Ein millionenschweres Geschäft

Politiker und Ärzte wollen die „Pille danach“ nicht aus der Rezeptpflicht entlassen – Sie sind gut damit beraten. Von Stefan Rehder

Kleine Pille mit starken Nebenwirkungen: Ärzte und Verbände warnen vor dem unnötigen Gebrauch der „Pille danach“. Die Dosis des Hormons Levonorgestrel entspricht der von 15 Antibabypillen. Foto: dpa
Kleine Pille mit starken Nebenwirkungen: Ärzte und Verbände warnen vor dem unnötigen Gebrauch der „Pille danach“. Die Do... Foto: dpa

Die Gesundheitsminister der Länder wollen die „Pille danach“ nicht aus der Rezeptpflicht entlassen. Wie kürzlich bekannt wurde, fand ein entsprechender Vorstoß der Bremer Senatorin für Bildung, Wissenschaft und Gesundheit, Renate Jürgens-Pieper (SPD), auf der letzten Konferenz der Landesgesundheitsminister im saarländischen Saalouis-Wallerfangen keine Mehrheit. Schuld daran ist nach Ansicht des Bundesverbands „Pro Familia“ aber nicht die Politik, sondern die Ärzteschaft. Die hätte Angst, Patientinnen zu verlieren und finanzielle Einbußen zu erleiden.

Eine böse Unterstellung. Gesichert ist das nicht. Fest steht dagegen: Sowohl die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) als auch der Berufsverband der Frauenärzte (BVF) halten eine Aufklärung und Beratung der Frau vor Abgabe des Hormonpräparats für dringend erforderlich. Ein Grund: Da das als „Notfallverhütung“ verharmloste Präparat meist nach einem ungeschützten Geschlechtsverkehr verlangt wird, muss nach Ansicht der Ärzte unbedingt geklärt werden, ob der Geschlechtsverkehr mit Einwilligung der Frau stattgefunden habe oder ob es Anzeichen für eine Gewaltproblematik gebe. Denn wie es in einer gemeinsamen Stellungnahme von DGGG und BVF heißt, würden rund „13 Prozent der Mädchen mit deutscher Staatsangehörigkeit und 19 Prozent mit Migrationshintergrund von sexuellen Kontakten gegen ihren Willen“ berichten. Würde die „Pille danach“ ohne ärztliches Rezept in den Apotheken – zumal im Nacht- und Wochenenddienst – abgegeben, können „diese Fragestellungen nicht angemessen beantwortet“ werden, zeigt sich DGGG-Präsident Klaus Friese überzeugt. Denn da keine Untersuchung stattfinde, gingen die Frauen nach der Aushändigung des Präparats „in dieselbe Situation zurück, in welcher der ungeschützte Geschlechtsverkehr stattgefunden“ habe.

Aber es gibt noch weitere Gründe, die aus Sicht der Ärzte für die Beibehaltung der Rezeptpflicht sprechen. So benötigen laut der DGGG und des BVF „mehr als 50 Prozent der Frauen“, die deswegen bei Ärzten vorstellig würden, das Präparat überhaupt nicht. „Vor allem junge Frauen“ könnten oft „nicht einschätzen, ob die Pille einzunehmen ist oder nicht“, weiß der Aachener Gynäkologe Thomas Bärtling zu berichten. Dass dies so ist, hängt mit der Wirkungsweise des Hormonpräparats zusammen. So besteht die „Pille danach“ vor allem aus Levonorgestrel, einem Hormon aus der Gruppe der Gestagene, das einem natürlichen Anstieg des Hormons LH entgegenwirkt und so die Reifung der Eizelle verzögern und den Eisprung verhindern soll. Oder, um es mit den Worten der Gynäkologenverbände zu sagen: „Die Anwendung der ,Pille danach‘ ist nur innerhalb eines bestimmten Zeitfensters im Frauenzyklus angebracht und wirksam. Außerhalb dieser Zeit können Frauen nicht schwanger werden und setzen sich umsonst dem Risiko von Nebenwirkungen sowie den Kosten aus.“

Dass die Ärzte so entschieden vor einem „unnötigen“ Gebrauch der „Pille danach“ warnen, hängt nicht zuletzt mit der hohen Dosierung von Levonorgestrel zusammen. Laut DGGG und BVF entspricht die Menge Levonorgestrel, welche die „Pille danach“ enthält, dem „15-fachen der üblichen Tagesdosis von Antibabypillen und dem 100-fachen von Hormonersatzpräparaten“, die Ärzte Frauen bei Wechseljahrsbeschwerden verschreiben. Deswegen sind auch die Nebenwirkungen, die bei einer Einnahme der „Pille danach“ auftreten können, größer als bei den sogenannten Anti-Baby-Pillen oder Hormonersatzpräparaten. Während „Pro Familia“ die „Pille danach“ als eine „sichere und wirksame“ Methode zur „Postkoitalverhütung“ anpreist, deren „geringe Nebenwirkungen“ keine „Kontraindikationen“ aufweise, weisen DGGG und BVF auf ihrem Internetportal „Frauenärzte im Netz“ darauf hin, die „häufigsten Nebenwirkungen“ seien „Übelkeit, Erbrechen und Kopfschmerzen“. Komme es zum Erbrechen, raten die Ärzteverbände dazu, „innerhalb von drei Stunden erneut eine Tablette“ einzunehmen. Außerdem könne die Einnahme der „Pille danach“ „zu Zyklusstörungen und Menstruationsstörungen sowie einer Verschiebung der Follikelreifung im folgenden Zyklus führen“. Auch kann die gleichzeitige Einnahme von Antibiotika, von Präparaten, die Johanniskraut enthalten, sowie Medikamente, die gegen Erkrankungen des Darms oder gegen epileptische Anfälle verschrieben werden, die Wirkung der „Pille“ beeinträchtigen oder aufheben.

In Spanien, das unter der sozialistischen Regierung Zapateros die „Pille danach“ im Jahr 2009 aus der Rezeptpflicht entlassen hatte, bat die „Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe“ nach dem Machtwechsel die neue Gesundheitsministerin Ana Mato Adrover, die der konservativen „Partido Popular“ angehört, die „Pille danach“ wieder der Rezeptpflicht zu unterwerfen und begründete dies mit den „Risiken“, die mit der Einnahme des Präparats verbunden seien.

In Großbritannien, wo die „Pille danach“, ähnlich wie in Frankreich und Schweden, auch in Schulen ausgegeben und in der „Notapotheke“ neben Pflastern und anderen Verbandsmaterialien gelagert wird, um Teenager-Schwangerschaften zu verhindern, haben Wissenschaftler im vergangenen Jahr auf eine ganz andere „Nebenwirkung“ hingewiesen. Laut einer Studie, die die Wissenschaftler um David Paton und Sourafel Girma von der Universität Nottingham im „Journal of Health Economics“ veröffentlichten, stieg in Großbritannien seit Einführung der „Teenage Pregnancy Strategy“ die Zahl der Jugendlichen, die sich mit Geschlechtskrankheiten infizierten, signifikant. Wie die Autoren ausführen, sei der Anteil der unter 18-Jährigen, die sich zur Behandlung in eine entsprechende Klinik begeben hätten, seit der rezeptfreien Abgabe um fünf Prozent gestiegen. Bei den unter 16-Jährigen verzeichnete die Studie sogar einen Anstieg um 12 Prozent. Für die Wissenschaftler ist dies ein klares Indiz dafür, dass die Teenager noch häufiger als früher auf den Gebrauch von Kondomen verzichteten. Laut den Autoren, die weder grundsätzlich gegen die „Pille danach“ als Verhütungsmittel, noch gegen den Geschlechtsverkehr von Jugendlichen argumentieren, zeigt ihre Studie jedoch, dass auch „gut gemeinte Gesetze“ manchmal das Gegenteil von dem bewirkten, was sie anstrebten.

Erschwerend kommt hinzu, dass nicht einmal nachweisbar ist, dass die Rezeptfreigabe der „Pille danach“ in den betreffenden Ländern zu einer Reduzierung von Teenanger-Schwangerschaften geführt hat. Im Jahr 2005 publizierten Tina Raine und Cynthia Harper im „Journal of the American Medical Association“ (JAMA) die Ergebnisse einer Studie, die diese mit mehr als 2 000 jungen Amerikanerinnen im Alter von 15 bis 24 Jahren durchgeführt hatten. Dabei unterteilten die Forscher die jungen Mädchen und Frauen in drei Gruppen. Während der ersten das Präparat gleich mit nach Hause gegeben wurde, wurde der zweiten die Möglichkeit gegeben, sich die „Pille danach“ bei Bedarf in der Apotheke zu besorgen. Eine dritte Gruppe musste bei einem Arzt vorstellig werden, um das Präparat verschrieben zu bekommen. Das Ergebnis: In allen drei Gruppen lag die Rate der Mädchen und Frauen, die binnen zwei Jahren ungewollt schwanger wurden, bei rund acht Prozent.

Nachweislich profitieren von einer Rezeptfreigabe der „Pille danach“ allein Pharmaunternehmen und Apotheken. Beispiel Spanien: Verkauften Apotheken vor der Rezeptfreigabe des Präparates im Jahr 2008 bereits rund 300 000 Packungen, so wurde 2011 mit 775 000 Packungen mehr als das Doppelte über die Ladentheke gereicht. Bei einem Stückpreis von rund 20 Euro macht dies ein Umsatzplus von mehr als 45 Millionen Euro. Mädchen und Frauen das Gefühl zu vermitteln, „allzeit bereit“ zu sein, ist ein lukratives Geschäft.