Havanna

Diplomat in Purpur

Kardinal Jaime Ortega ist gestorben. Der Erzbischof von Havanna vermittelte zwischen dem kommunistischen Regime und den USA.

Kardinal Jaime Ortega
Sehr beliebt bei den Gläubigen: Kardinal Jaime Ortega wird mit klatschend empfangen als er 2016 in die Kathedrale von Havanna einzieht. Kurz zuvor hatte er Barack Obama auf dessen Reise durch Kuba begleitet. Foto: Reuters

"Ich war der Brief“, pflegte Kardinal Jaime Ortega über seine Rolle in den geheimen Verhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten und Kuba zu sagen. Sie gipfelten in der Wiederaufnahme der 1961 abgebrochenen diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern. „Raúl kannst Du schnell erreichen. Finde einen Weg zu Obama; die Reisekosten bezahle ich“, trug ihm, dem damaligen Erzbischof von Havanna, Papst Franziskus im Sommer 2014 die heimliche Zustellung eines Briefes an Kubas Staats- und Parteichef, Raúl Castro, und US-Präsident Barack Obama auf. „Der vielleicht wichtigste Teil meiner Mission kam, als Präsident Raúl Castro mich aufforderte, eine Botschaft von ihm an Präsident Obama zu übermitteln, wenn ich den Brief des Heiligen Vaters ins Weiße Haus bringen würde“, erinnerte sich Ortega später.

Briefträger im Dienst der Humanität

In dem Schreiben bat Franziskus beide Präsidenten, „humanitäre Fragen von gemeinsamem Interesse zu lösen, um eine neue Phase in den Beziehungen zu beginnen.“ Die Botschaft des Papstes brachte neuen Schwung und Dynamik in die bereits angelaufenen Gespräche zwischen den Erzfeinden. Nach 18-monatigen Geheimverhandlungen verkündeten Castro und Obama schließlich am 17. Dezember 2014, dem Geburtstag des Papstes, für alle Welt überraschend das Ende des „Kalten Krieges“ in der Karibik.

Ortegas Rolle ist – spätestens seit er 1969 an die Spitze der Kathedrale von Matanzas befördert wurde – eng und spannungsvoll mit der Revolution und der kubanischen Kirchengeschichte verknüpft. Im Jahr 1978 von Papst Johannes Paul II. zum Bischof von Pinar del Río ernannt und drei Jahre später zum Erzbischof von Havanna, bekam Ortega 1994 den Kardinalspurpur, als erst zweitem Kubaner in der Geschichte. Kuba durchlebte da gerade den Albtraum der Sonderperiode, die schweren Krisenjahre Anfang der 1990er nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.

Ortegas Stimme war eine der regierungskritischsten

Die Beziehungen zwischen katholischer Kirche und der Regierung von Fidel Castro hätten damals kaum schlechter sein können. In jenen Jahren war Ortegas Stimme eine der regierungskritischsten unter den kubanischen Bischöfen. „Seine Ernennung zum Kardinal war ein Geschenk von Papst Johannes Paul II. an die kubanische Kirche“, so der Priester Castor José Álvarez Devesa aus Camagüey gegenüber dem „Miami Herald“. „Der Papst wollte, dass die Kirche mit der Stille bricht, zu der sie gezwungen wurde, und die Tempel verlässt, um das Evangelium zu verkünden.“ Kardinal Ortega gründete neue Diözesen und Pfarreien, an deren Spitze er junge Priester setzte, und baute Kirchen, Pfarrhäuser und karitative Anlaufpunkte wieder auf. „Er stellte die Verbindung zwischen den Gläubigen und der Kirche her und durch seine Dialoghaltung wurden wichtige Dinge erreicht“, sagt Álvarez. Auch war Ortega maßgeblich an der Gründung sozio-religiöser Publikationen wie „Palabra Nueva“ (Neues Wort) oder „Espacio Laical“ (Laizistischer Raum) beteiligt.

"Der Papst wollte, dass die Kirche mit der
Stille bricht, zu der sie gezwungen wurde,
und die Tempel verlässt, um
das Evangelium zu verkünden"
Priester Castor José Álvarez Devesa

Von seinem Büro im Erzbistum von Havanna aus leitete er die schwierigen Verhandlungen, damit Karol Wojtyla seine historische Reise nach Kuba antreten konnte. Die erste Papstreise 1998 stärkte die Position der katholischen Kirche auf der Insel und trug zur Entspannung zwischen Kirche und kubanischer Regierung bei.

Dieses oft schwierige Verhältnis hatte sich bereits seit Mitte der 1980er Jahre gewandelt. Als Fidel Castro im April 1961 den sozialistischen Charakter der Revolution deklarierte, stellten sich verschiedene Sektoren des spanisch und konservativ geprägten kubanischen Klerus gegen die neue Regierung. Die Konfrontation war somit von Anfang an politisch und nicht religiös. Als Ortega 1964 nach seinem theologischen Studium in Montreal nach Kuba zurückkehrte – 1956 war er in das Priesterseminar eingetreten und wurde 1964 zum Priester geweiht –, hatte der Konflikt mit der Revolution die Kirche in eine prekäre Situation gebracht.

Viele Geistliche verließen das Land freiwillig

Vor allem die Verstaatlichung der Bildungseinrichtungen traf die Kirche empfindlich. Viele Geistliche verließen das Land freiwillig oder wurden ausgewiesen, die Übrigen nicht selten eingesperrt. Auch Ortega fand sich 1966 acht Monate in einem Arbeitslager, einer sogenannten Militäreinheit zur Unterstützung der Produktion (UMAP), wieder. Aber statt mit Ressentiment und Hass auf die erlittene Ungerechtigkeit zu reagieren, sah er sich darin bestärkt, nach seiner Freilassung der Versöhnung der Kubaner zu dienen.

Einen Wandel im Verhältnis von Staat und Kirche markierte 1986 der 1. Nationale Kirchentag. Nach dem IV. Parteitag der Kommunistischen Partei Kubas im Jahr 1991 war es praktizierenden Gläubigen (aller Religionsgemeinschaften) wieder erlaubt, Parteimitglied zu werden. Und mit der Verfassungsänderung 1992 erklärte sich Kuba fortan zu einem laizistischen Staat. Im Jahr 1996 erhielt Kubas damaliger Staatschef Fidel Castro eine Audienz bei Papst Johannes Paul II. Dieser wiederum reiste zwei Jahre später als erster Pontifex nach Kuba. Nach Benedikt XVI. im März 2012 war Franziskus 2015 bereits der dritte Papst in 17 Jahren auf Kuba. Da können nur Brasilien und die USA mithalten.

Keine offene Unterstützung für Dissidenten

Seit dem ersten Papstbesuch hat die Kirche ihren Handlungsspielraum auf der Insel spürbar erweitert. Dies wäre aber undenkbar ohne die langwierige Arbeit, die von Ortega beharrlich und mit viel (politischem) Geschick organisiert wurde. Heute ist es einfacher, Gotteshäuser zu restaurieren, verschiedene in den 1960er Jahren konfiszierte Kirchengüter wurden vom Staat zurückgegeben. Erstmals seit der Revolution wurden in den letzten Jahren neue Kirchen in Kuba errichtet. Zwar sind fast zwei Drittel der rund elf Millionen Einwohner Kubas katholisch, aber nur zwei Prozent gehen regelmäßig zur Sonntagsmesse. Atheisten und Anhänger afrokubanischer Kulte stellen die größeren Gruppen.

Die Katholische Kirche aber ist heute die einzige zivilgesellschaftliche Institution auf der Insel mit flächendeckender Infrastruktur und der wichtigste zivilgesellschaftliche Gesprächspartner der Regierung – vor allem seit der von Ortega erfolgreich vermittelten Freilassung von mehr als 100 Systemoppositionellen im Frühjahr 2010, die die Voraussetzung für die Wiederannäherung Kubas an die EU schaffte. Es gab aber auch immer wieder Stimmen, die Ortegas vermeintliche Nähe zur kubanischen Regierung kritisierten, da er beispielsweise ablehnte, Dissidentengruppen offen zu unterstützen.

Nach 35 Jahren an der Spitze des Erzbistums ging Ortega in Ruhestand

Nach 35 Jahren an der Spitze des Erzbistums ging Ortega im Mai 2016 in den Ruhestand – zwei Monate nachdem er den damaligen US-Präsidenten Obama während dessen historischer Reise auf die Insel in der Kathedrale von Havanna empfangen hatte. Ortegas Wirken ist es zu verdanken, dass die Katholische Kirche, aber auch andere Religionsgemeinschaften, heute mehr Freiheiten haben

Das erklärte Ziel der Kurie aber bleibt der Betrieb eigener Bildungs- und karitativer Einrichtungen, sowie der Zugang zu den staatlichen Medien. Eine Aufgabe für Ortegas Nachfolger.