Ein Stürmer als Präsident

Der neue Staatspräsident Liberias, George Weah, war Fußballstar und betont seinen Glauben. Von Michael Gregory

George Weah
Seine Anhänger tragen sein Bild auf Händen. Für sie ist George Weah ein Hoffnungsträger. Er wird vor allem von der Jugend des Landes unterstützt. Foto: dpa
George Weah
Seine Anhänger tragen sein Bild auf Händen. Für sie ist George Weah ein Hoffnungsträger. Er wird vor allem von der Jugen... Foto: dpa

Afrika, 60 Jahre nach der Befreiung von kolonialer Herrschaft: Es scheint, als habe der klassische, alt bekannte Politikertyp ausgedient. Männer vom Schlage eines Robert Mugabe (Simbabwe), Jakob Zuma (Südafrika) oder Joao Lourenço (Angola). Männer, die aus kleinen Verhältnissen kamen, in der Befreiungsbewegung gekämpft und sich in der Regierungspartei durchgeboxt haben. Männer, die mit Demokratie und Gewaltlosigkeit nie viel anfangen konnten. Die kleine, aber geschichtsträchtige Republik Liberia, ganz im Westen des Kontinents, steht derzeit wie kein anderer Staat Afrikas für diesen Wandel. In dem 1821 von früheren amerikanischen Sklaven gegründeten Land hat vor Weihnachten der frühere Fußballstar George Weah die Präsidentschaftswahl klar gewonnen. Am kommenden Montag wird er vereidigt – formaler Schlusspunkt des ersten demokratischen Machtwechsels in Liberia seit 73 Jahren.

Wer ist George Weah – und was hat er vor, um sein Land nach vorn zu bringen, das wie kaum ein anderer Staat Afrikas unter Krisen leidet? Fest steht: Die rund 4,5 Millionen Menschen zählende Nation hat eine charismatische Persönlichkeit an die Spitze gewählt. So unterscheidet sich der 51-jährige Weah in mancherlei Hinsicht vom autoritären Denken und Habitus vergangener Führungsgenerationen Afrikas.

Der in seiner Heimat „Mister George“ genannte Ex-Fußballstar will das immer noch vom Bürgerkrieg (1989 bis 2003) traumatisierte und von der Ebola-Epidemie (2014) schwer getroffene Land mit sich selbst versöhnen und wirtschaftlich stärken. Weah feierte in den 90er Jahren als Stürmer mit Paris Saint-Germain und dem AC Mailand Erfolge in Europa und zum Schluss in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Er wurde zum Weltfußballer und Afrikas Fußballer des Jahrhunderts gewählt. Seine politische Karriere verlief aber eher schleppend. 2005 bewarb er sich bereits vergeblich um das Präsidentenamt. 2011 scheiterte Weah auch mit einer Kandidatur als Vizepräsident. Doch der ehemalige Fußballprofi gab nicht auf. Schon in früher Kindheit hatte er Durchhaltevermögen bewiesen. So wuchs Weah mit zwölf anderen Kindern bei seiner Großmutter im berüchtigten Slum Clara Town in Monrovia auf. Emma Klonjlaleh Brown war Bildung wichtig. Sie schickte George in die Schule und ließ ihn anschließend zum Techniker bei der liberianischen Telefongesellschaft ausbilden. Nebenbei spielte er Fußball – und wurde darin immer erfolgreicher. Von seiner Oma lernte George auch, was es bedeutet, Kraft im Christentum zu finden. Emma Klonjlaleh Brown galt als tief im Glauben verwurzelt.

Bei der Präsidentschaftswahl in diesem Jahr griff Weah erneut an. Im zweiten Wahlgang kam er tatsächlich auf 61,5 Prozent. „Meine Mitbürger in Liberia, ich kann die Gefühle der gesamten Nation nachempfinden“, schrieb er danach auf Twitter. „Mir ist die Bedeutung und die Verantwortung der immensen Aufgabe, die ich heute übernehme, bewusst. Der Wandel findet statt.“ Insbesondere bei jungen Liberianern genießt Weah – er war Kandidat der oppositionellen Koalition für demokratischen Wandel (CDC) – große Sympathien. Auch viele arme Wähler vertrauen dem Quereinsteiger. Weah verspricht neue Jobs und einen Wiederaufbau der Infrastruktur. Hunderte Anhänger feierten seinen Sieg. „Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie so glücklich gewesen“, sagte die Vorsitzende der CDC-Jugendorganisation, Josephine Davies. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron gratulierte über Twitter: ein „großer Moment“ für Liberia.

Doch es gibt auch Gegenstimmen. So werfen Kritiker Weah vor, sein Programm sei zu vage und er habe sich als Senator zu selten blicken lassen. Für Stirnrunzeln sorgte seine Entscheidung, Jewel Howard-Taylor zur Vizepräsidentin zu machen. Die Senatorin ist die frühere Frau des berüchtigten Ex-Präsidenten Charles Taylor, der 2012 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 50 Jahren Haft verurteilt wurde. Weah bestreitet jeglichen Kontakt zu dem Ex-Staatschef. Für ihn ist es eine Gratwanderung. Zum einen hat er angekündigt, die Korruption zu bekämpfen. Mit Verbindungen zu den alten Eliten ist das kaum vorstellbar. Zum anderen könnte es sich durchaus als klug erweisen, die Einflussreichen einzubinden, denn der Wiederaufbau dürfte nur gemeinsam gelingen.

Fest steht: Weah weiß um die positive Wirkung des Glaubens. Am Tag nach seinem Wahlerfolg soll er im abgeschirmten Sitzungszimmer seiner Parteizentrale eine Rede voller Gottesbezüge gehalten haben, wie der Deutschlandfunk berichtete. „Jesus ist mit uns“, sagte er wiederholt, ließ aber auch durchblicken, dass der Glaube allein nicht ausreichen werde, Liberia aus der Misere zu befreien. Hilfreich wird sein, dass Weah das (protestantische) Christentum und den Islam kennt. Er selbst bezeichnet sich als christlichen Konvertiten, der zuvor viele Jahre muslimisch gebetet habe. Muslime und Christen sollten sich nicht bekämpfen – eine Haltung, die im vom dschihadistischen Terror geplagten Westafrika breite Unterstützung verdient.