Ein Zeichen mit der roten Hand

Noch immer gibt es weltweit 250 000 Kindersoldaten – Mit 17 Jahren zur Bundeswehr. Von Carl-Heinz Pierk

Kindersoldaten, wie dieser 12-Jährige in Sierra Leone, müssen in vielen Kriegen kämpfen.
Kindersoldaten, wie dieser 12-Jährige in Sierra Leone, müssen in vielen Kriegen kämpfen.

Der Tag, an dem Malik ein Kindersoldat wurde, hatte wie jeder andere begonnen. Der 16-Jährige verabschiedete sich morgens von seinen Eltern in einem südsudanesischen Dorf und ging zur Schule. Er kam nicht mehr zurück. Bewaffnete Männer überfielen die Schule und entführten Malik zusammen mit rund hundert Mitschülern. Die Männer sagten den völlig verängstigten Jungen, es sei ihre Pflicht zu kämpfen und ihren Stamm zu verteidigen.

Im krisengeschüttelten Südsudan wurden nach Angaben von Unicef, des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen, etwa 12 000 Minderjährige als Kindersoldaten rekrutiert. Unter ihnen Malik. Er wurde von seinen Mitschülern getrennt und musste mit anderen Jugendlichen zusammen drei Monate lang in einem Trainingscamp das Kämpfen lernen. „Am schlimmsten war, morgens um drei Uhr geweckt zu werden und bis mittags trainieren zu müssen. Wir haben nur dreimal pro Woche etwas zu essen bekommen. Wenn du die Waffe nicht richtig bedienen konntest, wurdest du geschlagen. Ich hatte keine Wahl.“ Unter dem Vorwand, wie üblich Feuerholz zu suchen, konnte er später fliehen.

Die Vereinten Nationen veröffentlichen jedes Jahr eine „Liste der Schande“ über die Armeen und bewaffneten Gruppen, die Minderjährige in ihren Reihen haben. In Syrien und im Irak rekrutiert der sogenannte „Islamische Staat“ gezielt Kinder und Jugendliche. Die Terrormiliz Boko Haram in Nigeria zwingt Kinder, sich als Selbstmordattentäter in die Luft zu sprengen. Auch in Afghanistan, Kolumbien oder auf den Philippinen werden Mädchen und Jungen als Kindersoldaten missbraucht. Schätzungen gehen von 250 000 Kindersoldaten weltweit aus. Kinder beginnen mit der Teilnahme an Konflikten oft schon im Alter von sieben Jahren. Manche fangen als Träger oder Nachrichtenboten an, andere als Spione. Oft werden sie mit Drogen und Gewalt gefügig gemacht oder mit leeren Versprechungen in die Armee gelockt. Ist ihr Wille erst einmal von roher Gewalt abgestumpft, töten und zerstören sie auf Befehl. In jungen Jahren haben Kinder und Jugendliche somit oft schon unvorstellbares Grauen erlebt.

Gibt es Kindersoldaten auch in Deutschland? Die gemäß der sozialistischen Zeitung „Neues Deutschland“ von der Linksfraktion im Bundestag praktizierte Verwendung des Begriffes „Kindersoldaten“ auf unter 18-jährige Soldaten der Bundeswehr ist freilich unzutreffend. Eine rechtsverbindliche Definition des Begriffs Kindersoldaten gibt es nicht, wohl aber eine allgemein in Verträgen anerkannte. Da ist die Rede von „Kindern, die mit Streitkräften oder bewaffneten Gruppen assoziiert“ sind. Diese Definition ist weit gefasst und schließt auch Kinder ein, die als Spione, Träger, Köche oder Nachrichtenübermittler eingesetzt werden und nicht direkt an der Waffe kämpfen. Dass es minderjährige Soldaten bei der Bundeswehr gibt, ist kein Geheimnis. Auf einer Internetseite der Bundeswehr heißt es: „Freiwilliger Wehrdienst bei der Bundeswehr? Das könnte auch für dich interessant sein. Ob Mann oder Frau, wenn du mindestens 17 Jahre alt bist, kannst du jetzt bis zu 23 Monaten freiwilligen Dienst in den Streitkräften leisten.“

Und so sieht die Realität aus: Im vergangenen Jahr waren 1 515 der insgesamt 21 092 Rekruten an ihrem ersten Tag bei der Bundeswehr noch nicht volljährig. Dies geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion des Bundestages hervor.

484 der Minderjährigen beendeten ihren Militärdienst im vergangenen Jahr noch während der Probezeit oder kurz danach. Die Bundesregierung weist in ihrer Antwort vom 1. Februar allerdings mit Nachdruck darauf hin: „Der Schutz der unter 18-jährigen Freiwilligen im Rahmen ihrer Entscheidung über den Eintritt in die Streitkräfte ist unter anderem durch die notwendige Zustimmung ihrer gesetzlichen Vertretung und durch das zwingende Erfordernis der Vorlage ihres Personalausweises oder Reisepasses als verlässlichen Nachweis ihres Alters sichergestellt.“

Minderjährige Rekruten nehmen nach Angaben des „bundeswehr-journals“, eines unabhängigen deutschen Militärmagazins, grundsätzlich an allen ihrer Laufbahn und Tätigkeit entsprechenden militärischen Ausbildungen teil. Dabei dürfen sie „eigenverantwortlich und außerhalb der militärischen Ausbildung“ keine Funktionen ausüben, in denen sie „zum Gebrauch der Waffe gezwungen“ sein könnten. Insbesondere dürfen sie nicht zu Wachdiensten mit der Waffe eingesetzt werden. Der Gebrauch der Waffe ist allein auf die Ausbildung beschränkt und unter strenge Aufsicht gestellt. Unter 18-jährige Soldaten der Bundeswehr dürfen auch „unter keinen Umständen“ an Auslandseinsätzen ihrer Einheit teilnehmen. Eine abgegebene Verpflichtungserklärung zur Teilnahme an einer besonderen Auslandsverwendung müssen Bundeswehrangehörige, die minderjährig ihren Militärdienst angetreten haben, mit Beginn ihrer Volljährigkeit eigenhändig unterschreiben. Nach 2011 bis Ende 2015 waren der Bundesregierung zufolge 173 Soldatinnen und Soldaten, die zum Zeitpunkt ihrer Einstellung in die Bundeswehr minderjährig waren, bei einem oder mehreren Auslandsmissionen eingesetzt. Die Teilnahme am Auslandseinsatz erfolgte bei diesem Personenkreis erst nach der Vollendung des 18. Lebensjahres.

In aller Welt engagieren sich inzwischen Menschen mit der „Aktion Rote Hand“ gegen den Einsatz von Kindern in Kriegen. Die rote Hand steht dabei für das Nein zur Rekrutierung und zum Einsatz von Kindern und Jugendlichen als Soldaten. Unterstützt wird die Kampagne von der Aktion Weißes Friedensband, amnesty international, Jugendrotkreuz, Kindernothilfe, missio, Netzwerk Afrika Deutschland, Plan International, terre des hommes, Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, World Vision und Unicef sowie vom Verband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung (KKV).

Rote Hände als Protest wurden zum ersten Mal am 12. Februar 2002 eingesetzt, als das Zusatzprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention in Kraft trat. Dieser Tag ist seitdem ein weltweiter Aktionstag gegen den Einsatz von Kindern als Soldaten. Das Zusatzprotokoll verbietet den Einsatz von Kindern unter 18 Jahren in Kriegen und Konflikten als Soldaten. Auf Druck einiger Staaten, darunter Deutschland, wurde eine Ausnahme bei dem Verbot zugelassen: Staatliche Armeen dürfen Freiwillige ab 16 Jahren werben. Die Bundeswehr macht von dieser Ausnahme Gebrauch. Ziel der „Aktion Rote Hand“ ist es daher, den 18-Jahres-Standard auch in Deutschland zu erreichen. Hunderttausende rote Handabdrücke wurden schon in über 50 Ländern gesammelt, an Politiker und Verantwortliche übergeben. Doch noch immer gibt es 250 000 Kindersoldaten weltweit.