„Ein Land ohne Rechte und Schutz“

Zentralafrikanische Republik: Insbesondere kirchliche Einrichtungen haben unter den Plünderungen und Übergriffen der Rebellen zu leiden. Von Carl-H. Pierk

Wurde vertrieben und viele seiner Anhänger getötet: François Bozizé. Foto: dpa
Wurde vertrieben und viele seiner Anhänger getötet: François Bozizé. Foto: dpa

Die Zentralafrikanische Republik war bis zu Beginn dieses Jahres nicht gerade als Brennpunkt christenfeindlicher Aktivitäten bekannt. Mit der Machtübernahme durch die Séléka, einer Koalition verschiedener, vor allem muslimischer Rebellengruppen, änderte sich das aber schlagartig. So töteten Kämpfer der Séléka jüngst bei Angriffen auf Dörfer im Westen des Landes 15 Menschen, die meisten der Opfer waren Christen. Das berichtete der in der Region wirkende italienische Karmelitenpater Aurelio Gazzera gegenüber dem Hilfswerk „Kirche in Not“. Vierzehn Dörfer seien völlig verlassen worden. Gazzera besuchte vor wenigen Tagen die Schauplätze des Gemetzels. „Augenzeugen haben mir gesagt, dass die Rebellen die Leichen der Getöteten in den Fluss warfen“, teilte der Missionar mit. Unter den Toten soll auch ein fünf Monate altes Baby gewesen sein.

Die Séléka-Rebellen unter ihrem Anführer Michel Djotodia hatten die zentralafrikanische Hauptstadt Bangui am 24. März eingenommen, der amtierende Staatschef François Bozizé floh nach Kamerun. Djotodia setzte anschließend die Verfassung außer Kraft und ernannte sich zum Präsidenten. Die Übergangsregierung schaffte es aber nicht, die anhaltende Gewalt zu beenden. Vor diesem Hintergrund wurde Djotodia am Sonntag vereidigt. In 18 Monaten will er Wahlen zulassen. Ohne internationale Hilfe wird das jedoch nur schwer umzusetzen sein. Djotodia verkündete, dass die Zentralafrikanische Republik ein säkularer Staat bleiben würde, jedoch lässt sich eine zunehmende Islamisierung des Landes feststellen. Etwa die Hälfte der 4,4 Millionen Einwohner der Zentralafrikanischen Republik sind Christen. Die etwa 15 Prozent Muslime konzentrieren sich im Norden, wo die Rebellion startete.

Sicherheit und Frieden – das hatten die Séléka-Rebellen versprochen. Doch sie haben vor allem für eines gesorgt: Chaos. Insbesondere kirchliche Einrichtungen haben unter den Plünderungen und Übergriffen der Rebellen zu leiden. Nach den Worten des Erzbischofs von Bangui wird die Lage immer dramatischer. Seine Heimat sei ein „Land ohne Rechte und Schutz“, sagte Erzbischof Dieudonne Nzapalainga im Gespräch mit „Radio Vatikan“. Viele Menschen seien vor der Gewalt der regierenden Rebellen in die Wälder geflohen. Dort leben sie nach Angaben Nzapalaingas abgeschnitten von den Hilfsorganisationen im Land. „Am schlimmsten ist es für jene, die medizinische Hilfe benötigen. Diese Personen müssen sich wie alle anderen auch von Wurzeln ernähren und benutzen Pflanzen als Heilmittel.“ Dem Erzbischof zufolge ist die Situation im Landesinneren besonders dramatisch. „Da gibt es praktisch keine Schule mehr.“ Auf diese Weise verliere die Gesellschaft ihre Zukunft. Viele Hilfsorganisationen haben nach seinen Worten das Land aus Angst vor Übergriffen verlassen. Es reiche nicht, Essenspakete in die Zentralafrikanischen Republik zu schicken. Nzapalainga schloss sich damit der Kritik von Organisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“ an, die den fehlenden Einsatz internationaler Einrichtungen beklagt haben. Die medizinische Nothilfeorganisation hatte von der internationalen Gemeinschaft gefordert, Hilfe für das Land müsse Priorität haben. UN-Organisationen und viele Nichtregierungsorganisationen haben sich inzwischen wegen fehlender Sicherheit aus der Hauptstadt zurückgezogen.

„Tief besorgt“ hat sich nach langem Schweigen der UN-Sicherheitsrat über die Lage in der Zentralafrikanischen Republik gezeigt. Der bewaffnete Konflikt in dem Land sei „eine ernste Bedrohung für die Stabilität der Zentralafrikanischen Republik und der Region“, hieß es in einer einstimmig verabschiedeten Erklärung des Rates am Mittwoch in New York. Der Binnenstaat in Zentralafrika grenzt an den Tschad, den Sudan, den Südsudan, die Demokratische Republik Kongo, die Republik Kongo und Kamerun. UN-Nothilfekoordinatorin Valerie Amos sprach vor dem mächtigsten Gremium der Vereinten Nationen von einem drohenden Kollaps des Staates. Die Lage der Bevölkerung habe sich in den vergangenen Monaten dramatisch verschlechtert. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon drohte dem Land weitere Sanktionen an, falls Morden und Plündern nicht aufhören. Erst vergangene Woche hatten Mitglieder des Rebellenbündnisses mehr als 20 Anhänger des gestürzten Präsidenten François Bozize getötet. Wie diese Sanktionen genau aussehen könnten und ab wann sie greifen sollen – darüber will der Sicherheitsrat noch beraten.

Ihre Besorgnis hatten die Bischöfe des Landes bereits im Juni in einem Schreiben an den Rebellen-Führer geäußert. „Die Rebellion des Séléka-Bündnisses hat den nationalen Zusammenhalt erschüttert. Die Bürger der Zentralafrikanischen Republik sind ängstlich und misstrauisch geworden“, heißt es in dem Brief an Djotodia. „Getreu unserer Sendung, Christus zu verkünden und den Stimmlosen eine Stimme zu geben“, prangern die Bischöfe „den Eifer und die Entschlossenheit“ an, mit der „die Mitglieder der Séléka christliche Kultstätten geschändet und Christen gezielt geplündert haben“. Auch dies habe „den sozialen Zusammenhalt zutiefst erschüttert“. Bei ihrer jüngsten Versammlung hatten die Bischöfe die dramatische Situation des Landes erörtert. „Nie zuvor“ seien zivile Güter und Verwaltungseinrichtungen auf diese Art verwüstet worden, „nie zuvor“ sei man mit solcher Verbissenheit gegen Christen, Katholiken und Protestanten, vorgegangen, beklagten die Bischöfe der neun Diözesen nach Angaben von Erzbischof Nzapalainga.