Buch der Sprüche

„Eine starke Frau, wer wird sie finden? Sie öffnet ihre Hand dem Bedürftigen und reicht dem Armen ihre Hände.“ Dieses Wort aus dem Buch der Sprüche ziert ihr Sterbebildchen. Elisabeth von Lüninck hat der katholischen Kirche in Deutschland einen großen Dienst erwiesen. Sie hat sich von dem senus ecclesiae leiten lassen, den Papst Franziskus in seinem jüngsten Schreiben an die Katholiken in Deutschland eingefordert hat. Die Kirche in Deutschland hat allen Grund, ihr dankbar zu sein. Nun kann sie beim Herrn dafür eintreten, dass er der Kirche in Deutschland mehr Mut im Engagement für den Lebensschutz, mehr Unterstützung für die von ihrer Tochter Hedwig von Beverfoerde geleitete „Demo für alle“ und noch mehr starke Frauen schenkt.

Der Autor ist emeritierter Professor für Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Osnabrück. Er ist Verfasser des Buches „Kirche und Abtreibung in Deutschland. Ursachen und Verlauf eines Konfliktes“.