Ein neuer Blick auf China

Ändert der Vatikan seine China-Diplomatie? – Experten suchen nach Antworten. Von Michael Leh

Abkommen zwischen China und dem Vatikan
Er hat die Debatte angestoßen: Kardinal Joseph Zen. Foto: dpa
Abkommen zwischen China und dem Vatikan
Er hat die Debatte angestoßen: Kardinal Joseph Zen. Foto: dpa

Über die Verhandlungen zwischen dem Vatikan und China gibt es viel Rätselraten. Der kanadische China-Experte Ian Johnson schrieb unlängst in der New York Times: „Der grundsätzliche Plan würde dem Vatikan eine formelle Rolle, möglicherweise sogar ein Veto-Recht dabei geben, wie der Klerus ernannt wird. Das wäre eine ungewöhnliche Konzession durch Peking, das gegenüber ausländischem Einfluss tief misstrauisch ist.“ Im Gegenzug, so Johnson, könnte der Vatikan „viele lokale Gemeinden drängen, von den kommunistischen Behörden ernannte Kleriker eher zu akzeptieren als populäre ,Untergrund‘-Kirchenführer, die jahrzehntelang der staatlichen Kontrolle widerstanden haben“.

Die Aussicht auf ein solches Übereinkommen habe weltweit starke Emotionen entfesselt bis hin zur Kritik, der Vatikan betreibe einen „Ausverkauf“ treuer Katholiken in China. Diesen Vorwurf hatte der emeritierte Erzbischof Joseph Kardinal Zen Ze-kiun erhoben. Die Verteidiger des Vatikan, so Johnson, würden argumentieren, dass dieser einen Kompromiss eingehen müsse, um vorzubeugen, dass sich die Kirche in China weiter spaltet, gerade weil unter der Herrschaft von Staatspräsident Xi Jinping die Kontrolle der Religionen verschärft werde. Die am meisten von solchen vorgeschlagenen Veränderungen Betroffenen jedoch, so schreibt Johnson, etwa Katholiken in der Diözese Mindong, „sagen, sie hätten ein Gefühl der Ohnmacht, so als ob sie einen Sturm erwarteten, den sie nicht kontrollieren könnten“.

Viele seien weniger besorgt wegen der Debatte über den Klerus als über ein Schwinden katholischen Lebens in ländlichen Gebieten. Andere erklärten auch, eine schwarz-weiße Sicht der Außenwelt auf den chinesischen Katholizismus – hie die treuen Mitglieder der Untergrundkirche, da die Lakaien der Regierung – übersehe subtile Realitäten an der Basis. Tatsächlich sei der Begriff „Untergrund“ heute weithin eine Fehlbezeichnung, erklärt Johnson. Obwohl Geistliche auch Haft und Schikanen hätten erleiden müssen, könnten andere sich meist offen betätigen: „An vielen Orten haben Untergrund-Katholiken ihre eigenen Kirchen gebaut, manchmal große Kathedralen, ohne Behinderung durch die Regierung.“

„Untergrund“-Bischof Guo Xijin (59) von der Diözese Mingdong etwa wohne in einer siebenstöckigen Residenz in der Nähe einer zweitürmigen, mit weißen Kacheln verkleideten Kirche. Guo Xijin sei vom Vatikan bereits gebeten worden, die Leitung von 70 000 Katholiken abzutreten an den von der chinesischen Regierung ernannten Bischof Zhan Silu, der ungefähr 10 000 Anhänger hat – „ein riesiges Zugeständnis an Peking“, so Johnson.

Bischof Guo, der seit 1984 Priester in Mindong ist, habe sich dazu bereit erklärt, wenn es helfe, die lange Spaltung zwischen Untergrund- und Regierungskirche zu heilen. Viele ortsansässige Gläubige seien aber beunruhigt über den Wunsch des Vatikan, dass Guo Xijin zugunsten Zhan Silu beiseite treten solle: „Viele sind der Ansicht, sie sollten konsultiert werden bezüglich der Ernennung ihres geistlichen Leiters – ein Punkt, der auch noch in anderen chinesischen Diözesen eine Rolle spielen könnte angesichts der ungewissen Zukunft von noch 30 weiteren Untergrund-Bischöfen.“

Wie der Vatikan-Korrespondent der in New York erscheinenden Jesuiten-Zeitschrift „America“, Gerard O?Connell, berichtet, sei geplant, dass der Papst für eine Übereinkunft mit Peking die Exkommunikation von sieben illegitimen Bischöfen aufhebe und sie als legitim anerkenne. Kardinal Joseph Zen dagegen hat erklärt: „Keine Übereinkunft mit Peking ist besser als eine schlechte.“ Auch er verwies auf die verschärfte Religionsgesetzgebung und zunehmenden Repressionen.

Der Kurienbischof und Kanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften in Rom, Marcelo Sánchez Sorondo, der wie der Papst aus Argentinien stammt, hat unterdessen nach einigen China-Besuchen das KP-Regime auf absurde Weise gerühmt. In einem Interview erklärte er, in China gälten beispielhaft die „Prinzipien des Schutzes von Leben und Umwelt“. Dort bestimme „die Wirtschaft nicht die Politik, wie es in den USA der Fall ist“. Und: „Es sind die Chinesen, die derzeit die Sozialdoktrin der Kirche am besten verwirklichen.“