„Die eigenen Gewohnheiten auf den Prüfstand stellen“

Misereor-Bischof Thissen zur diesjährigen Fastenaktion und dem Zusammenhang zwischen Klimawandel und dem Hunger in der Welt

Die Folgen des Klimawandels stehen im Mittelpunkt der diesjährigen Misereor-Fastenaktion. Sie steht unter dem Motto „Gottes Schöpfung bewahren, damit alle leben können“ und wird am Sonntag in Stuttgart eröffnet. Der Hamburger Erzbischof Werner Thissen erklärt gegenüber der KNA, wie der Lebensstil des Nordens mit entscheidet über die Armut im Süden.

Was bedeutet für Sie das Motto der diesjährigen Misereor-Fastenaktion?

Gott hat uns seine Schöpfung anvertraut, also müssen wir verantwortlich damit umgehen. Aber die Länder des Nordens tun das zu wenig. Unser Lebensstil ist von Überfluss geprägt, während im Süden Menschen unter den Folgen unserer Lebensführung leiden. Wenn wir die Schöpfung bewahren wollen, müssen wir unser Leben ändern, auch beim Klimaschutz.

Was hat unsere Ernährung mit dem Hunger im Süden zu tun?

Die Folgen des Klimawandels führen im Süden zu einer Vernachlässigung des ländlichen Raumes und einer Verstädterung. Zugleich bewirkt unser Energiehunger im Norden einen Anstieg des Ölpreises und Knappheit von Energierohstoffen. So werden immer mehr landwirtschaftliche Flächen und Agrarprodukte wie Zuckerrohr, Soja, Palmöl oder Mais zur Herstellung von Biokraftstoffen genutzt. Dadurch steigen wieder die Nahrungsmittelpreise, wiederum mit fatalen Folgen für die Armen. Denken Sie an die Hungerrevolten letztes Jahr auf Haiti: Da sieht man die Zusammenhänge.

Was tut Misereor konkret gegen diese Probleme?

Ein wichtiger Punkt für Misereor ist der Einsatz für die Förderung kleinbäuerlicher nachhaltiger Landwirtschaft. Da können Menschen auf relativ kleinen Flächen mit relativ geringen Investitionen krisensicher und zugleich umweltverträglich Lebensmittel produzieren. Für sie bedeutet das Ernährungssicherheit. Natürlich muss es auch Großprojekte wie Deichbauten, Staudämme oder Bewässerungsanlagen geben. Auch da fördert Misereor Projekte zur Landsicherung, etwa in Indonesien.

Wie haben Sie vor Ort Lösungsansätze erlebt?

Auf den Philippinen zum Beispiel, einem riesigen Inselreich mit langen Küsten und sehr viel Armut, habe ich ein Projekt zur Wiederaufforstung der Mangrovenwälder am Wasser gesehen. Das bedeutet zugleich Küstenschutz, denn dadurch, dass dort am Ufer die Mangroven wachsen, wird die Küste befestigt. Überschwemmungen werden weniger furchtbar. Zugleich sind die Wurzeln der Mangroven im Wasser sozusagen die „Kinderstube der Fische“, die dort laichen. Damit sorgt das Projekt auch dafür, dass Menschen etwas zu essen haben. Dass da mit kleinen Schritten große Wirkungen erzielt werden, macht deutlich, wie wichtig die Arbeit von Misereor ist.

Wo müssen wir Gewohnheiten überdenken?

Ich stelle mir selbst die Frage, muss ich tatsächlich jede Strecke mit dem Auto zurücklegen statt mit Fahrrad oder Bus und Bahn? Oder wie kann ich zu Hause Energie sparen? In einem durchschnittlichen Mehrfamilienhaus verbraucht man bei einem ressourcenschonenden Energie-Umgang fast nur halb so viel, als wenn ich einfach gar nicht drauf achte. Oder: Muss ich jeden Tag Fleisch essen, wo ich weiß, dass die Fleischproduktion besonders viel Energie kostet? Gerade die Fastenzeit eignet sich dazu, die eigenen Gewohnheiten auf den Prüfstand zu stellen.