Eine historische Reise

Der Papst ist wieder in Rom. Und in den Vereinigten Staaten hat die Nachbereitung eines an Höhepunkten reichen Besuchs begonnen. In ihrem Urteil über die US-Visite Benedikts XVI. sind sich Kommentatoren einig wie selten. Die sechstägige Reise des Papstes gilt bereits heute als „historisch“. Und das völlig zu Recht. Keine Frage: Das hat mit den besonders bewegenden und emotionalen Momenten dieser Reise zu tun, etwa dem Gebet am Ground Zero, der Begegnung mit Missbrauchsopfern oder dem Auftritt vor den Vereinten Nationen. Aber eben nicht nur damit. Benedikt hat in den Staaten nicht nur Eindruck, er hat Spuren hinterlassen, bleibende Spuren. Der Papst hat der Kirche in Amerika den Weg für einen Neuaufbruch geebnet und er hat gezeigt, worauf es dabei ankommt: Sünden bekennen, Fehler korrigieren, auf Christus schauen und im Glauben der Kirche fest verwurzelt in die Gesellschaft wirken.

Dem deutschen Pontifex ist gelungen, was ihm im Vorfeld dieser Reise viele nicht zugetraut haben. Er hat die Herzen der Amerikaner gewonnen. Nicht im Sturm, sondern Schritt für Schritt. Mit jedem Auftritt, mit jeder neuen Ansprache ein Stück mehr. Als Benedikt XVI. am Sonntagabend die Staaten verließ, da ging einer als Freund, der manchem zuvor als Fremder galt. Anfängliche Skepsis war da längst der Begeisterung gewichen.

Die USA-Visite des Heiligen Vaters bedeutet in erster Linie eine Stärkung für die Kirche in Amerika. Der Papst hat gezeigt, wo die Kraftquellen liegen, die aus der Krise helfen. „Christus ist unsere Hoffnung“ lautet das Motto seiner Reise. Wie eine immer wieder variierte Melodie klingt dieses Leitwort durch alle Ansprachen Benedikts. Es war eine pastorale Reise, gewiss, aber sie war auch zutiefst politisch. Wenn das Oberhaupt der katholischen Kirche die Vereinigten Staaten von Amerika besucht, kann das gar nicht anders sein. Glaube dürfe niemals zur Privatsache werden, betonte der Papst mehrfach. Mit Nachdruck wandte er sich gegen eine „falsche Trennung zwischen Glauben und politischem Leben“ und rief zum christlichen Engagement in Politik und Gesellschaft auf. Dabei warnte er in besonderer Weise vor „falschen Evangelien der Freiheit und des Glücks“. Wahre Freiheit liege in der Hingabe an Gott.

Benedikt würdigte die vitale Religiosität der Vereinigten Staaten. In den verschiedensten Formen von Religiosität drücke sich die Sehnsucht des Menschen nach Transzendenz und Sinn aus. Darauf habe die Kirche nicht irgendeine unbestimmte, sondern eine ganz konkrete Antwort zu geben: Jesus Christus, der die Fülle des Lebens ist. Denn in Christus haben sich die religiösen Sehnsüchte des Menschen ein für allemal erfüllt.

Eine wirklich moderne Gesellschaft, das stellte der Papst unmissverständlich klar, darf niemals areligiös sein. Im Gegenteil: Die Bereitschaft zum gelebten Gottesbezug entscheidet über ihre Zukunftsfähigkeit. Ohne Religion keine humane Gesellschaft, so der Papst. Das Maß der Humanität aber wird vom Maß der Liebe bestimmt. Und Christen glauben, dass die Liebe in Jesus Christus Mensch geworden ist.

Von Anfang an hat Johannes Paul II. den Irak-Krieg abgelehnt. Benedikt XVI. ist dieser Linie seines Vorgängers treu geblieben. Dennoch unterschied sich die Haltung der katholischen Kirche dabei deutlich von der jener Staatsmänner, die ihr „Nein“ zum Krieg für ihre eigenen politischen Zwecke instrumentalisiert haben. Das vatikanische „Nein“ zum Irak-Feldzug hatte mit plumpem Antiamerikanismus nichts gemein. Dem Vatikan ging es um Weltverantwortung, nicht um einen Wahlsieg. Ja, man kann Amerika lieben und muss dennoch – oder gerade deshalb – entschieden „Nein“ sagen, wo immer Grenzen der Vernunft und des Glaubens überschritten werden. „Nein“ zum Krieg, „Ja“ zu Amerika: Das geht zusammen. Auch das hat der Besuch Benedikts XVI. gezeigt.