Ein Land am Abgrund

Pakistan ist stolz auf seine Tradition religiöser Toleranz – Aber es ist längst von Spannungen zerrissen – Nach der Ermordung Bhuttos ist eine stabile Regierung fraglich

Pakistan gilt seit einiger Zeit als gefährlichstes Land der Welt. Dieser Ruf hat sich seit der Ermordung von Benazir Bhutto noch gefestigt. Aber bedeutet dies auch, dass die inzwischen auf den 28. Februar verschobenen Wahlen zu einem heillosen Durcheinander werden müssen? Ist das Land gar dazu verdammt, auseinanderzufallen, die Beute terroristischer Islamisten zu werden oder die Kontrolle über seine Atomwaffen an Dschihadisten zu verlieren? Alle diese Fragen sind nicht notwendigerweise mit einem Ja zu beantworten.

Der Kampf gegen den islamischen Extremismus wird an vielen Orten geführt, aber es kann sehr wohl sein, dass er in Pakistan gewonnen oder verloren wird. Die nordwestliche Grenze des Landes zu Afghanistan wird von keiner staatlichen Autorität kontrolliert. Dort hat wahrscheinlich Osama bin Laden Unterschlupf gefunden und dort werden auch Selbstmordattentäter auf ihren Einsatz vorbereitet. Pakistan ist – nach Indonesien – das Land mit der zweitgrößten muslimischen Bevölkerung der Erde, aber stolz auf seine Tradition der religiösen Toleranz und Mäßigung.

Im schlimmsten Fall droht ein Regime der Islamisten

Schon seit dem Anschlag auf das New Yorker World Trade Center und erst recht nach dem Mord an Frau Bhutto ist nicht mehr auszuschließen, dass Pakistan in die Hände fundamentalistischer Islamisten vom Schlag der Taliban fallen könnte. Das von dem Land ausgehende reale Risiko wird dadurch verstärkt, dass es Atomwaffen besitzt, um deren Erwerb Benazirs Vater Zulfikar Ali Bhutto in den siebziger Jahren als Premierminister leidenschaftlich gekämpft hat.

Für die Verwandlung Pakistans in einen Ort des Schreckens gibt es mehrere Szenarien. Eines davon ist, dass Terroristen einen Anschlag auf das Hauptquartier der Streitkräfte in Rawalpindi verüben könnten, obwohl die Islamisten die Armee bisher nicht offen zu ihren Feinden erklärt haben. Diese Gefahr gewinnt an Gewicht, wenn man berücksichtigt, dass nach Meinung vieler Pakistaner die – fachlich als hervorragend eingestuften – militärischen Geheimdienste des Landes bereits terroristisch unterwandert sind.

Für eine mögliche Spaltung des Landes sind Bruchlinien vorgezeichnet: So gibt es innerhalb seiner fast vollständig islamischen Bevölkerung eine schiitische Minderheit, die sich von den regierenden Sunniten unterdrückt fühlt. Hinzu kommt die ethnische Zersplitterung in die Paschtunen im Nordwesten, deren Siedlungsgebiet weit nach Afghanistan hineinreicht, die Bewohner des Pandschab im Nordosten und die Menschen in den Küstenprovinzen Sindh und Belutschistan an der Arabischen See. Diese Zerrissenheit führt zu Spannungen, die sich gelegentlich in Gewalt entladen. Eine weitere große Bevölkerungsgruppe sind die „mohadschir“ – Einwanderer aus dem heutigen Indien aus der Zeit, als die Briten 1947 versuchten, Frieden auf dem bis dahin von ihnen beherrschten Subkontinent zu schaffen, indem sie diesen in ein hinduistisches und ein muslimisches Land teilten. Pakistan war von Anfang an ein künstliches Staatsgebilde, dessen bevölkerungsreicher Ostteil sich 1971 als Bangladesch abspaltete. Im Übrigen stufen es sicherheitspolitische Analysten als realistische Bedrohung ein, dass die „pakistanischen Taliban“ sich von der Grenzregion zu Afghanistan in das pakistanische Kernland hinein ausbreiten könnten.

Nach dem Mord an Frau Bhutto läuft ihre Pakistanische Volkspartei PPP – die größte des Landes – Gefahr, auseinanderzubrechen. Ihr neuer offizieller Vorsitzender ist Benazirs 19-jähriger Sohn Bilawal, der aber offenbar noch keine Lust verspürt, sich schon in den politischen Wirrwarr einzumischen und deshalb zur Fortsetzung seines Studiums nach Oxford zurückgekehrt ist. Faktisch wird die PPP von Benazirs in der Bevölkerung wenig beliebten Witwer Asif Ali Zardawi geführt. Wären die Wahlen – wie ursprünglich vorgesehen – am 8. Januar durchgeführt worden, hätte es wahrscheinlich eine große Zahl von Sympathiestimmen für die Partei der Bhuttos gegeben. Dieser Sympathieeffekt vermindert sich mit jedem Tag, um den der Urnengang hinausgeschoben wird. Genau dies liegt im Interesse von Staatspräsident Musharraf.

Auch die andere große Partei, die Muslim-Liga von Bhuttos Erzrivalen Nawaf Scharif, befindet sich in keinem guten Zustand. Sie hat, ähnlich wie die Volkspartei PPP, unter dem langjährigen Exil ihrer Führungspersönlichkeiten und der Verfolgung ihrer Anhänger zuhause gelitten. Weder Benazir Bhutto noch Scharif waren sonderlich gute Regierungschefs, aber immerhin hatten sie ein demokratisches Mandat der Bevölkerung. Die Schwächung der traditionellen Parteien hat dem Militär genützt, das sich inzwischen fest im wirtschaftlichen und politischen System des Landes eingenistet hat.

Die Krise der herkömmlichen politischen Gruppierungen hat die islamischen Parteien gestärkt. Das geringe Ansehen Musharrafs, feindselige Gefühle gegenüber Amerika, dem man unterstellt, Pakistan dominieren und seine Atomwaffen kontrollieren zu wollen, sowie der Groll über den als anti-muslimisch empfundenen Krieg im benachbarten Afghanistan haben bei vielen Pakistanis Sympathien für den Islamismus geweckt und gefördert. Paradoxerweise hat also Musharrafs Unterstützung durch Amerika, die als notwendiges Mittel zur Bekämpfung des Extremismus jenseits der nordwestlichen Grenze gemeint ist, in Pakistan selbst den Islamismus und die Gewaltbereitschaft gefördert.

Gefragt ist jetzt vor allem politische Stabilität

Es gibt vor allem zwei Dinge, die das Abgleiten des Landes in die Anarchie verhindern könnten: Zum einen müssten die Hintergründe des Bhutto-Mords und des damit verbundenen Versagens der Sicherheitsdienste ernsthaft untersucht werden. Dass der oder die Mörder aus Kreisen von El Kaida stammen, ist alles andere als gesichert. Das Ergebnis einer solchen Untersuchung müsste glaubwürdig sein, wozu vielleicht die britischen Kriminalisten, deren Hilfe Pakistan erbeten hat, beitragen können. Sobald es im Lande schießt oder kracht, vermutet die Bevölkerung einheimische Geheimdienstler am Werk, und das oft nicht ganz ohne Grund. Eine Säuberung der pakistanischen Geheimdienste von islamistischen Elementen ist notwendig. Wenn sie gelingen soll, muss sie mit eisernem Besen durchgeführt werden.

Zum anderen muss die Wahl in gut vier Wochen sauber und fair sein. Eine demokratisch gewählte Regierung wäre am ehesten in der Lage, gemeinsam mit den säkularen und professionell ausgerichteten Teilen der Armee den Extremismus in den Griff zu bekommen. Dass General Ashfaq Parvez Kayani, der Nachfolger Musharrafs als Oberbefehlshaber der Streitkräfte, einer dieser militärischen Hoffnungsträger ist, muss er allerdings erst beweisen.

Bei alledem steht nur eines fest: Was Pakistan braucht, ist politische Stabilität. Diese kann am ehesten durch eine demokratisch gewählte Regierung gewährleistet werden. Ein Wahlergebnis, das eine Koalition zwischen Volkspartei und Muslim-Liga zuließe, wäre vielleicht noch das Beste.