Die sieben Plagen Italiens

Zustandsbericht über ein Land, dem viele europäische Nachbarn zumuten wollen, alleine mit den anlandenden Mittelmeerflüchtlingen zurechtzukommen. Von Guido Horst

Nach den Erdbeben in Mittelitalien
Plage 1: Der Turm im Zentrum Amatrices steht noch, gestützt von Holzbalken. Doch von dem Schutt in der von Beben heimgesuchten Ortschaft ist bislang nur ein Bruchteil weggeschafft worden. Foto: Fotos: dpa
Nach den Erdbeben in Mittelitalien
Plage 1: Der Turm im Zentrum Amatrices steht noch, gestützt von Holzbalken. Doch von dem Schutt in der von Beben heimges... Foto: Fotos: dpa

Als vergangene Woche die Felsen tief unten im Apennin wieder heftig bebten, ist an der Erdoberfläche genau darüber, im Örtchen Amatrice, nichts mehr eingestürzt. Denn in dem malerischen Bergdorf, das den spaghetti all'amatriciana ihren Namen gab, ist bei dem verheerenden Erdbeben vom 24. August vergangenen Jahres bereits alles zusammengebrochen, was zusammenbrechen konnte. Nur der Turm im Zentrum Amatrices steht noch, man hat ihn inzwischen mit Holzbalken abgestützt. Das völlig zerstörte Touristenziel ist – vielleicht mit der nun als Schutthaufen daliegenden Benedikts-Basilika in Norcia – zum Symbolort für die nicht enden wollende Reihe von Erdstößen geworden, die vom 24. August bis zum 30. Oktober 2016 eine ganze Region verwüstet haben – mit Arquata del Tronto im Osten, Montereale im Süden, Norcia im Westen und Visso im Norden. Das Gebiet liegt im Nationalpark der Sibillinischen Berge nördlichen von Rom und erstreckt sich neben Latium in die Regionen Umbrien und Marken hinein. Landschaftlich überaus reizvoll, aber existenziell verheerend. 298 Tote waren bei dem Beben zu beklagen.

Die jüngste Erdbebenregion Italiens ist immer noch ein Notstandsgebiet. Orte wie Amatrice, Visso oder Arquata del Tronto sind nicht zu betreten, bisher wurden von Schutt und Trümmern erst acht Prozent weggeräumt. Von Wiederaufbau keine Spur, viele Straßen sind gesperrt – überall hat das italienische Heer Wachtposten aufgestellt. Wer von Rom über die Salaria gekommen ist, muss, um sich Amatrice wenigstens zu nähern, den Ort zunächst weiträumig und fast ganz umfahren. In Norcia sind von insgesamt sieben Hotels sechs mit dem Beben unbrauchbar geworden. Da kommen keine Touristen mehr, nur am Wochenende einige Besucher, um wie früher etwas Wildschweinsalami, Trüffel oder Schinken einzukaufen. Auf dem zentralen Platz der Stadt steht unmittelbar vor seiner Basilika, unter der auch die Fundamente seines Geburtshauses freigelegt wurden, der Ordensvater Benedikt aus Marmor auf seinem steinernen Sockel und schaut sich stumm die Folgen der Verwüstung an.

Es wird Milliarden kosten, die Erdbebenorte und das Straßennetz der Region wieder aufzubauen. Am Rande der Ortschaften stehen jetzt kleine Siedlungen mit Fertighäusern, einige Schulen wurde in Schnellbauweise errichtet, Post, Banken und Apotheken bieten ihren Service in Containern an. Man investiert derzeit noch ausschließlich in Provisorien und die Sicherung beschädigter Gebäude, an wirklicher Restaurierung ist bisher nichts geschehen. In der Abruzzenstadt L'Aquila hat es fünf Jahre gedauert, bis sich die Schockstarre löste und nach der gerichtlichen Feststellung der Verantwortlichkeiten und Schuldfragen Finanzierungskonzepte entwickelt werden konnten und der Staat die zugesagten Mittel schließlich freigab. In L'Aqilia setzt jetzt ein Bauboom ein, aber die Erdbebenregion in den Sibillinischen Bergen verfällt gerade erst in tiefe Depression. Und L'Aquila ist eine Stadt, dagegen hat man es rund um Amatrice mit einem ganzen Netz von Ortschaften zu tun – mit viel historischer Bausubstanz. Kaum eine Kirche ist ohne Schäden davongekommen.

Nach einem strengen Winter im Apennin kam die Dürre. In Castelluccio hoch oben in den Bergen, das für seine Linsen bekannt ist, hat man nach dem Schnee wie immer das Saatgut ausgebracht. Doch dann hat es nochmals gefroren – und seither fiel kein Regen mehr. In diesem Jahr wird man in Castelluccio kaum Linsen ernten. Nach den Beben ist die Dürre die zweite Plage, die Italien jetzt im Griff hält. Rom steht gerade vor der Rationierung der Wasserversorgung. Im Vatikan haben die Brunnen bereits aufgehört zu plätschern. Und draußen auf dem Land wächst nichts. Je nach Region müssen die Landwirte in diesem Jahr fünfzig bis achtzig Prozent ihrer Ernte abschreiben. Die andere Seite der Medaille ist das, was gerade in den ausgedorrten Baumbeständen geschieht: Brände. Viele von ihnen sind absichtlich gelegt. Von Pyromanen oder Spekulanten. In Sizilien zünden sie den Katzen die Schwänze an, damit sie als lebendige Fackel durch das trockene Unterholz rennen. Es gibt zurzeit Tage, da toben sich in Italien Dutzende von kleinen und mittleren Waldbränden aus – ganz zu schweigen von brennenden Böschungen und Grünanlagen, die die Anwohner meist selber löschen. Löschflugzeuge, Hubschrauber mit Wassertonnen und die Feuerwehr sind beständig im Einsatz. Welche Organisation auch immer die Löscheinsätze leitet, unter dem Strich wird der Staat zahlen müssen, das heißt der Steuerzahler.

Doch wenn die Wirtschaft nicht brummt, bewegen sich auch die Steuereinnahmen auf niedrigem Niveau. Anders als in anderen Ländern Europas ist in Italien von einem kräftigen Aufschwung nach den langen Jahren der Wirtschaftskrise nichts zu spüren – die dritte Plage. Es gibt ein leichtes Wirtschaftswachstum, aber das reicht nicht aus, die hohe Arbeitslosigkeit zu senken und großzügig zu investieren. Nur drei Beispiele. Die Staatsbetriebe leiden: Die marode nationale Fluggesellschaft Alitalia steht zum Verkauf (und keiner will sie haben). Staatstragende Industriezweige wie die Autobauer in Deutschland gibt es nicht: Die Turiner Traditionsmarke Fiat ist kein italienisches Unternehmen mehr, sondern nennt sich jetzt FCA – Fiat Chrysler Automobiles, mit Sitz in Amsterdam und dem operativen Zentrum in London. Und andere große Konzerne im Lande kämpfen um das Überleben: Das Stahlwerk Ilva im süditalienischen Taranto, eines der größten in Europa, hat jahrelang Umweltvorschriften nicht beachtet und ist zur Dreckschleuder der Nation verkommen – mit den entsprechenden Folgen für die Gesundheit der Einwohner. Davon gibt es in Taranto zweihunderttausend und jeder von ihnen hat direkt oder indirekt von dem Konzern gelebt. Jetzt wird das Werk von Regierungskommissaren geleitet. Aussichten auf eine Sanierung gibt es keine. „Wir stehen vor der Wahl, an Hunger oder an Tumoren zu sterben“, so das Zitat eines Wutbürgers der Stadt.

Dass die Mafia eine weitere der Plagen Italiens ist, muss nicht eigens hervorgehoben werden. Genügend ist dazu geschrieben und verfilmt worden. Als jetzt das traurige Jubiläum der Ermordung der Mafia-Ermittler Giovanni Falcone und Paolo Borsellino vor einem Vierteljahrhundert zu begehen war, hat sich – wieder einmal – das ganze Land als überzeugt anti-mafiös gezeigt, die Regierung, die Institutionen des Staates, die Kirche, das Erziehungswesen. Am 23. Mai 1992 wurde bei Capaci auf Sizilien von der Mafia zielgenau ein ganzes Stück Autobahn in die Luft gesprengt, als Falcone darüberfuhr, er, seine Frau Francesca und drei Leibwächter kamen ums Leben. Am 19. Juli desselben Jahres traf es seinen Kollegen Borsellino, wieder eine Bombe, diesmal in Palermo, auch seine fünfköpfige Eskorte starb. Doch trotz aller Trauerreden lebt die Mafia weiter. Sie hat die Bauvorhaben zur Weltausstellung Expo 2016 in Mailand unterwandert und schien vor zwei Jahren Rom erreicht zu haben, als der Fall „Mafia capitale“ durch die internationalen Medien ging.

Vergangene Woche ging der zweijährige Prozess zu Ende, mit hohen Haftstrafen für neunzehn Angeklagte: Schwerkriminelle, Politiker, den Chef einer Kooperative, die mit Flüchtlingen Geld verdiente, und Manager öffentlicher Betriebe. Aber die Richter hielten in ihrem Urteil auch fest, dass es sich bei „Mafia Capitale“ nicht um eine mafiöse Vereinigung gehandelt habe, was laut Gesetz wichtig ist für die Vollmachten bei den Ermittlungen und der Härte des Strafvollzugs, sondern um eine „normale“ kriminelle Vereinigung. Der römischen Staatsanwaltschaft hat das gar nicht gefallen. Aber es gibt neben der Mafia noch ein anderes kriminelles Muster, das im ganzen Land die Wirtschaft und die Verwaltung durchseucht: die Korruption, Italiens fünfte Plage. Bei dem jetzt in Rom zu Ende gegangenen Prozess ging es unter anderem um Gelder, die sich Politiker und Verwaltungsbeamte zahlen ließen, um die Unterbringung von Migranten und Flüchtlingen, wofür der italienische Haushalt immerhin 4,5 Milliarden Euro bereitstellt, fragwürdigen Kooperativen zuzuschustern, die damit schnelles Geld verdienen wollten. In Mailand war es die Weltausstellung des Vorjahrs, die mit einer Serie von Korruptionsprozessen endete. In Venedig kam das Projekt Mose, ein gigantisches Sturmflutsperrwerk mit beweglichen Fluttoren, zum Erliegen. Der Bürgermeister Giorgio Orsoni sowie weitere 34 Politiker und Bauunternehmer wurden wegen Geldwäsche, Veruntreuung und Erpressung verhaftet, weil sie bis 2015 eine Milliarde Euro veruntreut hatten.

Die sechste Plage verdankt Italien seiner geographischen Lage, die es zum idealen Einfallstor für Flüchtlinge und Migranten macht, die von Afrika aus nach Europa gelangen wollen. Die italienische Regierung erwartet in diesem Jahr bis zu zweihunderttausend Flüchtlinge auf der gefährlichen Route über das Mittelmeer. Laut Europol warten zurzeit in Libyen und südlich davon achthunderttausend Menschen darauf, die Europäische Union zu erreichen. Ihr vornehmstes Ziel: Italien, wo sich von achttausend Kommunen inzwischen über fünftausend weigern, die Migranten in kommunalen Flüchtlingsheimen aufzunehmen.

Dass die Debatte darüber mittlerweile völlig emotional geführt wird und mehr Angst als eine tatsächliche Bedrohung im Spiel ist, liegt am Zustand der italienischen Politik: die siebte Plage. Seit anderthalb Jahren befindet sich das Land in einem Dauerwahlkampf, der ihm bis zu den Nationalwahlen nach dem Ende der Legislaturperiode im Februar 2018 wohl auch erhalten bleiben wird. Eine Verfassungsreform mit einer Neuordnung des Parlaments ist beim Referendum vom Dezember 2016 gescheitert, eine Wahlrechtsreform im vergangenen Juni im Parlament. Jede Sachfrage gerät in die Mühlen des Parteienstreits. Der nach der Niederlage beim Referendum abgetauchte Matteo Renzi ist als wiedergewählter Vorsitzender der Regierungspartei „Partito democratico“ wieder auf die politische Bühne zurückgekehrt, aber ebenso der bald 81 Jahre alte Silvio Berlusconi, der sich nach einem Rechtsruck im Land bei den Kommunalwahlen im vergangenen Juni wieder im Aufwind sieht und erneut der Führer des rechten Lagers werden will, was ihm aber Matteo Salvini von der Lega Nord streitig macht. Die Linke ist ebenso zerstritten. Der autokratisch agierende Renzi ist bei den eigenen Leuten so verhasst, dass er den genannten drei politischen Ereignissen, der Verfassungsreform, den jüngsten Kommunalwahlen und der Wahlrechtsreform, am Widerstand aus den eigenen Reihen gescheitert ist. Wann die italienische Politik wieder in ruhigeres Fahrwasser gelangt, steht völlig in den Sternen.