Die Unerwünschten: Flüchtlinge in der Ukraine

Die monatelangen Kampfhandlungen im Osten des Landes haben ein Flüchtlingsdrama ausgelöst. Von Mathias von Hofen

In der Ukraine vollzieht sich derzeit ein Flüchtlingsdrama größten Ausmaßes. Bisher konzentriert sich die Berichterstattung über die Ukraine weitgehend auf die militärischen Auseinandersetzungen der Armee mit den Separatisten. Dabei ist auch die ständig steigende Zahl der Flüchtlinge innerhalb des Landes, in Verbindung mit der schlechten wirtschaftlichen Situation der Ukraine, eine tickende Zeitbombe. Doch hat die ukrainische Regierung die Gefahr erkannt, die eine unzureichende Versorgung und Eingliederung der Flüchtlinge aus den Separatistengebieten für die innere Stabilität des Landes bedeuten kann?

Die Zahl der ukrainischen Binnenflüchtlinge liegt zwischen 1,2 und 1,5 Millionen. Da viele Flüchtlinge bei Freunden oder Verwandten Zuflucht suchen, gibt es eine hohe Dunkelziffer. Außerdem sind noch etwa 700 000 bis 800 000 Menschen nach Russland geflüchtet. Laut Angaben der ukrainischen Hilfsorganisation „Vostok SOS“ werden nur etwa 100 000 der ukrainischen Binnenflüchtlinge vom ukrainischen Staat versorgt. „Vostok SOS“ sieht die Hilfe der ukrainischen Regierung für die Flüchtlinge kritisch: „Es fehlt der politische Wille, den Flüchtlingen wirklich zu helfen. Zudem hat es die Regierung verpasst, stärker die Unterstützung der internationalen Hilfsorganisationen anzufordern.“

Bevorzugtes Ziel vieler Flüchtlinge

Doch „Vostok SOS“ steht mit seiner Kritik an der unzureichenden Unterstützung für die innerukrainischen Flüchtlinge nicht alleine da. Auch vonseiten der Hilfsorganisation „Station Charkiw“, die in der ostukrainischen Großstadt Charkiw Flüchtlinge betreut, wird Kritik geübt. Charkiw, das weniger als 40 Kilometer von der russischen Grenze entfernt liegt, ist durch die Nähe zu den Separatistengebieten bevorzugte Ankunftsregion vieler Flüchtlinge. Die Zahl der Flüchtlinge in der Stadt wird von den Mitarbeitern der „Station Charkiw“ auf über 50 000 geschätzt. In der gesamten Region, im Nordosten der Ukraine gelegen, sollen bereits mehrere hunderttausend Flüchtlinge leben.

Völlig unzureichende Unterstützung

Die Wohnraumsituation in der Stadt ist extrem angespannt und die Mietpreise sind in den vergangenen Monaten stark gestiegen. Es wird immer schwerer, den Flüchtlingen Wohnraum zu beschaffen. Bereits auf dem Charkiwer Bahnhof, auf dem junge Männer in Trainingsanzügen Fahrten mit Kleinbussen in die Separatistengebiete und in die russischen Städte Rostow und Wolgograd anbieten, werden die Ankommenden von den Mitarbeitern der „Station Charkiw“ in Empfang genommen. In den überfüllten Räumlichkeiten der Organisation in der Charkiwer Innenstadt erhalten die Flüchtlinge dann Beratung und Hilfe bei der Suche nach Wohnraum und Arbeit.

Am Rande der Stadt wurde mit Unterstützung der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ein Containerdorf für Flüchtlinge aus den umkämpften Gebieten errichtet. Die Unterkünfte dort sind sauber, doch die Zimmer sind sehr klein. Mitunter wohnen vier oder fünf Personen in einem Zimmer. Zehn bis zwölf Familien teilen sich eine Küche.

Die Leistungen für Flüchtlinge sind in der Ukraine sehr niedrig. Nach Auskunft der „Station Charkiw“ gibt der Staat arbeitenden Flüchtlingen einen monatlichen Mietzuschuss von 400 Griwna und nicht arbeitsfähigen Flüchtlingen und Rentnern eine Miethilfe von 800 Griwna. Das entspricht umgerechnet 16 beziehungsweise 32 Euro und ist völlig unzureichend in Städten wie Charkiw und Kiew. Zudem klagen die Hilfsorganisationen über eine schwierige Zusammenarbeit mit den, in der Ukraine immer noch sehr bürokratischen und oft auch korrupten, staatlichen und regionalen Verwaltungen.

Fragt man die Flüchtlinge aus der Charkiwer Containersiedlung nach ihren Zukunftsplänen, so erntet man verzweifelte oder auch ratlose Blicke und als Antwort zumeist nur ein einziges Wort: „Domoi!“ – nach Hause.