Dresden

Ein kommender Mann

Die AfD wird voraussichtlich in Sachsen zweitstärkste Kraft. Wie tickt ihr Spitzenkandidat? Ein Gespräch mit Jörg Urban.

Wahlkampf der AfD in Sachsen
Wird vermutlich künftig in der sächsischen Politik eine stärkere Rolle spielen: Jörg Urban rechnet sich selbst zum gemäßigten Teil seiner Partei. Foto: Sebastian Kahnert (ZB)

Wer vom kleinen aber feinen Flughafen von Dresden in die Innenstadt fährt, kommt derzeit an vielen plakativen Gesichtern vorbei. Auffallend ist, dass die Kandidaten der AfD relativ selten zu sehen sind und wenn, dann hängen ihre Plakate immer weit oben. „Das liegt daran, dass unsere Plakate in Griffweite nachts abgerissen werden, manchmal auch schon tagsüber“, sagt Jörg Urban, der Spitzenkandidat und Chef der AfD Sachsen. Aber seine Wahlveranstaltungen sind gut besucht und man diskutiert mit ihm, wenn auch nicht immer fair.

"Unglaublich, der Mann
wäre heute in meiner Partei"
AfD-Spitzenkandidat Urban über Ludwig Erhard

Gern wird Urban von seinen politischen Gegnern in die rechtsextreme Ecke gedrängt. Dann braucht man nicht mehr zu argumentieren. Bei der Elefantenrunde der Parteichefs am Montagabend im MDR aber zögert er keine Sekunde, als er gefragt wird, ob er lieber Meuthen oder Höcke an der Spitze der Partei sähe: „Meuthen“, sagt er und das liegt nicht am gleichen Vornamen. Beide sind Wirtschaftsliberale und zu Ludwig Erhard sagt Urban: „Unglaublich, der Mann wäre heute in meiner Partei.“

Aber auf der Prioritätenliste der AfD in Sachsen stehen, so Urban im Gespräch mit dieser Zeitung, „Bildung und Sicherheit ganz oben“. Es ist für den Vater von drei Kindern „unerträglich zu sehen, wie sich seit einigen Jahren vor den Bahnhöfen Drogenszenen bilden, trotz zahlreicher Razzien. Als Vater möchte ich mir einfach keine Sorgen machen, wenn meine Tochter mittags oder frühabends von der Schule nach Hause kommt.“

Vor allem in grenznahen Städten und Orten ist die Kriminalität in den letzten Jahren gestiegen. Die Landesregierung will deshalb tausend Polizistenstellen schaffen. Für die AfD ist das zu wenig. Urban: „Wir wollen die Zahl der Polizisten und Polizistinnen um 3.000 erhöhen, so wie die Gewerkschaft der Polizei, die den Bedarf kennt, es vorschlägt. Wir wollen mit dem Personal auch die Präsenz der Polizei erhöhen, 1.000 Beamte mehr ist zu wenig. Wir müssen uns wieder ohne Angst frei bewegen können.“ Und in den grenznahen Siedlungsräumen „wollen wir die Unternehmen und Betriebe bei der Anschaffung von Sicherheitstechnik unterstützen“.

Bildung als Schlüsselthema

Bei dem zweiten großen Thema, der Bildung, hat Urban ebenfalls konkrete Pläne. Die AfD will das gemeinsame Lernen bis zum achten Schuljahr, erst dann soll es eine Differenzierung geben. Wichtig ist dem Diplomingenieur, dass die Grundkompetenzen stimmen. „Wenn heute rund 80 Prozent der Betriebe in Sachsen darüber klagen, dass die Azubis nicht mehr richtig lesen und schreiben können, dann liegt in der Grundschule schon einiges im Argen. Deshalb müssen wir uns hier auf Grundkompetenzen konzentrieren, dann kann die Differenzierung kommen.“

"Wer kein Deutsch lernen will,
kann in Sachsen auch keine
anständige Karriere machen"

Das permanente Schulterklopfen in Sachsen über die PISA-Ergebnisse greift nach Urbans Meinung „zu kurz. Im internationalen Vergleich kommt Sachsen nach Angaben der OECD über den 13. Platz nicht hinaus. Das ist besseres Mittelfeld.“ Das Problem: „Wir haben einen eklatanten Lehrermangel, Computer können sie nicht ersetzen. Ich möchte Sachsen wieder zu einem Land der Erfinder, der Forscher, der gut ausgebildeten Facharbeiter machen. Dafür müssen wir uns auf die sogenannten MINT-Fächer konzentrieren, also auf Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Daraus ergibt sich der Zusammenhang zwischen Bildung und Arbeit, zwischen Bildung und Wirtschaft.“ Das habe auch eine soziale Komponente. Unternehmen müssten erstmal mit guten Produkten Gewinne machen, um gute Löhne zahlen zu können. Voraussetzung für Bildung und Ausbildung „ist die Beherrschung der deutschen Sprache. Hier ist auch der Zusammenhang zwischen Bildung, Arbeit und Migration. Wer kein Deutsch lernen will, kann in Sachsen auch keine anständige Karriere machen.“

Eine weitere Priorität ist für den nüchtern denkenden und planenden Spitzenkandidaten die Erschließung und Belebung der ländlichen Räume. „Dafür brauchen wir schneller den Ausbau von Internet und Nahverkehr. Es ist oft gesagt worden, aber deswegen nicht falsch: Die ländlichen Räume sind abgehängt, sie müssen wieder attraktiver werden. Das ist auch möglich. Das Internet ist die Autobahn des 21. Jahrhunderts, es kann und soll alle verbinden. Wir brauchen auch das landesweite Seniorenticket, gerade Senioren, die auf dem Land leben, sind auf solche Hilfen angewiesen. Überhaupt, die Zersplitterung des sächsischen Nahverkehrs muss überwunden werden. Das stärkt auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Sachsen.“

Urban: Kretschmer überlebt Wahl politisch nicht

Urban macht sich über die Zeit nach den Wahlen keine Illusionen. Selbst wenn die AfD als stärkste Partei durch die Ziellinie ginge, würde die CDU gemeinsam mit der Rest-SPD und den Grünen eine Regierung bilden wollen. Nach seiner Einschätzung dürfte Ministerpräsident Kretschmer diese Wahl politisch nicht überleben.

Mit Kretschmer jedenfalls „ist es nicht vorstellbar, dass es zu einer Koalition kommen könnte“. Allerdings dürfte es „den Altparteien schwer fallen, dauerhaft mehr als ein Viertel der Wähler zu ignorieren. Das berührt auch deren Existenzfrage.“ Und das gelte in gewisser Weise auch für die Kirchen in Sachsen. Statt mit links-grünen Positionen Politik zu machen, sollten sie sich wieder „auf ihr Kerngeschäft besinnen und den Glauben verkünden“.