Eine Kehrtwende

Der Bundesverband Lebensrecht (BVL) fordert von der neuen Bundesregierung in ethisch-politischen Fragen einen neuen Kurs. Von Alexandra Linder

Mütter erbringen einen wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft.
Mütter erbringen einen wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft. Foto: dpa

In dieser Überschrift ist die Richtung aller Wünsche der Lebensrechtsbewegung an die Politik enthalten. Denn der in den letzten Jahrzehnten eingeschlagene Weg, ob in der sogenannten „Reproduktions“-Medizin, bei assistiertem Suizid und Euthanasie oder Abtreibung, ist das Gegenteil von dem, was eine humane Gesellschaft braucht, verdient und voranbringt.

Am Lebensende bietet man Menschen einen absichtlich herbeigeführten Tod an, zum Beispiel mit Pentobarbital, einem Mittel, mit dem man Tiere einschläfert. Unser Ziel ist es, das Leid zu beseitigen, nicht die Leidenden. Daher fordern wir die weitere Förderung der palliativen Versorgung (auch zu Hause, wo die meisten Menschen sterben möchten), die Leid weitestmöglich lindert, größtmögliche Zuwendung bietet und Schmerzen nimmt. Jede Freigabe von assistiertem Suizid oder Euthanasie, das zeigt sich in Ländern wie Belgien, den Niederlanden oder Oregon, hat höhere Todeszahlen zur Folge. Das kann kein Ziel von Staat und Gesellschaft sein. Dasselbe gilt bei der Abtreibung: Aktuell blasen Zeitungen und Politik zum Halali auf die §§ 218 und 219. Abtreibung als Frauenrecht ohne „Beratungszwang“ soll die Zukunft sein. Wir haben in der Beratung täglich mit Frauen im Schwangerschaftskonflikt zu tun. Sie kommen freiwillig (vitaL und Kaleb zum Beispiel stellen keine Scheine aus), sie wollen nicht mit einem angeblichen Rechtsanspruch alleingelassen werden, der ein tödliches Unrecht gegenüber dem Kind und die Verletzung der Frau beinhaltet, sondern ihre Probleme lösen. Kann es ein „Menschenrecht“ darauf geben, das eigene Kind vor der Geburt zu beseitigen? „Mein Bauch gehört mir“ fordert eine faktische Leibeigenschaft, die man nicht mit Emanzipation rechtfertigen kann. Oder gehört das Kind dem Mann, der es gegen den Willen der Frau loswerden will? Wir brauchen, um die Situation für Frauen und Kinder zu verbessern, eine gründliche Untersuchung, aus welchen Motiven abgetrieben wird, und nachfolgende Maßnahmen.

Abtreibung ist frauenfeindlich

Wir brauchen eine Gesellschaft, in der niemand an Abtreibung denkt oder denken muss – vom Schulunterricht, in dem die Würde und der Wert des Menschen von der Zeugung an im Mittelpunkt steht, bis zum gesellschaftlichen Bewusstsein, dass jede Frau, die ein Kind austrägt, eine großartige Leistung erbringt und einen nachhaltigen Beitrag zu unserer Zukunft leistet. Wer von Kindesbeinen an lernt, wie wertvoll jeder ist, hat ein anderes Menschenbild und außerdem ein Selbstbewusstsein, das vor menschenverachtenden Taten schützen kann und die Gesellschaft positiv verändert. Eltern sollten bereits vor der Geburt Kindergeld bekommen, denn das Kind ist schon da und die Eltern können es zur Vorbereitung auf die neuen Erdenbürger gut brauchen. Das würde auch der von mancher Organisation verbreiteten Behauptung, man entferne nur einen „Fruchtsack“, Wind aus den Segeln nehmen. Ein weiterer leicht zu erfüllender Wunsch ist es, jeder Mutter bei der ersten Schwangerschaftsuntersuchung ein Ultraschallbild zu geben, sobald man „etwas“ sehen kann, denn sie hat ein Recht darauf zu wissen, wer da in ihrem Körper heranwächst.

Abtreibung ist eine Schande für Staat und Gesellschaft, und sie ist frauenfeindlich – wegen der körperlichen und seelischen Folgen und wegen der Negierung tatsächlicher Bedürfnisse. Wer die Freigabe der Abtreibung anstrebt, ist entweder ein Ideologe, der den Feminismus auf eine absurde Spitze treibt, oder er hat keine Ahnung von Frauen und ihrer Lebenswirklichkeit – und die Kinder werden schlicht ignoriert.

Wenn Abtreibungsorganisationen zugeben, dass Frauen danach Trauer empfänden und das normal sei, widersprechen sie sich selbst: Um Fruchtsäcke oder Zellhaufen trauert man nicht. In keinem Land der Welt übrigens sinken die Abtreibungszahlen nach der Freigabe, sondern im Gegenteil, zum Beispiel in Belgien, Großbritannien oder Schweden. Und das Argument, man könne Kinder nicht ohne oder gar gegen ihre Mütter schützen, entlarvt spätestens dann seinen verqueren Sinn, wenn man es auf Kinder nach der Geburt anwendet. Ein Rechtsstaat hat eine Schutzpflicht und kann kein Unrecht zu Recht erklären. Es gibt keine Unrechtstat auf der Welt, die man durch Gesetze vollständig unterbinden kann – doch man kann ein Gesetz nicht einfach aufgeben mit dem Argument, manche würden sich nicht daran halten. Eine Schwangerschaft ist keine lebensgefährliche Krankheit, die notwendigerweise durch Abtreibung geheilt werden muss.

Eine Gesellschaft, in der Kinder Spielbälle sind, kann nicht human sein. Was für ein Bild vom Menschen wird durch den Begriff „Wunschkind“ vermittelt? Kinder sind heute herstellbar, mit Wunscheigenschaften, sie werden termingerecht bestellt und geliefert. Entsprechen sie nicht der Produktbeschreibung, werden sie wieder abbestellt – nach Präimplantationsdiagnostik durch „Verwerfung“, nach selektiver Pränataldiagnostik durch Abtreibung. Es wird bei solchen Entscheidungen generell nicht nach Kindeswohl, sondern nach Erwachsenenwunsch gehandelt, Kinder mit Besonderheiten werden für unzumutbar erklärt. Der Status des Kindes gehört kräftig zurechtgerückt: Weg von Planung und Qualitätskontrolle, hin zum Annehmen und Lieben, egal, wann und in welchem Zustand. Wir brauchen keine Eizellspende, keine Leihmutterschaft; Pränataldiagnostik ist nur sinnvoll, wenn sie Mutter und Kind dient. Und das Adoptionsrecht gehört auf den Prüfstand: Warum bringt man Schwangere, die sich nicht in der Lage sehen, ihr Kind großzuziehen, nicht mit Ehepaaren zusammen, die die Mutter- plus Vaterrolle übernehmen möchten, in Deutschland aber kaum Aussichten auf Erfüllung dieses Wunsches haben? Das wäre eine humane Definition von „Wunschkind“.

Ein demokratischer Rechtsstaat fördert alles, was dem Menschen dient und sein Leben erhält, und er versucht alles zu unterbinden, was dem Menschen schadet oder ihn umbringt. Wenn ein Staat vor Ideologien kapituliert, die einem Teil der Menschheit das Menschsein absprechen, handelt er inhuman und darf sich nicht wundern, wenn die Gesellschaft an Solidarität gegenüber Kindern, Schwangeren oder Menschen mit Krankheiten und Behinderungen verliert.