Eine einfache Lösung gibt es nicht

Die Zusammenfassung einer Studie des Bundesfamilienministeriums zur anonymen Geburt liefert erstaunliche Ergebnisse. Von Stefan Rehder

Babyklappen sind selbst bei Lebensschützern umstritten. Nach einem Bericht des Bundesfamilienministeriums wurden durch anonyme Geburten etwa 1 000 Kinder gerettet. Die Zahl dürfte tatsächlich aber höher sein. Foto: dpa
Babyklappen sind selbst bei Lebensschützern umstritten. Nach einem Bericht des Bundesfamilienministeriums wurden durch a... Foto: dpa

Das Angebot sogenannter Babyklappen, das überforderten Müttern die anonyme Abgabe eines neugeborenen Kindes ermöglichen soll, um es auf diese Weise vor einem Tod nach Aussetzung oder gar durch tödliche Gewalt zu bewahren, gilt als umstritten. Selbst unter Lebensrechtlern reichen die Haltungen von der uneingeschränkten Befürwortung solcher Angebote bis zu deren kompromisslosen Ablehnung. Wie schwierig es jedoch ist, das Für und Wider von Babyklappen zu bewerten, zeigt die Zusammenfassung einer vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) in Auftrag gegebenen, noch unveröffentlichten Studie, die das Deutsche Jugendinstitut jetzt publik gemacht hat. Wer die auf zwölf Seiten dokumentierten Ergebnisse der zweijährigen Forschungsarbeit studiert, dem dürfte es schwerfallen, angesichts der Komplexität der Probleme nicht in Ratlosigkeit zu verfallen. Für die Studie, die den Titel „Anonyme Geburt und Babyklappen in Deutschland – Fallzahlen, Angebote und Kontexte“ trägt, hat das Institut sowohl die Träger solcher Angebote, als auch die Jugendämter, die mit diesen zusammenarbeiten, sowie Frauen befragt, die von diesen Angeboten Gebrauch gemacht und später ihre Anonymität aufgegeben haben. Danach wurden in Deutschland bis zum 31. Mai 2010 – das erste Angebot, das in Deutschland eine anonyme Kindesabgabe ermöglichte, wurde 1999 initiiert und hat zahlreiche Nachahmer gefunden – mindestens 973 Kinder anonym geboren oder in eine Babyklappe gelegt.

Dokumentationen über Vorgänge fehlen

Tatsächlich dürften es jedoch weit mehr sein. Zum einen nahmen an der Befragung von den 344 angeschriebenen Trägern nur 272 teil, zum anderen gibt es, wie das Institut feststellte, „in einigen Fällen keinerlei Dokumentation der Vorgänge“, die bei „vielen Anbietern mangelhaft“ sei. Aber auch einige Jugendämter – angeschrieben wurden 591, geantwortet haben lediglich 466 (78,8 Prozent) – weigerten sich, ihre Zahlen preiszugeben.

Die trotz solcher Defizite ermittelten Daten ergeben folgendes Bild: Von den 973 Kindern wurden 652 anonym geboren, wobei Mütter und Kinder unter Wahrung der Anonymität der Mutter medizinisch versorgt wurden, 278 wurden in eine Babyklappe gelegt. 43 weitere Kinder wurden den Mitarbeitern der Träger einer solchen Einrichtung übergeben. Weil für 21,6 Prozent der in einer Babyklappe abgegebenen und für 23 Prozent der anonym geborenen Kinder seitens der Träger dieser Angebote keinerlei Angaben über den weiteren Verlauf des Geschehens – wie Adoption oder Rücknahme des Kindes durch die Mutter – gemacht werden konnten, gibt es für rund ein Fünftel der auf die eine oder andere Weise abgegebenen Kinder keinerlei Informationen über deren Verbleib. Eine furchtbare Vorstellung.

Ihr gegenüber steht jedoch die Erkenntnis, dass rund 50 Prozent der in Babyklappen abgegebenen Kinder im Anschluss direkt in eine Adoptionsfamilie vermittelt werden. Bei den anonym geborenen Kindern traf dies auf etwa ein Drittel zu. In der Praxis wird ein Großteil der anonym geborenen Kinder während der ersten Wochen in sogenannten „Bereitschaftspflegefamilien“ untergebracht und wechselt anschließend in eine Adoptivfamilie. Viele Anbieter der unterschiedlichen Angebote zur anonymen Geburt wollen mit dieser Kurzzeitpflege der Kindsmutter eine Kontaktaufnahme und die Entscheidung zur Rücknahme ihres Kindes ermöglichen. Nach Ansicht der Anbieter würde „eine unmittelbare Adoptionspflege auf die Mutter als unumkehrbar beziehungsweise endgültig wirken und sie davon abhalten, sich nach der anonymen Kindesabgabe zu melden“, heißt es in der Zusammenfassung der Studie. Dagegen brächten Anbieter, die in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht hätten, „dass viele Kinder anonym bleiben“, „die Kinder in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt häufiger direkt in Adoptivfamilien unter, um den Kindern einen neuerlichen Beziehungsabbruch durch den Wechsel von der Bereitschaftspflege zur Adoptivfamilie zu ersparen“.

Überraschen dürfte vor allem die ermittelte Heterogenität der Nutzerinnen der Angebote zur anonymen Geburt. Wurden diese ursprünglich in erster Linie entwickelt, um vor allem für „Prostituierte, Drogenabhängige, sehr jungen Mädchen sowie Frauen, die ihre Kinder töten oder aussetzen“ ein niederschwelliges Angebot zu schaffen, um ungewollte Kinder in fremde Obhut zu geben, so setzten sich laut der Zusammenfassung der Studie inzwischen viele Anbieter damit auseinander, dass diese „Zielgruppen nicht erreicht werden“, während diejenigen, die stattdessen erreicht würden, „keiner spezifischen Gruppe zuzuordnen“ seien. Wie es weiter heißt, gehe sowohl aus den Interviews mit den Trägern als auch mit den Jugendämtern hervor, dass die Gruppe der Nutzerinnen „ausgesprochen heterogen“ ist. Dies betreffe „sowohl das Altersspektrum als auch den Bildungsgrad, die wirtschaftliche Situation sowie die Schichtzugehörigkeit der Frauen“.

Ebenso wenig, wie sich eine spezifische Nutzerinnengruppe definieren lasse, habe die Studie „spezielle Gründe“ ausmachen können, „die zu einer anonymen Kindesabgabe führten“. Laut den Autoren handelt es sich „in der Regel nicht um einen isolierten Aspekt“, der Ausschlag für eine anonyme Kindesabgabe gebe. Meist spielen „eine Reihe von Gründen ineinander, wie zum Beispiel komplizierte Beziehungsdynamiken, soziale Notsituationen sowie der subjektiv empfundene Druck durch die Familie oder das soziale Umfeld, kulturelle oder religiöse Werte oder akute psychische und physische Überforderungssituationen“. Dass „solche Problemkonstellationen von schwangeren Frauen für die Nutzung von Angeboten anonymer Geburt ausschlaggebend sind und nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe von Frauen“, werten die Autoren als einen „der zentralen Befunde der vorliegenden Untersuchung“.

Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten, die laut der Zusammenfassung der Studie „bei allen betroffenen Frauen ausgemacht“ werden konnten. Die Autoren sprechen hier von „diffusen, panikartigen Ängsten und einer damit verknüpften Sprachlosigkeit“. Diese unspezifische Angst und das Unvermögen der Frauen, ihre Probleme zu verbalisieren, führten „zu einer Hilflosigkeit“, welche ihnen „die Öffnung nach außen sowie die Inanspruchnahme adäquater Unterstützungsmaßnahmen unmöglich mache“. Die aus dieser Situation „resultierende Isolation“ gehe „in der Regel mit einer Verheimlichung der Schwangerschaft gegenüber dem sozialen Umfeld einher, die in einem Großteil der Fälle eng mit einer partiellen oder gänzlichen Verdrängung (Negierung) der Schwangerschaft verknüpft“ werde. Sowohl Aussagen der Jugendämter und Träger als auch der Frauen, die ein Angebot zur anonymen Kindesabgabe genutzt haben, deuteten darauf hin, „dass die meisten Frauen ihre Schwangerschaft relativ spät, das heißt gegen Ende des zweiten, am Anfang des dritten Trimenon oder noch später realisieren“. Körperliche Veränderungen, die üblicherweise mit einer Schwangerschaft einhergehen, würden von den Frauen „nicht oder kaum wahrgenommen“, weshalb diese „auch nicht aktiv nach einer Lösung für ihre problematische Situation“ suchten. Auch wenn die komplette Studie noch nicht veröffentlicht ist, eines ist angesichts der Ergebnisse schon sicher. Der Gesetzgeber, der dieses Feld rechtlich regeln will, ist nicht zu beneiden. Denn nach Lage der Dinge kann er zwar vieles falsch, aber nur wenig richtig machen.