Eine kleine Revolution

Kardinal Jean-Louis Tauran feierte bei seinem Besuch in Saudi-Arabien eine Messe. Von Bodo Bost

Saudischer König trifftt Kardinalsdelegation in Riad
Audienz beim König: Kardinal Tauran wird von König Salman bin Abd Al-Aziz (l.) in Riad empfangen. Foto: dpa
Saudischer König trifftt Kardinalsdelegation in Riad
Audienz beim König: Kardinal Tauran wird von König Salman bin Abd Al-Aziz (l.) in Riad empfangen. Foto: dpa

Eine historische Visite: Kardinal Jean-Louis Tauran hat in der vergangenen Woche Saudi-Arabien besucht. Auf dem Programm des französischen Kurienkardinals, der den Päpstlichen Rat für den interreligiösen Dialog leitet, standen unter anderem Gespräche mit dem saudischen König Salman bin Abd Al-Aziz und Kronprinz Mohamed bin Salman, der in den vergangenen Monaten mit seinen politischen Reformen für Aufmerksamkeit gesorgt hat. Zum Abschluss der Reise hat Tauran am vergangenen Dienstag zusammen mit dem Generalsekretär der Islamischen Weltliga, Muhammad al Issa, eine Vereinbarung über einen offiziellen ständigen Dialog zwischen dem Vatikan und der Weltliga unterzeichnet. Alle drei Jahre soll abwechselnd in Rom und in einer Stadt, die von der Weltliga noch festgelegt werden wird, eine zentrale Arbeitsgruppe zusammenkommen und sich jeweils mit einem konkreten Thema beschäftigen. Dazwischen finden vorbereitende Sitzungen statt. „Es wird also ein Klima ständigen Austausches geschaffen“, so Tauran gegenüber dem Nachrichtenportal „Vatican News“. Der Kurienkardinal wurde bei seiner Reise von einer hochrangig besetzten Delegation aus dem Vatikan begleitet, zu der unter anderem der Islamwissenschaftler Miguel Ángel Ayuso Guixot und der Vorsitzende des vatikanischen Islambüros Khaled Akasheh gehörten.

Eine Premiere ist Taurans Besuch in Saudi-Arabien nicht: Der Patriarch der libanesischen Maroniten, Kardinal Boutros Béchara Rai, hatte bereits im vergangenen November das Tabu gebrochen, wonach kein Würdenträger einer nichtislamischen Religion das Territorium Saudi-Arabiens betreten durfte, und ebenfalls in Riad Gespräche mit dem König und dem umtriebigen Kronprinzen geführt. Der Kronprinz hatte sich im Februar in London auch mit Vertretern der Anglikanischen Kirche getroffen.

Kardinal Tauran wohnte, wie die Vatikanzeitung mitteilte, sieben Tage lang „in einer diplomatischen Struktur“ in der saudischen Hauptstadt. Um welche Botschaft es sich dabei handelte, wurde jedoch nicht gesagt. Der Vatikan jedenfalls unterhält keine diplomatischen Beziehungen zu Saudi Arabien. Dennoch konnte der Kardinal auch eine kleine Gruppe von Christen treffen, die als ausländische Gastarbeiter in Riad leben. Der Kardinal hat den Christen in Saudi Arabien die Solidarität des Papstes und des Heiligen Stuhles versichert. Obwohl jede nicht-islamische Religionsausübung in Saudi-Arabien bislang verboten ist, feierte er mit der kleinen christlichen Gemeinde erstmals eine katholische Messe, auch dies eine Revolution. Sogar der für das Land einst zuständige katholische Bischof Paul Hinder durfte nur als Privatmann und ohne Priestergewand nach Saudi-Arabien einreisen, einem Land, das sehr hohen Wert auf Kleidervorschriften legt, und Gottesdienste dort nur als „Geburtstagsfeiern“ abhalten. Als ebenso revolutionär sind aber auch die Aussagen zu bewerten, die der Kardinal während seines Aufenthaltes machte: „Alle Religionen müssen gleich behandelt werden, ohne Diskriminierung, weil ihre Gläubigen ebenso wie Menschen, die keine Religion bekennen, die gleiche Würde haben", sagte Tauran Berichten zufolge, wohl wissend, dass in Saudi-Arabien nur ein Muslim die Staatsbürgerschaft des Landes erhalten kann. Der Kardinal forderte auch „gemeinsame Regeln für den Aufbau von Kultstätten". Solche Worte klingen sicherlich aus dem Mund des Präsidenten des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog nicht ungewöhnlich, wenn sie aber in Saudi-Arabien gesprochen werden, sind sie ein starker Akzent. Das Land ist die Heimat des Wahhabismus, einer der rigorosesten Strömungen des Islam: Das Zeigen nicht-islamischer religiöser Symbole und der Bau von Kirchen sind streng verboten.

„Wir sagen nicht, dass alle Religionen gleich sind", erklärte Kardinal Tauran, „aber alle Gläubigen, diejenigen, die Gott suchen, und alle Menschen guten Willens, die keine religiöse Zugehörigkeit haben, sind von gleicher Würde. Jeder muss frei sein, die Religion, die er will, anzunehmen." Mit diesen Sätzen brach der katholische Kardinal auch eine Lanze für die Atheisten und Religionslosen. „Religion kann vorgeschlagen, aber nie aufgezwungen und dann akzeptiert oder abgelehnt werden", betonte Kardinal Tauran, der sich damit klar gegen den Zwang in der Religion wandte.

Saudi-Arabien versteht sich wegen den Heiligen Stätten des Islams, die im Land liegen, als Führungsmacht der sunnitischen Welt. Es leben dort 27 Millionen Menschen, davon sind etwa neun Millionen Zuwanderer. Der Islam ist Staatsreligion und Quelle der Verfassung in Saudi-Arabien. Im Land leben aber auch 1,4 Millionen Christen als Gastarbeiter, die ihre Religion nicht offen ausleben dürfen. Der christlichen Hilfsorganisation Open Doors zufolge steht Saudi-Arabien auf der Liste der Länder mit der stärksten Christenverfolgung auf Platz zwölf. Der Besuch von Kardinal Tauran markiert einen Einschnitt: Nichtmuslimische Politiker und Staatsgäste hatten bisher bei Besuchen zumeist vermieden, die Themen Religionsfreiheit und Rechte für alle Gläubigen anzusprechen.