Die unbeachtete Krise

Millionen Menschen am Tschadsee droht der Hungertod – Klimawandel und die Angst vor Anschläge zu Weihnachten durch Boko Haram. Von Carl-Heinz Pierk

Flucht über den Tschadsee
Ein Fischer und sein Sohn legen auf dem Tschadsee in Baga Sola (Tschad) mit einer Pirogge an. Mit diesen einfachen Booten fliehen viele Nigerianer über den Tschadsee vor der islamistischen Terrormiliz Boko Haram. Foto: dpa
Flucht über den Tschadsee
Ein Fischer und sein Sohn legen auf dem Tschadsee in Baga Sola (Tschad) mit einer Pirogge an. Mit diesen einfachen Boote... Foto: dpa

Im Zentrum Afrikas spielt sich eine Katastrophe ab, die von der Weltöffentlichkeit kaum wahrgenommen wird: Millionen Menschen in den an den Tschadsee grenzenden Ländern Nigeria, Tschad, Kamerun und Niger wurden durch die Gewalt der Terrormiliz Boko Haram vertrieben. Sie suchen Zuflucht auf den schwer zugänglichen Inseln und an den sumpfigen Ufern des Sees. Jetzt droht ihnen der Hungertod, weil sie nicht oder nur unzureichend versorgt werden können. Beschleunigt wird die Nahrungskrise durch den Klimawandel: Der riesige Tschadsee, das einzige größere oberirdische Süßwasserreservoir in der Sahelzone, trocknet immer weiter aus. Der See am Südrand der Sahara ist heute nur noch ein Zehntel so groß wie vor 40 Jahren und hat die Staaten Tschad, Kamerun, Nigeria und Niger als Anrainer.

Schuld daran sind vor allem ausgebliebene Niederschläge, aber auch der Ausbau der Bewässerung in der Region in den 1980er Jahren verschärfte die Entwicklung noch einmal dramatisch. Staudammbauten für Bewässerungssysteme an Zuflüssen hatten zur Folge, dass der See deutlich weniger Wasser zugeführt bekam als vorher. Wegen des spärlichen Regens transportieren Chari und Logone – die beiden größten Fließgewässer entspringen im zentralafrikanischen Hochland und münden in den See – von Jahr zu Jahr weniger Wasser. Im nördlichen Teil des Tschadsees versteppen die ehemaligen Wasserflächen. Die Sahara breitet sich aus. Überreste einst am Seeufer gelegener Städte befinden sich inmitten einer wüstenartigen Landschaft. Ackerbau ist auf den ehemaligen Seeflächen nur bedingt möglich. Jan Eliasson, der stellvertretende Generalsekretär der Vereinten Nationen, hatte schon im Frühsommer gewarnt: „Im Tschadsee-Becken sind über neun Millionen Menschen dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen, mehr als sechs Millionen haben nicht genug zu essen. Zivilisten wurden getötet, Häuser wurden angezündet, Besitz wurde geplündert, Existenzgrundlagen wurden zerstört. Ich sage das in aller Deutlichkeit: Die Verbrechen, die im Tschadsee-Becken begangen wurden und werden, könnten mit ihren katastrophalen Folgen das Sozialgefüge der gesamten Region zerstören – auf Generationen hinaus.“

Die Krise ist nicht nur bedingt durch den Klimawandel, sondern auch eine Folge des Terrorismus. Im Grenzgebiet zwischen Tschad, Kamerun, Nigeria und Niger kommt es auf allen Seiten wiederholt zu Terroranschlägen sowie zu militärischen Aktionen gegen Terroristen. Zwar hat die islamistische Terrormiliz Boko Haram in den letzten sechs Monaten aufgrund massiver Militäraktionen der Sicherheitskräfte und verbündeter Milizen die Herrschaft über viele zuvor von ihr kontrollierte Gebiete verloren, doch mit Terroranschlägen verbreitet sie noch immer Angst und Schrecken unter der Zivilbevölkerung im Nordosten des Landes. Und während bei Christen in aller Welt die Vorfreude auf das Fest der Geburt Jesu wächst, geht nach den jüngsten Anschlägen von Maiduguri, Hauptstadt des Bundesstaates Borno, unter den Christen die Angst vor weiteren Attacken der Terrorsekte um. Zwei kürzlich verübte Selbstmordattentate könnten der Beginn einer ganzen Terrorserie der Islamisten zur Weihnachtszeit sein, befürchtete Pater Gideo Obasogie gegenüber dem vatikanischen Nachrichtendienst Fides. Obasogie ist der Sprecher der Diözese Maiduguri. Für die beiden Selbstmordattentate auf dem Markt von Maiduguri hatte Boko Haram zwei Mädchen eingesetzt. Neben den für den Anschlag missbrauchten Kindern starb mindestens ein weiterer Zivilist, 17 Menschen wurden verletzt. Die beiden Attentäterinnen sollen erst sieben oder acht Jahre alt gewesen sein. Allzu frisch ist die Erinnerung an Weihnachten 2011. Allein beim Anschlag auf die St. Theresa-Kirche in Madalla nahe der nigerianischen Hauptstadt Abuja starben mehr als 40 Menschen während eines Gottesdienstes.

„Mit den Gewaltangriffen sind tausende und abertausende Menschen gezwungen, aus ihrer Herkunftsregion zu fliehen und in gesicherte Zonen zu kommen, um nicht den Massakern von Boko Haram zum Opfer zu fallen“, betont nach Angaben von Radio Vatikan Sabine Attama vom Caritas Entwicklungsbüro Niger. „Wir sehen uns von zwei Situationen herausgefordert: einmal von dem Verschwinden des Tschadsees und dann von den Angriffen von Boko Haram“, meint die Direktorin der Caritas Niamey (Hauptstadt von Niger) und stellt zugleich resigniert fest: „Ohne Sicherheit kann man nicht viel machen. Lange Zeit war die Versandung des Sees das größte Problem. Aber nun rücken die Angriffe von Boko Haram in den Vordergrund. Auf allen Ebenen, sei es politisch oder auf Ebene der Nichtregierungsorganisationen, versucht man Synergien für den Frieden zu schaffen. Die Caritas versucht speziell die Binnenvertriebenen zu schützen. Alles was sie brauchen können, versucht die Caritas bereitzustellen, Decken, Nahrung. Wir versuchen, wenigstens diesen geplagten Menschen ein wenig Würde zu geben.“ Gewalt und Hungersnot: Kein Wunder, dass gerade junge Menschen angesichts der Perspektivlosigkeit in der Tschadsee-Region anfälliger für die Ideologien der islamistischen Terroristen werden oder den Weg durch die Sahara zum Mittelmeer einschlagen.