Die unendliche Geschichte vom Bürgermeister

Kurz vor dem Beginn des Heiligen Jahrs wandelt sich das Gerangel um den Ersten Bürger Roms zu einer grotesken Farce. Von Guido Horst

Sein Name ist Marino. Ignazio Marino. Vorgestern besuchte Roms Bürgermeister die Premiere des neuen James Bond-Streifens „Spectre“ und posierte für die Kameras bereitwillig auf dem roten Teppich. Foto: dpa
Sein Name ist Marino. Ignazio Marino. Vorgestern besuchte Roms Bürgermeister die Premiere des neuen James Bond-Streifens... Foto: dpa

Wer hätte es gedacht: Auf der kleinen Verkehrsachse der „Via Fornaci“, die im linkstiberischen Rom den Vatikan mit den Busparkplätzen am Hang des Gianicolo-Hügels verbindet, wird geteert. Der Regen sammelt sich auf dem frischen Straßenbelag in öligen Pfützen. Es bewegt sich also doch (etwas) in der Ewigen Stadt, die in ihrem etwas „heiligeren Bezirk“ rund um den kleinen Kirchenstaat nach der Masse der violett und rot gewandeten Synodenväter sowie einer Unzahl von Priestern und Prälaten nun das Fußvolk erwartet: In fünf Wochen, zu Mariä Empfängnis am 8. Dezember, beginnt das Heilige Jahr der Barmherzigkeit.

Falsch zugeordnete Belege und verletztes Ego

Einer bewegt sich nicht: Roms Erster Bürger, Ignazio Marino. Durch eine kleine, aber peinliche Unregelmäßigkeit bei der Spesenabrechnung Anfang Oktober zum Rücktritt gezwungen, zeigt der Organchirurg an der Spitze des Kapitols irgendwie nicht die geringsten Absichten, seinen Schreibtisch hoch über dem Forum Romanum freizuräumen. Ganz im Gegenteil. Laut Gesetz kann – soll – ein zurückgetretener Bürgermeister sein Amt noch zwanzig Tage ausüben, diese Frist endet am 2. November. Aber schon am vergangenen Wochenende ließ der Mediziner die Katze aus dem Sack: Medienwirksam rief er auf einer öffentlich Manifestation seinen Anhängern zu, er werde sie nicht enttäuschen und standhalten. Mit anderen Worten: Der Mann will weitermachen. Was im Notfall heißt, sich bei der internen, auf Rom beschränkten Auswahlprozedur seiner Partei, des „Partito Democratico“ von Matteo Renzi, wieder als der linke Kandidat für das Bürgermeisteramt aufstellen zu lassen. Etwa fünfhundert Menschen standen auf dem Platz, als Marino seinen Hut in den Ring warf. Damit kann man keinen Staat machen. Aber den römischen Parteioberen des „Partito democratico“ wachsen graue Haare. Und Matteo Renzi hüllt sich in Schweigen.

Ignazio Marino ist verletzt. Und wie bei jedem Selbstdarsteller tun diese Verletzungen doppelt weh. Jetzt trotzt er. Ein paar falsch zugeordnete Belege hätten ihm nicht geschadet, das steckt jeder italienische Politiker mit links weg. Aber Marino hatte nie das Vertrauen seiner Partei, er ist kein Mann von Matteo Renzi.

Das öffentliche Eintreten des Chirurgen für die Abschaltung der lebenserhaltenden Geräte bei der langjährigen Koma-Patientin Eluana Englaro hatte Marino vor einigen Jahren viel Öffentlichkeit und Zustimmung gebracht. Als Anhänger der Homo-„Ehe“ fand er die Sympathie der rosaroten Lobby-Gruppen und war schließlich der Kandidat der Linken für das römische Spitzenamt. Auch weil kein anderer zu haben war.

Nach zwanzig Jahren heftigster innenpolitischer Gefechte zwischen Berlusconianern und Anti-Berlusconianern ist Italiens politische Klasse ausgedünnt, das Parteiengefüge wurde mehrfach untergepflügt. Ränkespiele, Korruptionsskandale und juristische Prozesse haben viele Lichtgestalten der Politik in der Versenkung verschwinden lassen.

Im Sommer 2013 trat Marino sein Bürgermeisteramt an. Er liebt das Blitzlichtgewitter. Während der Familiensynode 2014 trug er, der aus irgendeinem Grunde glaubt, ein Freund des Papstes zu sein, bei einer öffentlichen Schau sechzehn im Ausland geschlossene gleichgeschlechtliche Partnerschaften ins Ehestandsregister der Stadt Rom ein.

Die politische Führung ist gelähmt

Juristisch geht das gar nicht. Das italienische Gesetz kennt nur die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau. Darum haben in Rom und in anderen Städten, wo Bürgermeister diesen Gag in Szene setzten, die zuständigen Präfekten, also die „Statthalter“ des Staats auf kommunaler Ebene, den Eintrag von homosexuellen und lesbischen Paaren in die Eheregister wieder rückgängig gemacht. Jetzt hat das oberste Appellationsgericht Italiens die Eingaben von rosaroten Lobby-Gruppen gegen den Rücknahme-Akt der Präfekten zurückgewiesen.

Proteste, wütende Kommentare waren die Folge. Die Zeitungen sind voll. Man fragt sich, wie es mit Ignazio Marino weitergeht. Und wann in Italien das Gesetz kommt, das – wohl nach deutschem Vorbild – den gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, den sogenannten „Zivilunionen“, einen rechtlichen Status verleiht. Die politische Führung auf dem Kapitolshügel ist zwar gelähmt. Aber dafür teeren Arbeiter ein paar römische Straßen. Das Heilige Jahr kann beginnen.