Ein Heiliges Jahr der ganzen Kirche

Vertreter von Ortskirchen und Kontinenten erhalten heute vom Papst die Bulle zur offiziellen Ankündigung des Barmherzigkeitsjahres. Von Guido Horst

Das von Papst Franziskus proklamierte „Jahr der Barmherzigkeit“ wird ab Dezember große Pilgerscharen nach Rom führen. Foto: dpa
Das von Papst Franziskus proklamierte „Jahr der Barmherzigkeit“ wird ab Dezember große Pilgerscharen nach Rom führen. Foto: dpa

Rom (DT) Wenn Papst Franziskus heute am späten Nachmittag im Petersdom während der Vigilfeier zum Barmherzigkeitssonntag die sogenannte Bulle zur offiziellen Ankündigung des kommenden Heiligen Jahrs proklamiert, werden Repräsentanten der gesamten Weltkirche zugegen sein. Die Organisation des Heiligen Jahres hat Franziskus dem Päpstlichen Rat für die Neuevangelisierung anvertraut. Bis auf den Beginn des Jahres am 8. Dezember 2015, dem Hochfest Mariä Empfängnis und fünfzigsten Jahrestag des Abschlusses des Zweiten Vatikanischen Konzils, und dem Ende am 20. November 2016, wenn das Christkönigsfest das Kirchenjahr abschließt, sind noch keine weiteren Höhepunkte oder Programmpunkte dieser Zeit bekannt, die der Papst als „Jahr der Barmherzigkeit“ begehen lassen will.

Wie der Neuevangelisierungsrat jetzt mitteilte, erhalten heute nach der Verlesung der Bulle im Atrium des Petersdoms Kirchenführer eine Kopie des Dokuments, die verschiedene katholische Kirchtümer und Kontinente repräsentieren: Kardinal Marc Ouellet, der Präfekt der Bischofskongregation, erhält die Bulle in Vertretung aller Bischöfe der Weltkirche. Kardinal Fernando Filoni, der Präfekt der Missionskongregation „Propaganda Fide“, nimmt sie stellvertretend für die jungen Ortskirchen entgegen. Kardinal Leonardo Sandri, der die Kongregation für die Ostkirchen leitet, vertritt diese bei dem Akt. Für den gesamten Orient nimmt sie der in Hongkong geborene Erzbischof und Sekretär der „Propaganda Fide“, Savio Hon Tai-Fai, entgegen. Afrika vertritt der aus Benin stammende Erzbischof Barthelemy Adoukounos, derzeit Sekretär des Päpstlichen Kulturrats. Auch Monsignor Khaled Ayad Bishay von der koptischen Patriarchalkirche von Alexandrien wird vom Papst eine Kopie der Bulle entgegennehmen.

Der Eröffnungsritus des „Jahres der Barmherzigkeit“ besteht in der Öffnung der Heiligen Pforte am 8. Dezember. Dabei handelt es sich um eine große Tür, die nur in einem Heiligen Jahr geöffnet wird und ansonsten zugemauert oder zugeschlossen bleibt. Eine solche Heilige Pforte haben die vier großen Basiliken in Rom: der Petersdom, die Lateranbasilika, Sankt Paul vor den Mauern und Santa Maria Maggiore. Zuerst wird die Öffnung der Heiligen Pforte in Sankt Peter durch den Papst erfolgen, danach die der anderen Basiliken. Die Heilige Pforte des Petersdoms ist erst 65 Jahre alt. Dank persönlicher Kontakte des damaligen Leiters der Bauhütte von Sankt Peter, des deutschen Prälaten Ludwig Kaas, wurde die neue Pforte vom Bistum Basel gestiftet.

Bis heute wurde in der Geschichte der Kirche insgesamt 26 Mal ein ordentliches Heiliges Jahr gefeiert. Papst Bonifatius VIII. begründete diese Tradition im Jahr 1300. Seit dem fünfzehnten Jahrhundert werden Jubiläumsjahre alle 25 Jahre begangen, so dass jede Generation von Gläubigen einmal im Leben die Möglichkeit hat, den mit der Pilgerfahrt zu den Heiligen Stätten verbundenen vollkommenen Ablass zu erlangen. Das letzte Jahr in dieser Reihe war das große Jubiläum von 2000. Das jetzt anstehende „Jahr der Barmherzigkeit“ wird ein außergewöhnliches Heiliges Jahr sein. Der Brauch, diese Jubiläen auszurufen, geht auf das sechzehnte Jahrhundert zurück. Im vergangenen Jahrhundert geschah dies zweimal: 1933 feierte Pius XI. den 1 900. Jahrestag der Erlösung und 1983 erinnerte Papst Johannes Paul II. an die 1 950 Jahre, die seit der Kreuzigung Christi vergangen waren.

Die römische Stadtführung hat das Heilige Jahr ausdrücklich begrüßt – und richtet Geldforderung an den Staat. Wie viele Pilger und Gläubige nach Rom kommenden werden, weiß man noch nicht. Ein starker Akzent soll nach Wunsch des Papstes auch auf die Feier des Jahres in den Ortskirchen gelegt werden. Sicher ist aber, dass Millionen Menschen Ende 2015 und 2016 zusätzlich in die Ewige Stadt strömen werden. Die Via della Conciliazione, die zum Petersplatz führt, soll im letzten Teil Fußgängerzone werden, ebenfalls die Straße, die an den Kolonnaden entlang um der Petersplatz herumführt. (Siehe Blickpunkt Seite 2)