Die Truppe und die Tradition

Neuer Erlass zur Traditionspflege bei der Bundeswehr. Von Carl-Heinz Pierk

Verteidigungsminister de Maiziere in Afghanistan
Die Erinnerungskultur an gefallene Kameraden in Afghanistan spielt eine wichtige Rolle für das Traditionsverständnis der Bundeswehr. Foto: dpa.
Verteidigungsminister de Maiziere in Afghanistan
Die Erinnerungskultur an gefallene Kameraden in Afghanistan spielt eine wichtige Rolle für das Traditionsverständnis der... Foto: dpa.

Die Bundeswehr stellt ihre eigene Geschichte in den Mittelpunkt der Erinnerungskultur. Erstmals in der Geschichte der Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland wurde eine Kaserne nach einem im Einsatz gefallenen Bundeswehrsoldaten benannt. Zugleich zeichnete Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen eine Neufassung des Traditionserlasses, der den Umgang der Bundeswehr mit ihrer Tradition auf eine neue Grundlage stellt. Der Erlass trägt den Titel: „Die Tradition der Bundeswehr. Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege“. Bei dem Erlass handelt es sich um ein sogenanntes Dachdokument. Weitere Einzeldokumente der Organisationsbereiche sollen folgen, die dann spezifische Aspekte detaillierter regeln können.

Die Überarbeitung des alten Erlasses war überfällig. In den 35 Jahren seiner Gültigkeit hat sich die Armee durch das Ende des Kalten Krieges, die Wiedervereinigung, mehrere Auslandseinsätze und die Aussetzung des Wehrdienstes stark verändert. In vier Workshops hatten sich – leider öffentlich fast unbemerkt – Ende vergangenen Jahres Soldaten, zivile Mitarbeiter und Fachleute daher mit der Überarbeitung des Traditionserlasses befasst. An dem Überarbeitungsprozess waren neben den beteiligten Dienststellen auch der Wehrbeauftragte sowie die Kirchen und Interessenvertretungen beteiligt. In der Neufassung wird unter anderem klargestellt, dass weder die Wehrmacht des NS-Regimes noch die NVA als Institution traditionsstiftend für die Bundeswehr sein kann. Einzelne Personen dieser Streitkräfte können jedoch, nach individueller Prüfung, als Vorbild und damit traditionsstiftend für die Truppe dienen.

Anlass für die Überarbeitung des bisherigen Traditionserlasses war auch die im vergangenen Jahr geführte Traditionsdebatte der Bundeswehr – ausgelöst vor allem durch den Fall des Oberleutnants Franco A., der sich als syrischer Flüchtling ausgegeben hatte und Anschläge geplant haben soll. Auch gab es Berichte von entwürdigenden Aufnahmeritualen, sexuellen Übergriffen sowie rechtsextremen Vorfällen. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hatte daraufhin der Truppe ein „Haltungsproblem“ bescheinigt, später jedoch den Vorwurf differenziert. Doch die Unruhe in der Bundeswehr blieb – bis heute. Dies bestätigt auch der Bundesvorsitzende der Gemeinschaft Katholischer Soldaten (GKS), Oberst Rüdiger Attermayer. Aus der Sicht seines Verbandes gab er gegenüber dieser Zeitung zu Protokoll: „Die Diskussion um die Traditionspflege hat auch nach meiner Wahrnehmung eher verunsichert als geholfen. Entgleisungen auf Basis eines falsch verstandenen Wertegerüstes sind aber kaum zu verallgemeinern, sondern eher im Einzelfall zu ahnden. Jede Pauschalierung ist hier unangemessen und betrifft auch jeden anständig und zeitgemäß mit seinen Untergebenen umgehenden Vorgesetzten persönlich. Eine herausgehobene Würdigung von Soldaten fehlt mir persönlich weniger, ein Verdachtsklima empfinde ich aber nicht nur als ungerecht, sondern als ehrabschneidend und wiegt daher schwer.“

Ob die Überarbeitung des Traditionserlasses erfolgreich war, wird sich noch zeigen müssen. Vor allem, ob Führungskräfte sowie alle militärischen und zivilen Angehörigen der Bundeswehr durch den neuen Traditionserlass mehr Handlungssicherheit im Umgang mit der Tradition der Bundeswehr erhalten. Keine Diskussion gibt es über die Umbenennung der Emmich-Cambrai-Kaserne in Hannover, die bisher nach einem General aus dem Ersten Weltkrieg benannt ist. Dass die eigene Tradition der Bundeswehr zum Kern ihrer Traditionspflege werden soll, beweist der neue Name der Feldjäger-Schule der Streitkräfte: Hauptfeldwebel-Lagenstein-Kaserne. Der 31-jährige Hauptfeldwebel Tobias Lagenstein aus dem Feldjägerbataillon 152 Hannover war am 28. Mai 2011 gefallen, als bei einem Treffen des damaligen deutschen ISAF-Regionalkommandeurs Generalmajor Markus Kneip mit Kommandeuren der afghanischen Polizei und Armee in der nordafghanischen Stadt Taloqan eine ferngesteuerte Bombe gezündet wurde. Personenschützer Langenstein leitete das Close Protection Team von Generalmajor Markus Kneip. Neben Hauptfeldwebel Langenstein fiel auch Major Thomas Tholi, militärischer Berater Kneips. Fünf weitere Soldaten wurden teilweise schwer verwundet, darunter auch Kneip selbst. Langenstein ist der erste Feldjäger, der bei einem Auslandeinsatz gefallen ist. In Absprache mit der Stadt Hannover hatte die Bundeswehr den Namen ausgewählt. Die Familie des gefallenen Feldjägers hatte ihre Zustimmung gegeben.