Eine Sache der Ehre

Komapatienten sollen sterben, aber Alitalia wird künstlich ernährt

Von Guido Horst

Es geht um Kerosin, eine leicht angerostete Fliegerflotte, neun Gewerkschaften, die das Unternehmen quasi unregierbar machen, und jede Menge Piloten und Stewardessen. Im Grunde aber geht es um die Ehre. Warum darf Alitalia nicht sterben? Wie jeder gescheiten Fluggesellschaft – man denke an Swiss Air und die belgische Sabena –, die nach Misswirtschaft und Managementfehlern eine ordentliche Bruchlandung hingelegt hat, sollte es auch der italienischen Fliegerstaffel gestattet sein, endgültig von den Radarschirmen zu verschwinden. Aber nein, so heißt es im schönsten Berlusconianisch, Italien soll seine „Compagnia di Bandiera“ behalten, die „Gesellschaft mit der Landesfahne“. Das ist ungefähr so wie mit den „Azzurri“, den Jungs im azurblauen Trikot, die der Stolz der Nation sind – und deren Niederlagen das ganze Land in Trauer und Verzweiflung stürzen. Italien ohne die blau gewandete Nationalmannschaft, das gibt es nicht. Und die Flughäfen des Landes ohne die Alitalia-Maschinen in Grün und schmutzigem Weiß, das darf es auch nicht geben.

Jetzt hat Berlusconi den ganz großen Revolver aus der Tasche gezogen, um die störrischen Gewerkschaften, die sich gegen Entlassung und Lohnkürzung wehren, zur Aufgabe zu zwingen: die Lufthansa. Was dem Konsortium aus italienischen Unternehmen, das Alitalia retten soll, in der vergangenen Woche nicht gelang, könnten demnächst die deutschen Sturmtruppen richten: die Macht der Gewerkschaften zu brechen. Der Kampf geht weiter – während eigentlich niemand mehr bei Alitalia bucht. Jeden Tag könnten die Flieger am Boden bleiben. Da geht man lieber gleich zur Konkurrenz. Von Steuergeldern noch genährt, siecht Alitalia vor sich hin. Ein wahrer Wachkoma-Patient – und kein Mensch, sondern eine Firma. Da ist Sterbehilfe ja wohl erlaubt.