„Eine sehr reale Gefahr“

Der Vormarsch islamistischer Tuaregrebellen im Norden Malis könnte das Ende für mehr als 100 Jahre christlicher Präsenz werden. Von Bodo Bost

Tausende Menschen protestierten kürzlich in der Hauptstadt Bamako gegen die Verschlechterung der humanitären Situation im Norden Malis. Foto: dpa
Tausende Menschen protestierten kürzlich in der Hauptstadt Bamako gegen die Verschlechterung der humanitären Situation i... Foto: dpa

Der Norden Malis mit den Städten Kidal, Gao und Timbuktu ist in den letzten Wochen von Tuaregrebellen und Islamisten, die Al-Kaida und der nigerianischen Sekte Boko Haram nahestehen sollen, erobert worden. Die Armee Malis, durch einen Putsch geschwächt, flüchtete. So ist es nicht zu Kampfhandlungen gekommen, wohl aber zu Plünderungen und Menschenrechtsverletzungen. Zunächst seien nach Meldungen des katholischen Nachrichtendienstes Fides die Kämpfer der Tuaregbefreiungsfront AZAWAD in die Städte eingerückt, haben diese jedoch später den islamistischen Gotteskriegern der „Ansar ed-Din“ (Anhänger des Glaubens) überlassen. Dabei wurden auch christliche Einrichtungen angegriffen. Die Caritas-Büros in Gao sind bei der Eroberung der Stadt verwüstet worden. Wie Caritas Mali Fides mitteilte, sei dabei auch eine der beiden Kirchen der Stadt in Mitleidenschaft gezogen worden. Zwei schwarzafrikanische Angehörige der Weißen Väter, die von Gerüchten gehört hatten, dass die Islamisten speziell nach Priestern und Ordensleuten suchten, waren kurz zuvor geflüchtet. 200 Christen sollen sich noch in der Stadt versteckt halten. Auf Drängen der deutschen Botschaft verließ bereits Anfang 2010 der deutsche Pater Rudi Pint Gao. Pint setzte sich seit 40 Jahren für die Menschen in Mail ein. Nun war die Gefahr von Al-Kaida-Leuten gekidnappt zu werden, zu groß geworden. Im Norden Malis hatte sich die Sicherheitslage bereits seit Jahren verschlechtert, wegen ständiger Entführungen kamen kaum noch Touristen in die Region.

Anfang 2011 wurden, wie die Weißen Väter berichteten, fünf Europäer in der Nähe von Timbuktu entführt. Ein Deutscher, der sich damals gegen die Entführung gewehrt hatte, wurde erschossen. Immer wieder gibt es in den Städten bewaffnete Überfälle. Pater Pint ist jetzt in der Pfarrei Nioro du Sahel im Bistum Kayes im südlichen Landesteil, wo es bislang ebenso wie in der Hauptstadt Bamako noch relativ ruhig ist. Schon seit einigen Jahren galt die Region um Timbuktu unter den Europäern in Mali bereits als „Al-Kaida Land“. Die Weißen Väter hatten bereits die Stadt verlassen. Seit 1895 hatten sich Weiße Väter fest in Timbuktu niedergelassen; sie waren aus dem Senegal gekommen. Zwei Versuche vorher, 1876 und 1891 über die Sahara mit Hilfe von einheimischen Führern in die Stadt zu kommen, waren gescheitert, weil die jeweiligen drei Patres von ihren Führern verraten und ermordet worden waren. Die ersten Priester in Timbuktu waren die Franzosen Augustin Hacquart und Auguste Dupuis und ein afrikanischer Laie, Eugene Kondé, die von Bamako aus nach Timbuktu vorgestoßen waren. Timbuktu und Gao gehören heute zur Diözese Mopti, die das gesamte Tuareggebiet Malis umfasst.

Timbuktu wurde in der Literatur häufig als „verbotene Stadt“ bezeichnet und galt als Hort fanatischer Muslime. Timbuktu war bis zum Ende des 16. Jahrhunderts das Handelszentrum des Transsaharahandels; über die Stadt hat sich der Islam in ganz Westafrika ausgebreitet. In Deutschland wurde Timbuktu vor allem bekannt durch die Reise des deutschen Orientforschers Heinrich Barth im September 1853. Nur weil ihn das damalige geistliche Oberhaupt der Stadt, Sidi Ahmad al-Baqqai, geschützt hat, blieb er am Leben. Auch damals schon war die Stadt zwischen den schwarzafrikanischen Fulbe und den berberischen Tuareg umkämpft. Die Epoche der großen Sahara-Expeditionen, die mit der kolonialen Expansion Frankreichs in Nordwestafrika zeitlich zusammenfiel, brachte den christlichen Missionaren den Ruf, Spione und Agenten einer potenziellen europäischen Besatzungsmacht zu sein. Dies vertiefte das Misstrauen zwischen Missionaren und Einheimischen.

Die Gruppe „Ansar ed-Din“, die Verbindungen zu Al-Kaida im Islamischen Maghreb (AQMI) unterhält, kämpft gemeinsam mit Tuareg-Rebellen der MNLA (Nationale Bewegung für eine Abspaltung Nordmalis. Die einen wollen jedoch einen Tuaregnationalstaat, die anderen einen islamistischen Gottesstaat. Das Gebiet, das die Rebellen für sich beanspruchen, reicht von den Grenzen zu Algerien und Niger bis zum Fluss Niger, der außerhalb von Timbuktu verläuft. Die „Ansar ed-Din“ sollen in Timbuktu bereits die Scharia eingeführt haben. Nach Berichten von Einwohnern der Stadt seien die Radiostationen aufgefordert worden, keine internationale Musik mehr zu spielen. Außerdem sollten Frauen keine Hosen, sondern nur noch Röcke und Kleider tragen. Die Tuareg gelten traditionell als nur oberflächlich islamisiert, sie sind eines der wenigen islamischen Völker, wo nicht die Frauen, sondern die Männer einen Schleier tragen. Nach den Worten des amtierenden deutschen UN-Botschafters Miguel Berger ist die Spaltung Malis „eine sehr reale Gefahr“. Vor allem die Al-Kaida nahestehenden Gruppen geben nach Berger Anlass zur Sorge.