Ein wenig zu beneidendes Amt

Auf den Nachfolger von Bundesärztekammerpräsident Hoppe warten viele Probleme. Von Stefan Rehder

Steht für keine weitere Amtszeit zur Verfügung: Jörg-Dietrich Hoppe. Foto: dpa
Steht für keine weitere Amtszeit zur Verfügung: Jörg-Dietrich Hoppe. Foto: dpa

Deutschlands Ärzte müssen sich nach einem neuen Repräsentanten umsehen. Denn Jörg-Dietrich Hoppe, der im Oktober sein 70. Lebensjahr vollendete, will auf dem 114. Deutschen Ärztetag, der im kommenden Jahr Ende Mai, Anfang Juni in Kiel stattfindet, nicht wieder für das Amt des Präsidenten der Bundesärztekammer (BÄK) kandidieren. Hoppe, der der BÄK seit 1999 vorsteht, begründete seinen Verzicht mit seinem fortgeschrittenen Alter und den vielen Veränderungen, die die Medizin in den vergangenen Jahren erfahren habe. Das derzeitige medizinische Umfeld habe nichts mehr mit den Bedingungen zu tun, die geherrscht hätten, als er seine ärztliche Tätigkeit begonnen habe, sagte der Pathologe der „Ärzte Zeitung“ und zeigte sich zuversichtlich, dass „Jüngere“ die gewandelte Art der Berufsausübung „besser aktiv nach außen kommunizieren können“.

Ein Beispiel: Laut einer aktuellen Studie, die Wissenschaftler des Universitätsklinikums Freiburg vor kurzem in dem Fachjournal „BMC Health Service Research“ publiziert haben, verweilen Krankenhausärzte in Deutschland heute durchschnittlich lediglich noch vier Minuten am Bett eines Patienten. Für die Angehörigen bleiben im Schnitt gerade einmal 20 Sekunden übrig. In Summe verbringt der durchschnittliche Stationsarzt eines deutschen Krankenhauses damit 80 Minuten seines rund elfstündigen Arbeitstages mit Gesprächen mit seinen Patienten und deren Angehörigen. 35 Minuten entfallen auf Ruhepausen. Die übrige Zeit bringt der Krankenhausarzt überwiegend mit nicht-ärztlichen Tätigkeiten zu, darunter etlichen Schreibarbeiten wie der Dokumentation von Patientendaten und dem Ausfüllen von Abrechnungsformularen. Bei den niedergelassenen Ärzten zeigt sich ein vergleichbares Bild. Hier wendet der Arzt im Durchschnitt acht Minuten für das Gespräch mit einem Patienten auf, wie der diesjährige Ärztereport der Barmer GEK, Deutschlands größter Krankenkasse, vorrechnet. Laut einer Studie des „British Medical Journal“ wenden niedergelassene Ärzte in der Schweiz und in Belgien mit rund 16 Minuten doppelt so viel Zeit für Gespräche mit ihren Patienten auf. In Großbritannien und den Niederlanden ist es nicht ganz so viel, aber immer noch mehr als in Deutschland. Dabei ist der Dialog mit den Patienten für den Arzt im Grunde unverzichtbar, um eine möglichst sorgfältige Anamnese erstellen zu können. Diese wiederum hat erheblichen Einfluss auf die Qualität der Diagnose. Dessen ungeachtet halten heute viele das Arzt-Patienten-Gespräch für einen „Luxus“, den sich Ärzte immer weniger leisten könnten. Ein Grund: Deutlich rentabler als der Dialog sind für die Ärzte die Durchführung medizintechnischer Untersuchungen, ganz besonders jene, die auf bildgebende Verfahren wie etwa Ultraschall oder Kernspintomografie setzen.

„Ärzte sind keine Kaufleute und sie verkaufen keine Ware“, hatte Hoppe in einem Interview einmal vermerken lassen. Doch die Wirklichkeit wandelt sich längst in genau diese Richtung. Und zuletzt schien es immer häufiger so, als fehle Hoppe die Kraft, sich dieser Entwicklung noch länger in den Weg zu stellen. So wackelte der in medizinethischen Fragen früher stets zuverlässige BÄK-Präsident kürzlich sogar bei der Präimplantationsdiagnostik und begrüßte das Urteil des Bundesgerichtshofs, das in selektiven Gentests an Embryonen keinen Verstoß gegen Geist und Buchstaben des Embryonenschutzgesetzes erblicken wollte. Als mögliche Nachfolger Hoppes werden vor allem die Präsidenten der Landesärztekammern Hamburg, Berlin und Westfalen-Lippe, Frank Ulrich Montgomery, Günther Jonitz und Theodor Windhorst gehandelt. Dabei werden Montgomery, Jahrgang 1952, derzeit die besten Chancen eingeräumt. Der Sohn einer Hausärztin und eines britischen Offiziers ist seit 2007 nicht nur Vizepräsident der BÄK, sondern stand zuvor auch 18 Jahre lang an der Spitze der Ärztevereinigung Marburger Bund. Zahlreiche Beobachter trauen dem politik- und medienerfahrenen Hamburger am ehesten zu, die Interessen der Ärzte angesichts der gewaltigen Herausforderungen, die auf das Gesundheitswesen zukommen, zu wahren.

Da ist zunächst einmal der drohende Ärztemangel. Obwohl in Deutschland rund 320 000 Ärzte arbeiten, sind bereits heute an deutschen Krankenhäusern rund 5 000 Stellen unbesetzt. In Zukunft dürfte vor allem in ländlichen Regionen ein Mangel an Hausärzten sowie ambulanten Fachärzten hinzukommen. Und das obwohl an deutschen Universitäten ausreichend Studierende das Medizinische Staatsexamen bestehen. Der Grund: Zu viele der Absolventen wenden sich heute Industrie und Forschung statt der Versorgung von Patienten zu. Auch wandern jedes Jahr mehr als doppelt so viele Ärzte aus Deutschland aus, wie in das Land einwandern. Erschwerend kommt hinzu, dass der demografische Wandel auch vor den Ärzten nicht halt macht. Seriösen Schätzungen zufolge werden – bei gleich bleibenden Absolventenzahlen – in den kommenden zehn Jahren daher rund 30 000 Menschen mehr aus dem Arztberuf ausscheiden, als ihn ergreifen werden. Zunehmende Probleme dürften auch die steigenden Gesundheitskosten bereiten, die eine alternde Gesellschaft ebenso verursacht wie der Trend zur teuren High-Tech-Medizin. Nicht wenige Betreiber von Krankenhäusern überlegen bereits, welche ärztliche Aufgaben geringer qualifizierten Mitarbeitern übertragen werden können und streben eine Neuordnung des ärztlichen Dienstes an. Diese könnte – falls sie glückt – tatsächlich zu einer Entlastung der Ärzte von primär nicht ärztlichen Aufgaben führen und damit zum Nutzen der Patienten oder aber – falls sie misslingt – zum Nachteil derselben erfolgen. Ungelöst ist auch die Frage, wie die Ärzte damit umgehen, dass in Folge des demografischen Wandels nicht mehr alle medizinischen Leistungen für jeden Versicherten finanzierbar sind. „Priorisierung“ oder „Rationierung“ lauten die wichtigsten Schlagworte einer Debatte, die noch in den Kinderschuhen steckt. Sie zeigen, dass bislang nicht einmal die Richtung klar ist, die eingeschlagen werden soll. Fest steht nur: Der neue BÄK-Präsident wird so wenig zu beneiden sein, wie der alte.