Die verborgene Schönheit des Glaubens

Ein Plädoyer für die Wiederentdeckung der vorkonziliaren Kirche

„Die alte Kirche ist mir lieber. Ein Plädoyer für die Wiederentdeckung des Katholischen.“ Ein provokanter und vielversprechender Name. Dazu als Titelbild: Eine Zelebration der heiligen Messe im tridentinischen Ritus. Und das alles aus der Feder eines deutschen Weihbischofs der nachkonziliaren – „neuen“ – Kirche... Ein bemerkenswertes und spannendes Projekt also.

Fragen an die alte Kirche

Das Ergebnis enttäuscht nicht: Max Ziegelbauer, Weihbischof der Diözese Augsburg von 1983 bis 1996, spricht in seinem neuen Buch mit einer – heute durchaus selten – klaren Sprache über die nachkonziliare Situation der Kirche: „Die katholische Kirche, speziell in Deutschland, befindet sich in einer Krise. Diese Krise besteht gerade darin, dass man sie nicht wahrhaben will.“ Und noch mehr: Er wagt es, seiner Sympathie für die Kirche zwischen 1925 und 1965, für die so genannte „alte“ Kirche ganz offen und buchstäblich vom ersten Wort an Ausdruck zu verleihen.

Der 1923 in Memmingen geborene Autor hat die letzten vierzig vorkonziliaren Jahre selbst noch erlebt – und in bester Erinnerung behalten. Erlebt hat er auch die (knapp) vierzig anschließenden Jahre. Dies aber nicht ohne sorgenvollen Blick auf manche Entwicklungen. Trotzdem ergeht sich das Buch nicht in schwelgender Nostalgie alter vergangener Tage oder in wilder Polemik gegen die heutige, ach so schlechte Zeit, sondern skizziert sachlich das Leben und Wirken der „alten“ Kirche, um so dem Leser durch ein klares Bild von gestern eine begründete Beurteilung der Kirche von heute zu ermöglichen. Denn das ist das erklärte Anliegen des immerhin circa 350 Seiten starken Werkes: Es „sollen Einblicke in die verborgene Schönheit des Glaubens ermöglicht und die Liebe zur Kirche ,erneut geweckt?werden.“

Das methodische Vorgehen ist klug gewählt: Der Text bietet eine angenehme und gut lesbare Mischung aus Darstellung verschiedenster Glaubensinhalte, zahlreicher Berichte persönlicher Erlebnisse und einer beachtlichen Fülle von Zitaten bekannter Persönlichkeiten. Zur Auflockerung sind häufig Gedichte eingefügt – zum jeweiligen Thema passend. Das Buch untergliedert sich in vier große Kapitel. Die ersten beiden Teile bieten eine klare Zusammenfassung der katholischen Glaubenslehre in Bezug auf Gott und Kirche. Besonders hier besticht der Text durch seinen klaren und prägnanten Sprachstil.

Die Durchsichtigkeit der Formulierungen erinnert beinahe an einen Katechismus, wenn zum Beispiel das Dogma kurz und bündig definiert wird als „eine verbindliche Lehraussage, eine in die Sprache geformte wahrheitsgetreue Deutung der Dinge aus dem Schatz der göttlichen Offenbarung.“ Die Lektüre der ersten Hälfte des Buches ist damit gerade bezüglich der klassischen katholischen Glaubensinhalte ungemein informativ und interessant. Das dritte Kapitel befasst sich intensiv mit der historischen Gestalt der Kirche im besagten Zeitraum: Die überwältigende (fast endlose) Aufzählung und Beschreibung von überzeugten und überzeugenden katholischen Persönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts gewährt einen Einblick sowohl in das großartige Erscheinungsbild der „alten“ Kirche als auch in das umfassende zeitgeschichtliche Wissen des Autors. Der vierte und letzte Teil beleuchtet die Stellung der Kirche im persönlichen Leben des einzelnen Menschen damals. Ohne die Vergangenheit zu verklären, stellt der Autor fest: „Man lebte den Glauben, manchmal recht, manchmal schlecht, aber treu bis in den Tod.“

Besonders überraschend ist die große Vielfalt und Bandbreite der in den vier Kapiteln behandelten 44 Unterthemen (die auch je einzeln gelesen werden können) – und das erfreulicherweise ohne Verlust an theologischer Substanz, sei es die Lehre über die Dreifaltigkeit, über Christus als Erlöser, das hl. Messopfer, das Priestertum, die Kirche, Maria und anderes. Aber gleichzeitig drückt sich der Autor nicht an „heißen Eisen“ unserer Zeit vorbei: Auf dem Hintergrund der „alten“ Kirche nimmt er ganz klar Stellung zu aktuellen Fragen: Er verteidigt die Ablehnung der Frauenordination, die Unfehlbarkeit des Papstes, die kirchliche Lehre als einzig gültige und absolute Wahrheit („Der Mensch hat keine freie Auswahl in der Religion“), warnt vor einer voreiligen Ökumene nach Art einer „Gemischtwarenhandlung“, sieht im Feminismus einen möglichen „Virus (...) im Körper der Kirche“, bestätigt das Inkrafttreten der Exkommunikation bei Leugnung einer einzigen definierten Glaubenswahrheit und so weiter. Aber nicht nur das. Ähnlich wie Josef Kardinal Ratzinger sieht er besonders auf dem Gebiet der Liturgie viele Mängel in der „neuen“ Kirche. Kritisiert wird der „Wildwuchs liturgischer Texte“, religiöse Lieder mit bloßem „Weltverbesserungspulver in den Texten“ („Es ist auch Betrug, wenn bei einem Kirchenlied jene Strophe ausgelassen wird, in der von Sünde die Rede ist“), die Entwicklung der Messe zur gesellschaftlichen „Veranstaltung“, das Verschwinden der lateinischen Sprache, die Einführung von „liturgiefreien Tagen“. Nicht nur die nachkonziliare Praxis des Volksaltares wird ganz offen hinterfragt, sondern es heißt sogar: „Grundsätzlich empfehle ich keinen Jugendgottesdienst.“ Bezüglich der tridentinischen Form der heiligen Messe kann sich der Autor sogar vorstellen, „dass sich eines Tages die Kirche ihr wieder zuwenden wird. Und zwar dann, wenn sich die gegenwärtige, gewiss gültige Messfeier, infolge ausufernder Freizügigkeiten ,ausgelaufen? haben wird.“ Der Hauptkritikpunkt an der „neuen“ Kirche ist eine zu freudige Angleichung an die Welt.

„Eine gute Distanz zur Welt“

Aus dem berechtigten Anliegen des Zweiten Vatikanums, nämlich einer zeitgemäßen Darlegung der alten Wahrheit, wurde in vielen Fällen eine unkritische Adaption liberaler und säkularer Ideen von Seiten der Kirche, was dann zur streckenweisen Aufgabe zentraler Glaubensinhalte führte. „Es hat sich vieles, fast Grundlegendes geändert.“ Ziegelbauer rät deswegen der Kirche: „Eine gute Distanz zur Welt stärkt ihr Eigenes.“ Der Mut des Weihbischofs ist beachtenswert. So klar, ausführlich und fundiert hat nur ganz selten ein (wenn auch emeritierter) Ordinarius für die Bewahrung verschiedenster Elemente der „vorkonziliaren“ Kirche Partei ergriffen. Doch nicht nur als Zeugnis für das Denken eines Einzelnen ist das Buch überzeugend und empfehlenswert, sondern besonders als gelungene Zusammenfassung und Darstellung der Herrlichkeit des katholischen Glaubens – Lehre und konkretes Leben umfassend – wird es viele Leser erfreuen und ihnen neue und heute selten behandelte Dimensionen der Kirche aufzeigen.