Ein Staat ist kein Privatunternehmen

Donald Trump findet großen Zuspruch bei globalisierungskritischen Amerikanern – Doch auch ein Präsident Trump würde seine Wähler enttäuschen. Von Hendrik Hilpert

Unter Trumps Wählern hat sich viel Wut angestaut. Foto: dpa
Unter Trumps Wählern hat sich viel Wut angestaut. Foto: dpa

Der amerikanische Vorwahlkampf ist eine Suche nach einfachen Antworten auf komplexe Fragen. Franz Josef Strauß sagte einst, man müsse einfach reden, aber komplex denken. Das ist nicht Donald Trumps Leitfaden. Jeder Kontrahent des republikanischen Präsidentschaftsbewerbers – ob Demokrat oder Republikaner – hat genaue Pläne für die Zukunft der Vereinigten Staaten. Trump indes verlässt sich auf einzelne Sätze wie „We will build a wall and make Mexico pay for it, wir werden eine Mauer bauen und Mexiko dafür zahlen lassen.“ Warum aber ist Trump damit erfolgreich? „Trumps Erfolg ist das Aufeinandertreffen ökonomischer und gesellschaftlicher Entwicklungen, die dazu beigetragen haben, dass sich in vielen Menschen der früheren Mittelklasse ein massiver Druck aufgebaut hat. Der Kandidat Trump stellt für diese Wähler ein Ventil für Wut und Enttäuschung dar“, glaubt Robert Searing, Historiker an der Syracuse University im US-Bundesstaat New York, im Gespräch mit dieser Zeitung. „Die rhetorische Darbietung Trumps hat für seine Wähler mehr Gewicht als der eigentliche Inhalt, Wahrheitsgehalt oder die Umsetzbarkeit seiner Aussagen“, meint Searing. „Trumps wirtschaftliche Unabhängigkeit bringt ihn in eine Position, dass er in der Tat sagen kann, was er möchte, ohne dabei seine Kampagne zu gefährden.“

Darüber hinaus bieten Trumps Aussagen weiteren Interpretationsspielraum für seine Zuhörer. Trump liefert Schablonen, die vom Wähler später in den verschiedensten Farben ausgemalt werden können. Historiker Searing: „Für seine Wähler zählt ausschließlich, was er verkörpert. Sie vertrauen ihm, dass er Dinge erledigen und verändern kann.“ Durch diese inhaltliche Verschwommenheit findet „The Donald“ auch über die Parteigrenzen der Republikaner hinweg großen Zuspruch. „Ihn einer einzelnen traditionellen Denkschule zuzuordnen ist unmöglich“, so Searing. Vielmehr repräsentiert Trump durch seinen unternehmerischen Erfolg für viele Wähler eine Art Autorität, die mit ihrem Geschick auch Washington verändern kann. „I am rich, therefore I'm smart – Ich bin reich, deshalb bin ich klug“ ist eine bekannte Aussage Trumps, welche beeindruckenden Zuspruch findet.

Trump war in Washington kein Außenseiter

„Trumps Wähler ignorieren bewusst, dass politische Apparate nicht wie ein privatwirtschaftliches Unternehmen funktionieren“, meint Searing. In der Tat ist die Trump-Organization keine Aktiengesellschaft, sondern ein Privatunternehmen, in dem er jahrzehntelang als Autokrat regieren konnte. „Sowohl Trump als auch seine Wähler befinden sich in einer glückseligen Ignoranz über politische Entscheidungsprozesse. Hinzu kommt, dass dieser Wahlkampf in einer langen anti-intellektuellen Tradition steht“, so Searing. „Trump verkörpert dieses Verlangen nach politischer Ignoranz, indem sowohl seine Worte, als auch seine Konzepte für jeden nachzuvollziehen sind. Gleichzeitig benutzt er seine Vita, um vor seinen Anhängern glaubwürdig zu erscheinen.“

Die Wähler ignorieren, dass die politische Maschinerie nicht so funktioniert, wie sie es sich mit Donald Trump als ihrem Kandidaten vorstellen möchten. Das Washington, mit dem Millionen US-Amerikaner gebrochen haben, ist durch die digitale Revolution noch allgegenwärtiger geworden. „Die politischen Entscheidungsprozesse sind aber immer noch begrenzt“, so Searing „auch hier beobachten wir den Mythos um Trump, welchen viele seiner Wähler kreieren. Trump ist zwar kein Politiker, war aber auch nie ein Außenseiter in Washington.“ In der Tat hat der Unternehmer diverse Kandidaten unterstützt. Geschadet hat ihm das bei seinen Wählern nicht.

Politischer Wandel ging in der Geschichte der Vereinigten Staaten immer mit ökonomischem Wandel einher. So auch heute. „Wir beobachten eine rapide verschwindende Mittelklasse“, so Searing. „Der durchschnittliche Trump-Wähler ist mittleren Alters, weiß und gehörte einst der amerikanischen Mittelklasse an, die von der Globalisierung und dem damit einhergehenden Wandel am stärksten getroffen wurde.“

Den Beginn dieses Wandels, der die Enttäuschung vieler Wähler begründet, sieht Searing in der Unterzeichnung des Freihandelsabkommen NAFTA zwischen den USA, Kanada und Mexiko 1994. „Viele Bürger sehen den American Dream dahinschwinden und verstehen sich als Opfer der Globalisierung. Früher konnte man mit harter Arbeit seine Träume in den USA verwirklichen. Heute ist man von globalen Faktoren abhängig, auf die man keinen Einfluss hat“, so Searing.

„Ich gewinne zunehmend den Eindruck, dass man mit Trump bewusst eben nicht eine klare politische Agenda zur Lösung dieser Probleme wählt, sondern schlicht die Antithese zu Washington“, analysiert der Historiker. So vereine Trump rechte und linke Wähler unter sich, die mit dem politischen Prozess abgeschlossen haben, jedoch mit allen Mitteln zu einer prä-globalen Ordnung zurückkehren wollen. „Man könnte Trump in der Tat als fahrenden Händler bezeichnen, der mit bemerkenswerter Rhetorik von Stadt zu Stadt zieht und die Menschen mit dem versorgt, was sie gerade brauchen.“

Glaubwürdigkeit erlangt Trump unter seinen Wählern, weil er es geschafft hat, nun auch eine starke politische Marke um seinen Namen zu etablieren. „Trump hat verstanden, dass die US-Politik immer mehr zu einem Warenhandel geworden ist. Auf diesem Basar verkörpert die Marke Trump den radikalsten Wandel“, stellt Searing fest. Wohin dieser Wandel perspektivisch führen wird, ist unklar. „Echter Wandel begann in der amerikanischen Geschichte fast immer mit Grasswurzelbewegungen. Selten wurde Veränderung zuerst von einem einzelnen Präsidenten angeleitet.“ Bereits 2008 hat Barack Obama Wandel versprochen, dem er in den acht Jahren seiner Amtszeit nicht gerecht werden konnte. „Trump fährt eine große Kampagne. Wie bei Obama würde die Regierungszeit aber ein interessantes Rendezvous mit der Wirklichkeit werden. Sowohl für Trump, als auch für seine Wähler.“

Größter Demagoge der US-Geschichte

Searing stellt fest, dass „die brillante Verfassung unseres Landes ganz bewusst Strukturen entwickelt hat, welche das Regieren eines einsamen Autokraten unmöglich macht. Eine zufällige Beschleunigung dieser Prozesse würde natürlich auch für Donald Trump unmöglich sein.“ Trotzdem entwickelt Trump den Anschein, dass er über diesen Prozessen steht, weil er reich ist und deswegen wohl auch irgendwie klug. Der Unterschied zwischen Trump und dem Sozialisten Sanders liegt darin, dass sich Trump nicht als Prophet einer Ideologie darstellt. „Trump repräsentiert das höchste Level an Demagogie, das man in der US-Geschichte je gesehen hat“, glaubt Searing. „Ich bin überzeugt, dass sowohl Trump als auch seine Wähler von den ersten Tagen im Oval Office enttäuscht sein würden.“