Berlin

Ehrenmorde: Tödliche Familienehre

Vor 15 Jahren wurde Hatun Sürücü Opger eines „Ehrenmords“. Die Praxis ist weltweit gesehen vor allem ein islamisches Problem.

Ehrenmorde: Prozessauftakt gegen Sürücü Brüder
Vor 15 Jahren wurde Hatun Sürücü Opfer eines Ehrenmordes. Obwohl kein Einzelfall, hat die Tat viele Diskussionen ausgelöst. Foto: dpa

Am 7. Februar 2005 wurde die 23-jährige Hatun Sürücü auf offener Straße in Berlin-Tempelhof von ihrem Bruder durch drei Schüsse in den Kopf ermordet. Der Fall erregte deutschlandweit Aufsehen, wurde gar Gegenstand eines bemerkenswerten Spielfilms mit dem Titel „Nur eine Frau“ , der von der ARD am 29. Januar ausgestrahlt (in der ARD-Mediathek zu sehen) und mit dem deutschen sowie dem bayrischen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Hatun Sürücü wurde Opfer eines Ehrenmordes – einer von vielen, der aber die Öffentlichkeit stark beschäftigte, Diskussionen auslöste und Fragen aufwarf. Ehrenmorde sind eine Kategorie von Tötungsdelikten eigener Art – keine Eifersuchtstaten oder Familiendramen, es geht nicht um gekränkte Eitelkeit oder Verlustängste. Es geht um die Rettung oder Wiederherstellung der „Familienehre“, die durch ein Familienmitglied verletzt wurde – etwa, wenn eine Frau dem Gefängnis einer Zwangsehe entkommen will, wenn sie sich freizügig kleidet, ein selbstbestimmtes Leben führt „wie eine Deutsche“ und sich selbst einen Partner – womöglich einen Nichtmuslim – wählt, selbstständig eine Ausbildung macht oder einen Beruf ausübt.

Auslöser von Ehrenmorden: Ein falscher Blick genügt

Manchmal genügt ein falscher Blick, um einen Ehrenmord auszulösen. Oft ist ein Verdacht ausreichend. Opfer eines Ehrenmordes kann der homosexuelle Sohn einer Familie sein oder der Lebensgefährte, den sich eine Muslimin selbst ausgewählt hat. Die Familie beschließt eine solche Tat und organisiert auch ihre Ausführung.

Ehrenmorde sind nicht prinzipiell islamisch ihrem Wesen nach, sie kommen in verschiedenen Kulturkreisen vor und sind älter als der Islam, in dessen Recht sie auch nicht vorgesehen oder gerechtfertigt sind, haben deshalb auch die Islamdiskussion nie stark beeinflusst. Sie kommen jedoch besonders häufig in islamischem Milieu vor, werden dort von sehr traditionalistischen Grundeinstellungen gefördert, finden im islamischen Gesellschafts- und Frauenbild und in einer archaischen Sexualmoral einen fruchtbaren Nährboden.

So ist es kein Wunder, dass Ehrenmorde nach Schätzungen zu 90 Prozent in islamischem Umfeld geschehen. Schwerpunkt sind der Nahe Osten und Nordafrika. Nach einer UN-Studie geschehen jährlich 5 000 Ehrenmorde weltweit – von einer erheblichen Dunkelziffer ist auszugehen. Ehrenmorde haben in islamischen Gesellschaften eine hohe Akzeptanz. In Jordanien lehnte das Parlament ein Gesetzesvorhaben ab, das härtere Strafen für Ehrenmorde vorsah (2003). In vielen muslimischen Ländern werden Ehrenmörder von Gerichten mit Milde behandelt. Gerne wird behauptet, Ehrenmorde seien ein Unterschichtproblem, das besonders bildungsferne Schichten betreffe. Dem widerspricht eine Studie, nach der in der Türkei circa 30 Prozent der Studenten Ehrenmorde für akzeptabel halten.

Mit der Migration kam das Phänomen nach Europa

Mit der Migration kam das Phänomen der Ehrenmorde auch nach Europa. Abgeschottete muslimische Enklaven bildeten sich in europäischen Großstädten. Noch in der zweiten und dritten Generation lebten Migranten in ihren Parallelgesellschaften nach den traditionellen Normen und Werten der Regionen, aus denen ihre Eltern oder Großeltern vor Jahrzehnten nach Europa gekommen waren. Hier waren Konflikte vorprogrammiert. Die Spannungen, die entstanden, wenn archaische Traditionen heftig kollidierten mit offenen, liberalen westlichen Gesellschaften, wo die Rechte des Individuums und die Gleichberechtigung der Frau höhere Werte waren als eine erstarrte Vorstellung von ,Familienehre‘, entluden sich oft mit besonderer Intensität.

Zunächst wurde die Thematik tabuisiert – es wurde als ,rassistisch‘ und ,islamophob‘ gebrandmarkt, spezifische Morde als ,typisch islamisch‘ zu stigmatisieren. So wurde in manchen Kreisen versucht, ,Ehrenmorde‘ als identisch mit Eifersuchtstaten und anderen Gewaltdelikten im Familienkontext darzustellen. Doch mit zunehmender Zahl und Brutalität der Ehrenmorde und mit der steigenden Zahl von Gerichtsverfahren, in denen Motive der Täter, Planung und Durchführung der Bluttaten im Detail bekannt wurden, wurde es immer schwerer, das Narrativ vom ,normalen‘ Familiendrama aufrechtzuhalten.

Statistik: Ehrenmorde in Deutschland

Eine Studie des Max-Planck-Instituts von 2011 zählte für 1996–2005 78 Ehrenmorde mit 109 Opfern. Da das MPI äußerst strenge Kriterien anlegen muss, gelangten andere Beobachter zu wesentlich höheren Ergebnissen. Die Öffentlichkeit wurde aufmerksam: Allein in Berlin gab es zwischen Oktober 2004 und Juni 2005 sieben Ehrenmorde – einer davon war die Tat an Hatun Sürücü, die besonders spektakulär war, da sie schon im Vorfeld absehbar war, im öffentlichen Raum stattfand an einer Frau, die aus der Hölle einer Zwangsehe mit einem gewalttätigen Ehemann ausbrach, auf dem Weg erfolgreicher Integration war und ein Kind hinterließ.

"Ein falsches Verständnis von Toleranz, Harmoniestreben
oder mangelnde Courage dürfen nicht dazu führen,
dass grundlegende Regeln des Zusammenlebens
in unserer Gesellschaft außer Kraft gesetzt werden"
Horst Köhler, ehemaliger Bundespräsident

Bemerkenswert ist, dass an einer Neuköllner Schule einige Schüler den Mord billigten mit der Begründung „Die Hure lief rum wie eine Deutsche“. Hatun Sürücüs Fehler war, die Rechte und Optionen, die ihr als Deutscher zustanden, wahrzunehmen. Ihr Bruder und Mörder Ayhan wurde zum Idol vieler junger Türken und Kurden. Bundespräsident Köhler hat damals geschrieben: „Ein falsches Verständnis von Toleranz, Harmoniestreben oder mangelnde Courage dürfen nicht dazu führen, dass grundlegende Regeln des Zusammenlebens in unserer Gesellschaft außer Kraft gesetzt werden.“ Die Mahnung hat nichts von ihrer Aktualität verloren, denn bis heute wird eine hohe Zahl von Ehrenmorden registriert. Der weitere Migrantenzustrom dürfte dazu beitragen, dass diese Tendenz anhält. Im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen Ehrenmorde längst nicht mehr. Deshalb ist es wichtig, an den 15. Jahrestag des Todes von Hatun Sürücü zu erinnern. Wer in Berlin-Neukölln über die Hatun-Sürücü-Brücke fährt, sollte an sie denken – und an die vielen namenlosen Opfer.

Der Autor ist Islamwissenschaftler. Von ihm stammt das Buch: Gehört der Islam zu Deutschland? Orell Füssli Verlag, Zürich 2017

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