Die Stunde der Logistiker

Der endgültige Abzug deutscher ISAF-Truppen aus Afghanistan hat begonnen. Von Carl-H. Pierk

„Ort, an dem wir bittere Verluste erlitten haben“: Bundesverteidigungsminister Thomas de Maiziere im Gespräch mit Soldaten des „OP North“ in Afghanistan. Foto: dpa
„Ort, an dem wir bittere Verluste erlitten haben“: Bundesverteidigungsminister Thomas de Maiziere im Gespräch mit Soldat... Foto: dpa

Das Foto zeigt Blut auf Asphalt, Glassplitter daneben, ein Mann in Uniform. Das Bild ist eines von Dutzenden Fotos, die in der Sonderausstellung „Augenblick Afghanistan – Angst und Sehnsucht in einem versehrten Land“ im Staatlichen Museum für Völkerkunde in München gezeigt werden. Um Eindrücke aus Afghanistan jenseits der Kriegsberichterstattung zu gewinnen, hatte das Goethe Institut in Kabul 14 afghanische Fotografen beauftragt, ihr Land zu fotografieren. Auch die Bundeswehr beteiligte sich an dieser Ausstellung, die noch bis zum 15. September 2013 im Völkerkundemuseum in München zu sehen ist. Doch es wurden nur offizielle Fotos eingereicht, nicht die privaten Soldaten. Es sind Momentaufnahmen, sie erzählen vom Alltag der Menschen, die dort leben und von denen, die dort ihren Dienst tun: den Bundeswehrsoldaten im Einsatz der Internationalen Schutztruppe (ISAF).

Seit mehr als zehn Jahren engagiert sich Deutschland gemeinsam mit seinen Partnern in Afghanistan. Was als Stabilisierungsmission in der Hauptstadt Kabul begann, entwickelte sich zu einem internationalen Engagement im gesamten Land. Doch bis Ende 2014 ist ein vollständiger Abzug der internationalen Kampftruppen geplant. Bis dahin erfolgt eine schrittweise Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die afghanischen Streitkräfte und Behörden. Im laufenden Jahr werden nur noch bis zu 4 400 deutsche Soldaten in Afghanistan eingesetzt. Diese Zahl soll bis Ende Februar 2014 auf 3 300 sinken. Dann sollen etwa 350 000 afghanische Soldaten und Polizisten für die Sicherheit im Land sorgen. Sie sind derzeit freilich logistisch nach wie vor stark von den internationalen Truppen abhängig – etwa, wenn sie in einen Hinterhalt geraten oder wenn es darum geht, Verletzte zu evakuieren. Allerdings dürften auch danach noch deutsche und andere ausländische Soldaten als Berater und Ausbilder im Land bleiben. Experten gehen davon aus, dass US- und NATO-Truppen in einer Größenordnung von 30 000 Mann in Afghanistan stationiert bleiben.

Während die Zukunft der afghanischen Sicherheitskräfte völlig offen ist, haben die internationalen Truppen derweil ihre ganz eigenen Probleme. Vor allen Dingen im Süden und Osten des Landes wird noch immer gekämpft. Parallel dazu gilt es, den Abzug zu organisieren. Das betrifft bereits den Bundeswehrstützpunkt OP (Observation Point) North. Derzeit sind hier noch etwa 500 deutsche Soldaten eingesetzt. Im Laufe des Frühjahrs soll der Standort an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben werden, kündigte Verteidigungsminister Thomas de Maiziere bei seiner jüngsten Afghanistan-Reise an. Der im April 2010 aufgebaute „OP North“ liegt 70 Kilometer westlich von Kundus an einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt. Dieser Ort in der Unruheprovinz Baghlan stehe für den „Rollenwandel“ der Bundeswehr im Einsatz, sagte de Maiziere. „Hier ist auch der Ort, an dem wir bittere Verluste erlitten haben“, betonte er und erinnerte an den 18. Februar 2011 – den Tag, an dem drei deutsche Soldaten innerhalb des Feldlagers von einem afghanischen Soldaten hinterrücks erschossen wurden. Das hatte zu einer schweren Belastungsprobe im Verhältnis der Bundeswehr zu den afghanischen Sicherheitskräften geführt. Der OP North sei infrastrukturell ein „strategisch wichtiger Ort“, hob der Minister hervor, und das „nicht nur für den Norden, sondern für ganz Afghanistan“. Die Zeichen stehen nun jedoch aus deutscher Sicht auf Rückverlegung: Etwa 450 Container und 200 Fahrzeuge werden in den nächsten Wochen auf dem Landweg nach Masar-i Scharif gebracht. Der Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan läuft bereits seit etwa einem Jahr. Die Truppe ist bereits von bis zu 5 350 auf etwa 4 350 Soldaten verkleinert worden. Die Schließung des „OP North“ und des größeren Lagers in Kundus im Laufe des Jahres hatte die Bundesregierung bereits im November 2012 angekündigt, ohne genaue Daten zu nennen. Die meisten der in Afghanistan eingesetzten deutschen Soldaten sind in Masar-i-Scharif stationiert. Zudem befindet sich in Masar-i-Scharif der Sitz des Regionalkommandos Nord der ISAF-Truppe.

Der Verteidigungsminister informierte sich während seines Afghanistan-Besuchs auch über die Kampfhubschrauber „Tiger“. Seit Februar sollen sie den Bodentruppen Unterstützung aus der Luft geben. Bislang musste die Bundeswehr dafür auf US-Kampfhubschrauber zurückgreifen. Insgesamt verfügt sie über 29 Hubschrauber dieses Typs. In Masar-i-Scharif sind vier Kampfhubschrauber stationiert, sie bleiben allerdings vorerst am Boden. Am Montag war ein „Tiger“-Hubschrauber im oberbayerischen Ettal abgestürzt. Die beiden Besatzungsmitglieder konnten sich leicht verletzt aus der Maschine retten. Der Kampfhubschrauber sollte eigentlich das Prestigeobjekt der Bundeswehr werden. Wenn er dann zum Einsatz kommt am Hindukusch, hat wohl längst die Stunde der Logistiker mit der Rückführung eines Teils der Militärausrüstung aus Afghanistan geschlagen.