„Die meisten Russen wollen keine Demokratie“

Deshalb wird Wladimir Putin von seinen Landsleuten geachtet, im Westen aber abgelehnt, meint Russland-Experte Alexander Rahr. Von Oliver Maksan

Alexander Rahr von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin. Foto: DGAP
Alexander Rahr von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin. Foto: DGAP
Herr Rahr, woher kommt die unterschiedliche Wahrnehmung Putins im Westen und in Russland selbst? Hier ist er der Finsterling, in seiner Heimat der Held.

Ich glaube, dass man hier auf die Geschichte des Russlandbildes in Europa zurückgreifen muss. Das Russlandbild des Westens überhaupt ist doch sehr stark von negativen Stereotypen bestimmt. Es gibt ja kaum positive Entwicklungen außer der von Russland unterstützten deutschen Wiedervereinigung, wo Russland ein positives Bild abgibt. Umgekehrt ist das anders: Die Russen haben trotz des Zweiten Weltkriegs ein gutes Bild von Deutschland. Putin nun passt in dieses negative Russlandbild. Er ist eine polarisierende Persönlichkeit, er hat in der DDR gegen Westdeutschland spioniert und viele machen an ihm die ganzen Probleme des Riesenlandes im Osten fest; er eignet sich eben als Bösewicht.

Aber glauben Sie denn wirklich, dass er nur Opfer von kulturellen Stereotypen ist?

Nein. Natürlich ist Putin jemand, der die Demokratie in Russland im Prinzip abgeschafft hat. Er verfolgt eine ganz andere Politik, als Russland sie in den neunziger Jahren betrieben hat. Für ihn ist Stabilität, Sicherung der Staatskontrolle über die Wirtschaft, im Prinzip Lenkung des Staates von oben, oberste Priorität. In diesen Kontext passt das harte Vorgehen gegen Chodorkowski, das im Westen für soviel Entrüstung sorgt.

Aber wie kann so jemand wie Putin in Russland so populär sein? Die Sehnsucht nach Freiheit und Recht muss doch gerade dort nach dem Sowjetkommunismus groß sein.

Nein. Die große Masse der Russen hält wenig bis nichts von Demokratie. Das klingt für westliche Ohren schwierig, ist aber so. Schauen Sie, Russland hat keine demokratische Tradition. Die Mentalität der Menschen wurde durch den Zarismus und den Sowjetkommunismus geprägt.

Aber in den neunziger Jahren gab es doch demokratische Aufbrüche.

Ja. Aber die waren nur von wenigen getragen. Nur etwa 20 Prozent der Russen sind begeisterte Anhänger der Demokratie und würden am liebsten das Land genauso in der selben Entwicklung sehen wie Deutschland oder Polen. Aber die große Mehrheit will Stabilität, will eine harte Hand und für die ist Putin das Ideal – ob uns das gefällt oder nicht. Vergessen Sie nicht, dass die Russen die neunziger Jahre mit wirtschaftlichem Chaos und politisch-militärischem Bedeutungsverlust verbinden. Natürlich waren die Neunziger eine einmalige historische Chance für Russland, wirklich Freiheit zu gewinnen und auf der Basis des Sieges über den Kommunismus im Augustputsch 1991 einen neuen Staat zu begründen mit einer liberalen Gesellschaftsordnung. Diese Tür ist wieder ins Schloss gefallen. Es war aber nicht alleine Putin, der sie zugeworfen hat. Die Demokratie in den neunziger Jahren war praktisch schon nach zwei Jahren Experimenten zuende, als Jelzin, der Demokrat, 1993 das Parlament beschoss und gewaltsam aufgelöst hat und danach eine Verfassung installierte, die auf ihn, also auf den Präsidenten, zugeschnitten war. Jelzin war kein Diktator, aber er hatte keine andere Wahl, als dies zu machen, weil er ja ansonsten von noch schlimmeren Kräften, von Nationalisten und Kommunisten, gestürzt worden wäre. Und in den ersten wirklich freien Wahlen, die in Russland stattgefunden haben, 1993 gewann Schirinowski, der Ultranationalist, die größte Unterstützung in der Bevölkerung. Soviel zur Demokratie-Erziehung und Demokratie-Mentalität der Russen.

Glaubt Putin, dass sein Land nur derzeit nicht demokratiefähig ist oder lehnt er die Demokratie grundsätzlich ab?

Er lehnt die liberale Demokratie westlichen Musters grundsätzlich ab. Das sagt er ja auch öffentlich. Er hält nichts von freien Wahlen. Er steht damit im Grunde für all das, was man im Westen am Russland kritisiert. Putin hat kein modernes Staatsbild. Für ihn ist Liberalismus Anarchie und Chaos. Eine Weltordnung, vor allem eine, die von den USA dominiert wird, lehnt er total ab. Sein Bild von Europa ist vielleicht das des 19. Jahrhunderts: Russland als Erste Geige zusammen mit Deutschland im Konzert der Europäischen Mächte, eine nach Interessenssphären aufgeteilte Welt. Damit steht er in der Tradition der Zaren. Und er sagt selbst offen, seiner Überzeugung nach kann Russland nicht auf liberale, demokratische Art regiert werden; es braucht eine starke Hand.

Auch nach außen? Stichwort Georgienkrieg.

Ja, auch nach außen. Schauen Sie, die Nachbarn Russlands sind ja auch – anders als die Deutschlands – sehr schwierig. Der Islamismus im Süden, der Riese China im Osten, dann die expansive NATO im Westen. Moskau muss sich militärisch und verteidigungspolitisch ganz anders in der Welt positionieren als ein Land wie Deutschland, das in den europäischen Kontext eingebunden ist und keine unmittelbaren Feinde hat.

Das Bild, das wir im Westen haben, der liberale Medwedjew, der autoritäre Putin, stimmt das so?

Aus meiner Sicht hat sich Medwedjew von Putin in den letzten Monaten versucht zu emanzipieren und in der Tat ganz andere Töne in die russische Politik gebracht, die viel liberaler klingen als die autoritären Sätze von Putin. Aber ich glaube kaum, dass sich Medwedjew durchsetzt. Dazu ist Putin zu stark. (siehe Leitartikel Seite 2)