Eine neue Zeit

Als 1918 die alte Ordnung zusammenbricht, stehen die Katholiken vor der Frage: Wie hälst du es mit der Republik? Was nun? Von Sebastian Sasse

Konrad Adenauer
ARCHIV - Bundeskanzler Konrad Adenauer an seinem Schreibtisch im Palais Schaumburg in Bonn. (undatiertes Archivbild) Konrad Adenauer war von 1949 bis 1963 der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland und von 1951 bis 1955 zugleich Bundesaußenminister. Als Mitbegründer u... Foto: Kurt Rohwedder (dpa)

Eine Schulhofsituation, die jeder kennt: Ein Kind will in einer Gruppe mitspielen, aber die Anderen wollen nicht. Doch je stärker die Zurückweisung ist, umso größer wird auch der Wille des Kindes, doch dabei zu sein. Also lässt es nicht locker und buhlt immer weiter um die Achtung der Anderen. Und schließlich, nach langer Zeit, hat es Erfolg. Es darf mitmachen. Aber genau in diesem Moment, in dem sich dieser große Wunsch erfüllt, da zerfällt die Gruppe. Die Situation des Kindes, das in dieser Weise um Anerkennung ringt, entspricht der Lage, in der sich die deutschen Katholiken um die Jahrhundertwende befinden. Und das Jahr 1918 bezeichnet den Punkt, an dem sie es eigentlich geschafft haben: Die „Reichsfeinde“ von einst sind zu anerkannten Bürgern geworden, deren Loyalität gegenüber Kaiser und Reich nicht mehr in Frage gestellt wird. Die Partei der Katholiken, das Zentrum, gilt als staatstragend. Ja, vom November 1917 bis zum September 1918, also mitten im Krieg, stellten die Katholiken mit dem ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Georg von Hertling sogar den Reichskanzler. Überhaupt der Krieg: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.“ Der Satz Wilhelms II. war eben nicht nur an die Sozialdemokraten gerichtet, er ging auch an die Katholiken. Dahinter stand das Angebot: Jetzt, in der Krisensituation des Krieges, kann jeder beweisen, wie ernst er es mit seinem Patriotismus meint. Alte Vorurteile gelten nicht mehr. Die Katholiken freilich bedurften gar nicht dieses speziellen Appells. Ganz selbstverständlich reihten sie sich ein. Endlich konnten sie ihre positive Staatsgesinnung beweisen. Doch nun, mit dem Zusammenbruch des Kaiserreiches, schien alles vorbei zu sein. Musste nun ihre Loyalität auch weiterhin der alten Ordnung gelten? Oder bot das Neue, die Republik, Chancen, die ihnen die vom protestantischen Preußen dominierte Gesellschaft des Kaiserreiches, trotz aller positiven Veränderungen in den letzten Jahren, niemals hätte gewähren können? Es wird deutlich: Die Schockwirkung, die das Jahr 1918 auf die deutschen Katholiken ausübte, ist nicht ohne einen Blick auf die Gründung des Kaiserreiches 1871 zu verstehen: Die Reichseinigung war nämlich auch eine große Entzweiung. Als damals der preußische König Wilhelm im Spiegelsaal von Versailles zu deutschen Kaiser ausgerufen wurde, da erfüllte sich für viele ein politischer Traum. Für die Nationalliberalen etwa: Endlich ein deutscher Nationalstaat, wie bei den anderen europäischen Nationen auch. Für die preußischen Konservativen, die bei aller Skepsis gegenüber dem neuen Gebilde doch glücklich darüber waren, dass ihr König, ein protestantischer Hohenzoller, auf dem Kaiserthron Platz nahm und in ihrem Sinne das neue Reich schon prägen werde. Ja, selbst die deutsche Linke begrüßte diese Entwicklung: Denn aus der geschichtsphilosophischen Sicht der Marxisten war dieses neue Kaiserreich immerhin ein Fortschritt im Vergleich zu früher, Nur die deutschen Katholiken, sie standen am Rande. Ihre Loyalität hatte dem Alten Reich, dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, gegolten, das Napoleon zerbrochen hatte. Ihr Blick richtete sich immer noch nach Wien, auf die Habsburger. Diese kleindeutsche Lösung, ohne Österreich, musste ihnen als historischer Bruch erscheinen. Hinzu kam die Infragestellung ihrer staatsbürgerlichen Integrität: Konnten diese Katholiken, die doch dem Papst Gehorsam schuldig waren, diese Ultramontanen, überhaupt gute Deutsche sein? In ihrer klaren Antwort auf diese Frage waren sich protestantische Preußen und Liberale in seltener Weise einig. Gemeinsam initiierten sie nun den „Kulturkampf“, der für die deutschen Katholiken zu einem anhaltenden Trauma geworden ist. 1918 lag dieser zwar schon viele Jahrzehnte zurück, doch die handelnden Personen waren durch diese Erfahrung nachhaltig geprägt. Wie konnte sich nun staatsbürgerliche Integrität beweisen? Als Loyalität gegenüber dem Alten oder in der Bereitschaft, das Neue mitzugestalten?

Wie unterschiedlich die „Kulturkampf“-Prägung sich nun auf die Haltung gegenüber der neuen Republik auswirken konnte, unterstreicht eine Episode vom Katholikentag im Mai 1922 in München. Die beiden Protagonisten: Der Münchner Erzbischof, Michael Kardinal von Faulhaber, und der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer. Der Münchner Erzbischof ist im Herzen noch Monarchist. Nicht nur, weil er sich dem katholischen Haus Wittelsbach gegenüber immer noch loyal fühlt – noch kurz vor Kriegsende ist der aus relativ bescheidenen Verhältnissen stammende Faulhaber durch den bayerischen König Ludwig III. geadelt worden. Für Faulhaber geht es auch um die Legitimität dieser Republik. Ist sie nicht durch eine Revolution begründet worden? Kann ein katholischer Christ so eine Vorgeschichte akzeptieren? In seiner Eröffnungsrede auf dem Münchner Königsplatz stellt der Kardinal fest: „Die Revolution war Meineid und Hochverrat, bleibt in der Geschichte erblich belastet und mit dem Kainsmal gezeichnet. Auch wenn der Umsturz ein paar Erfolge brachte, wenn er den Bekennern des katholischen Glaubens den Weg zu höheren Ämtern weit mehr als früher erschloss – ein sittlicher Charakter wertet nicht nach den Erfolgen, eine Untat darf nicht der Erfolge wegen heiliggesprochen werden“. Die Gegenposition nimmt Adenauer ein. Geprägt durch den rheinischen Bürgersinn, der einerseits klar katholisch ist, andererseits aber eben auch pragmatisch und realpolitisch. Mit diesem Ansatz hatte sich die rheinische Bürgerschaft schon seit dem 19. Jahrhundert selbstbewusst der preußischen Zentralregierung in Berlin gegenüber gezeigt. Dem Kaiser und seinen Beamten weint man hier nicht gerade Tränen nach.

Und so weist denn Adenauer, der dem Katholikentag als Präsident vorsteht, in seiner Abschlussansprache die Kritik des Kardinals deutlich zurück: „Wo viel Licht, da ist auch viel Schatten. Auch von diesem Schatten zu sprechen, ist meine Pflicht. Es sind hie und da Äußerungen gefallen, die man sich aus Verhältnissen örtlicher Natur erklären kann, hinter denen aber die Gesamtheit der deutschen Katholiken nicht steht.“ Wie stark die Frage die handelnden Personen damals auch emotional bewegte, zeigt die Reaktion Faulhabers. Der Kardinal erhebt sich von seinem Platz und will die Veranstaltung verlassen. Doch Konrad Adenauer, auch schon damals ein geschickter Taktiker – als Bundeskanzler wird er später nicht ohne Grund den Spitznamen „der alte Fuchs“ tragen – reagiert schnell. Er unterbricht einfach seine Rede und bittet den Kardinal spontan um seinen Schlusssegen. Ein Eklat konnte abgewehrt werden. Die Szenerie ist typisch. Denn man kann das Ende dieser Episode auf das katholische Milieu insgesamt übertragen: Der Eklat wird abgewandt. Die Frage, wie die Katholiken sich denn nun endgültig zu dieser Republik zu verhalten hätten, wird nicht geklärt. Weder in die eine, noch in die andere Richtung. Stattdessen wird der Status quo gewahrt.

Auch dieses Zurückschrecken vor einer klaren Positionierung ist als Folge des „Kulturkampfes“ zu sehen. Der hatte nämlich neben der Anfeindung, Ausgrenzung und Diskriminierung auch einen positiven Effekt gehabt: Der katholische Volksteil rückte zusammen. Das Zentrum – es wurde auch vom Zentrumsturm gesprochen – war der unbestrittene politische Arm der Katholiken. Innerhalb der Partei versammelten sich vom katholischen Adeligen bis zum katholischen Arbeiter Angehörige aus allen sozialen Schichten. Und so war das Zentrum etwas, was es damals eigentlich noch gar nicht gab und erst in der Bundesrepublik von der Politikwissenschaft einen Namen bekommen sollte: die erste deutsche Volkspartei. Freilich nur auf die Katholiken beschränkt, aber doch immerhin etwas Anderes als die übrigen Parteien, die sich vornehmlich auf bestimmte soziale Schichten konzentrierten. Das Zentrum war so etwas wie der „politische Aktionsausschuss“ der deutschen Katholiken. Vor allem in den wichtigen Fragen der Schulpolitik – die Sicherung konfessionsgebundener, katholischer Schulen war das zentrale Thema der Zentrumspolitik – sicherte die Partei, dass die Interessen der Katholiken durchgesetzt wurden. Um dies sicherstellen zu können, war Geschlossenheit wichtig. Sie durfte nicht gefährdet werden. Also lieber den Status quo sichern, als unkalkulierbare Experimente zu wagen. Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Status quo – diese Haltung spiegelte sich auch in der Haltung des deutschen Episkopates wider, vor allem in der Person des Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz, Adolf Kardinal Bertram. Noch 1914 zum Fürstbischof von Breslau ernannt, übernahm er 1919 den Vorsitz unter den Bischöfen. Dieses Amt sollte er bis zu seinem Tod im Juli 1945 ausüben. Bertram, Jahrgang 1859 und damit die Erfahrung des „Kulturkampfes“ in seiner Jugend lebendig vor Augen, gilt als Musterbeispiel eines beschwichtigend und vermittelnd auftretenden Kirchenmannes, kirchenpolitisch eher administrativ agierend als selbst Impulse setzend. Er war der ideale Bewahrer des Status quo. Von ihm war kein Vorstoß zu erwarten. Dabei bot der starke politische und soziale Katholizismus auch ein großes innovatives Potenzial für die Republik. 1920 verkündete der christliche Gewerkschaftsführer Adam Stegerwald auf einem Kongress in Essen, auf der Basis der interkonfessionellen Gewerkschaften eine sowohl Katholiken wie Protestanten umfassende Volkspartei der Mitte gründen zu wollen. Stegerwald, der aus dem Zentrum kam und in der katholischen Arbeiterbewegung sozialisiert worden war, hatte schon Anfang des Jahrhunderts die Christlichen Gewerkschaften gegründet, in denen Katholiken wie Protestanten Mitglieder werden konnten. Die Idee dahinter war: So ein interkonfessioneller, aber eben doch klar christlicher neuer Verband sollte ein Gegengewicht zu den sozialdemokratisch geprägten Freien Gewerkschaften bilden. Denn diese wuchsen in ihrer Mitgliederzahl beständig weiter an, waren aber in der Regel streng antikirchlich. Die bereits bestehenden Gewerkschaften, lange Zeit von Teilen der kirchlichen Hierarchie kritisch beobachtet, sollten nach Stegerwalds Vorstellung die soziale Basis für die neue Partei bilden.

Die neue Partei sollte, sozial aufgeschlossen, patriotisch gesinnt und dem christlichen Menschenbild verpflichtet, vor allem ein Bollwerk gegenüber linken Revolutionsdrohungen bilden. Sie sollte der neuen Republik Stabilität verleihen. Der klare Hintergedanke dabei: Vor allem das Zentrum bringt die katholische Verbandsstruktur in dieses neue Gebilde mit ein und verleiht ihr so eine Massenbasis. Doch genau diese Strategie ging nicht auf: Denn auch hier zeigte sich, dass die Beharrungskräfte des Parteiestablishments stärker waren. Wieder sollte der Status quo nicht gefährdet werden. Erfolg hatte Adam Stegerwald mit der interkonfessionellen christdemokratischen Union bezeichnenderweise erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Und an der Spitze dieser Union finden wir den Katholikentagspräsidenten von 1922 wieder: Konrad Adenauer. Entsprechend fällt nun auch die Haltung zur Republik aus.