Ein christlicher Realpolitiker erzählt

Bernhard Vogel spricht über die Werte seiner Partei – Er vergisst dabei Angela Merkel

Dass die amtierende Parteichefin der CDU Angela Merkel heißt und obendrein Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland ist, weiß natürlich auch Bernhard Vogel. Doch ihren Namen nannte der amtierende Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung an diesem Abend im Schatten des Kölner Domes nicht ein einziges Mal. Ob es an der Fragestellung der Veranstaltung im Domforum lag: „Was macht eine christliche Partei aus?“

Rund 50 Minuten breitete der einstige Spitzenpolitiker und Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) seine Antwort dazu aus – eine umfassende Schau von den parteipolitischen Anfängen in der Nachkriegszeit bis heute. Da war viel von Konrad Adenauer die Rede. Auch Ludwig Erhard wurde zitiert. Umso auffallender war es, dass Angela Merkel unerwähnt blieb. Zu tief sitzt bei Vogel womöglich die Enttäuschung über seine Parteichefin und deren Auftritt beim CDU-Parteitag im Dezember in Hannover.

Dort scheiterte ein Versuch von Lebensschützern, die Partei auf eine Beibehaltung des Stamzellgesetzes festzulegen. Nicht zuletzt aufgrund von Frau Merkels Einsatz kam es dann anders. „Das Datum zu verändern halte ich für grundfalsch. Denn wer einmal eine Verschiebung vornimmt, wird es auch ein zweites Mal tun“, legte er seine Position dar. „Ich befürchte die Einführung der Forschung an embryonalen Stammzellen durch die Hintertür, wenn wir jetzt den Forderungen der Wissenschaft nachgeben“, so Vogel. Gleichwohl habe er die Hoffnung, dass es in der CDU-Bundestagsfraktion „keine Mehrheit für die Verschiebung des Stichtags geben wird“.

Ob diese Entscheidung tatsächlich den Kern des von der CDU propagierten christlichen Menschenbildes berührt oder gar die Partei vor eine Zerreißprobe gestellt habe, sieht Vogel indes nicht so. „Die Entscheidung entspricht zwar nicht meiner Vorstellung, aber ist immer noch besser, als wenn es zu einer vollständigen Freigabe gekommen wäre.“ Es klingt wie ein gefährlicher Relativismus, und doch ist es auch Ausdruck eines „christlichen Realismus“, den der 75-Jährige in seiner über 40-jährigen Parteizugehörigkeit als Programmatik einer christlichen Partei erlebt hat.

Einen aktuellen Seitenhieb auf den politischen Gegner kann er sich nicht verkneifen. Dem „vorsorgenden Staat“, wie im SPD-Parteiprogramm formuliert, erteilt er eine Absage: „Der Staat muss jedem Einzelnen erst einmal das Recht einräumen, für sich und die Seinen selbst zu sorgen. Der Staat hilft aber dann, wenn das nicht gelingt.“ Ähnlich sieht Vogel das bei der Debatte um die Kindererziehung. Der Staat habe nicht das Recht, das eine Modell dem anderen vorzuziehen. Vielmehr müsse er Hilfs- und nicht Ersatzmaßnahmen anbieten. Eine versteckte Kritik an der Familienpolitik der Großen Koalition im Allgemeinen und der CDU im Besonderen?

Vogel betonte weiter die Anfänge der CDU, die sich seinerzeit eben ganz bewusst „Union“ genannt habe, weil sie „den unterschiedlichen sozialen Schichten, den unterschiedlichen Regionen in Deutschland und den christlichen Konfessionen die Hand reichen wollte“. Damals wie heute gilt: „Das C im Namen der Partei ist nie ein Anspruch, sondern muss immer eine Verpflichtung sein.“ Das sei eben kein Absolutheitsanspruch und dürfe schon gar nicht so weit führen, dass Anders- und Nichtgläubige der CDU nicht angehören können.

Bibel ist kein Regiebuch

„Dass die CDU auch von Nichtchristen ein Mandat bekommen kann, konnte man in den neuen Bundesländern immer wieder beobachten“. Und wer wüsste das besser als der CDU-Politiker Vogel, der auch elf Jahre als Ministerpräsident von Thüringen in seiner Vita ausweisen kann. Eine christliche Politik, die einfach nur umzusetzen ist, gebe es eben nicht. „Und die Bibel ist kein Regiebuch für christliche Politik.“ Wohl aber gebe es Politiker, die sich bemühen, aus ihrem christlichen Glauben heraus zu handeln und sich in besonderer Weise den Grundwerten unserer christlich-demokratisch verfassten Gesellschaft verpflichtet fühlen: Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität.

Vogel will einer dieser Politiker sein: „Die konsequente Ausrichtung am christlichen Menschenbild ist nicht nur Rahmen unseres Handelns, sondern eben auch ein Stachel im Fleisch des politischen Alltags.“ Schließlich gehe es in der Politik anders als bei Glaubensentscheidungen darum, Mehrheiten zu finden und Kompromisse einzugehen. In welchem Dilemma sich der überzeugte Christ und zugleich Politiker befinden kann, machte Vogel am Beispiel der Abtreibungsgesetzgebung deutlich: „Sie entspricht keineswegs meiner Überzeugung, denn für mich beginnt menschliches Leben mit der Zeugung. Aber durch die Beratungspflicht gibt es wenigstens noch die Chance, unter Umständen Leben zu retten.“ Dass er dabei auch mit den Vertretern der katholischen Kirche in Konflikt geraten kann, beeinträchtigt Vogels Ansicht nicht, dass Staats und Kirche, aber auch Kirche und Union „generell einen freundschaftlichen Umgang miteinander pflegen“. Schwierig werde es lediglich, wenn Kirchenvertreter sich zu politischen Dingen äußern, die sie nicht betreffen. „Das gilt natürlich auch im umgekehrten Fall.“