Eine Million Unterschriften für das Leben

In Russland wirbt eine breit angelegte Initiative für das Verbot von Abtreibung – sie wird von der orthodoxen Geistlichkeit und Prominenten unterstützt. Von Barbara Wenz

Wladimir Putin und Patriarch Kyrill I. beim Ostergottesdienst
Patriarch Kirill unterstützt die Initiative. Er hat auch ein gutes Verhältnis zu Putin. Foto: KNA
Wladimir Putin und Patriarch Kyrill I. beim Ostergottesdienst
Patriarch Kirill unterstützt die Initiative. Er hat auch ein gutes Verhältnis zu Putin. Foto: KNA

Von Wladiwostok bis Moskau, von Archangelsk bis Sotschi waren die Aktivisten der russischen Lebensschützerbewegung „Za schizn‘!“ – „Für das Leben“ monatelang unterwegs. Ihr Ziel: In den 85 Regionen der Föderation eine Million Unterschriften für den Schutz des menschlichen Lebens von der Empfängnis an zu sammeln und somit die größte Gesetzgebungsinitiative in der Geschichte Russlands für diesen sensiblen Bereich zu starten. Abtreibung ist in Russland schon seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts legalisiert, das Gesetz ging am 18. November 1922 durch, danach folgte ein teilweises Verbot in den dreißiger Jahren und eine zweite Legalisierung, wiederum im November, im Jahre 1955. Diese Eckdaten sind auch der Grund, warum die russischen Lebensschützer in vielen Städten des Landes jedes Jahr im November besonders aktiv werden.

Die Gesamtzahlen sinken zwar kontinuierlich, doch für das Jahr 2015 wurden russlandweit fast 850 000 Abtreibungen mit staatlichen Geldern durchgeführt, wobei die Dunkelziffer höher geschätzt wird – eine Zahl, die nicht nur, aber vor allem, orthodoxe Kirchenführer und Gläubige umtreibt, weshalb besonders in den Pfarreien eifrig Unterschriften gesammelt wurden. Daneben gab es zahlreiche Freiwillige, die davon berichteten, dass sie bei den Menschen, mit denen sie ins Gespräch kamen, immer wieder ein Umdenken von Ablehnung zu Zustimmung erlebt haben.

Eine zweite zentrale Forderung der Unterschriftensammlung bestand darin, mehr staatliche Unterstützung insbesondere finanzieller Art für Schwangere und Familien mit Kindern durchzusetzen. In ihrer Pressemitteilung betonte die russische Organisation „Für das Leben!“, dass die Tötung eines Menschen während seiner Entwicklung im Mutterleib niemals gerechtfertigt sein könne. Auch Geschlecht, Rasse, Nationalität, Herkunft, Religion oder Angehörigkeit zu einer sozialen Klasse könnten nie als Rechtfertigung für die Tötung vorgebracht werden.

Die Aktion „Eine Million“ hatte am Ende nicht nur einen beachtlichen Rückhalt in der Bevölkerung – Russland hat insgesamt rund 145 Millionen Einwohner –, sondern auch bei prominenten Künstlern, Sängern, Schauspielern und Sportlern und natürlich der orthodoxen Geistlichkeit gefunden. Neben Patriarch Kirill und seinem Außenamtschef Metropolit Hilarion sind das Publikumslieblinge wie der Schauspieler Anton Makarskij und die Sängerin Viktoria Morozowa, verheiratet, eine Tochter, oder der Schauspieler Andrej Merslikin, drei Kinder. Aber auch Paradiesvögel gehören dazu wie Fjodor Konjuchow, Ehrenmitglied der Russischen Akademie der Künste, Vietnamveteran (in seinem Fall als Kämpfer gegen die USA), Abenteurer und Priester der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats, außerdem Alexandr Saldostanow, der Gründer und Präsident des größten Motorradclubs Russlands, der „Nachtwölfe“ – in Deutschland bekannt geworden durch ihre Gedächtnistour im Mai 2015 anlässlich des siebzigsten Jahrestages zum Kriegsende, welche von Moskau über Minsk und Polen nach Berlin führen sollte, aber von zahlreichen Einreiseverboten behindert wurde.

Am Dienstag vergangene Woche war es soweit: In der ulitza Ilinka nahe dem Roten Platz bildete sich am Vormittag eine beeindruckende Menschenkette mit 100 Teilnehmern in neongrünen Sicherheitswesten. Jeder Aktivist trug in seinen Händen eine große Pappschachtel, die jeweils 10 000 Unterschriften enthielt; jedes Behältnis war mit lebhaft-bunten Zeichnungen von Kindern beklebt. Nach Schätzungen von „Für das Leben!“ wird die administrative Bearbeitung der gesamten Liste etwa einen Monat Zeit in Anspruch nehmen. Am Dienstag Nachmittag ging es dann weiter mit Solidaritätsaktionen in der Nähe von Botschaften der Länder, in denen die Rechte ungeborener Kinder strikt geschützt werden, um deren Legislative zu unterstützen. In den sozialen Medien sollte sich, gemäß dem Plan, das Stichwort „#million_and_i#forlife“ – „Eine Million und ich für das Leben“, mit Bildern von Babies im Mutterbauch und außerhalb, stark verbreiten.

Nach den Angaben der „Allrussischen gesellschaftlichen Bewegung – für das Leben!“ fanden sich an diesem Dienstag auch im Ausland Lebensschützer vor den russischen Botschaften und Konsulaten ein, um den Aktivisten in der Moskauer ulitza Ilinka an diesem, für die Bewegung bedeutsamen Tag, auf ihre Weise zur Seite zu stehen. Auf den Plakaten und Transparenten war etwa zu lesen: „Voll Hoffnung schauen wir nach Russland“. „Bis zu einem gewissen Grad ist das Leben eines Kindes vor seiner Geburt in 139 Ländern geschützt. Russland – das dabei ist, auszusterben – gehört in die Reihe der liberalen Ländern, in denen ein Menschenleben vor der Geburt gar nicht geschützt wird“, beklagt Sergej Tschesnokow, orthodoxer Christ und Koordinator der Unterschriftenaktion. In Russland gilt aktuell eine Art Fristenlösung mit verschiedenen Indikationen, ähnlich wie in Deutschland.

In einer Mitteilung weist „Für das Leben!“ auch darauf hin, dass US-Präsident Donald Trump das Thema Lebensschutz zum Wahlkampfthema gemacht und gewonnen habe. Nun würden konservative Kräfte in Europa und den USA besonders nach Russland schauen, auf der Suche nach einer Chance, den Kampf um die gemeinsamen Werte voranbringen zu können.