Die Sphinx

Die Strategie des indischen Premierministers Narendra Modi ist schwer zu deuten. Von Klemens Ludwig

Narendra Modi
Spagat zwischen Pragmatismus und Fanatismus: Narendra Modi. Foto: dpa
Narendra Modi
Spagat zwischen Pragmatismus und Fanatismus: Narendra Modi. Foto: dpa

Die Gründungsväter Indiens um Mahatma Gandhi und Jawaharlal Nehru verfolgten neben der Unabhängigkeit ein großes Ziel: ein ungeteiltes Indien, in dem alle Religionen friedlich miteinander leben. Diese Vision wurde bereits zu Gandhis Lebzeiten zerstört, als die Muslim-Liga die Gründung eines eigenen Staates Pakistan durchsetzen konnte. Gandhi hat es mit blutendem Herzen akzeptiert, weil er es noch verwerflicher fand, die Einheit mit Gewalt aufrechtzuerhalten. Das wiederum hat Fanatiker seines eigenen Glaubens dazu veranlasst, ihn zu ermorden. Gandhis Geist ist jedoch noch immer lebendig. Es gelang der politischen Führung, demokratische und rechtsstaatliche Strukturen aufzubauen. Die Gewaltenteilung ist gesetzlich verankert, die Gerichte unabhängig, das Kastensystem laut Verfassung verboten und die Religionsfreiheit garantiert. Diese Errungenschaften sind auch deshalb bemerkenswert, weil Indien ethnisch und religiös ein heterogenes Land mit einem großen Konfliktpotenzial ist.

Tolerante Tradition ist bedroht

Hinduismus, Buddhismus, Jainismus und Sikhismus entstanden in Indien. Bis heute zeigen sich selbst Hindu-Nationalisten diesen gegenüber tolerant, weil sie in ihnen einen Teil ihrer ohnehin heterogenen Religion sehen. Kleinere Gemeinschaften wie die Parsen oder die Bahai, die aus dem iranischen Kulturkreis stammen, genießen ebenfalls Respekt und Toleranz. Christentum und Islam sind im Zuge von militärischen Eroberungen nach Indien gekommen und werden deshalb von vielen Hindus als Fremdkörper empfunden. Inzwischen ist die tolerante Tradition ernsthaft bedroht. In den späten 1980er Jahren begannen die Hindu-Nationalisten, sich auf breiter Basis parteipolitisch zu organisieren. Die Bharatiya Janata Party (BJP, indische Volkspartei), kam 1998 zum ersten Mal an die Macht. Sie konnte jedoch keine besonderen Erfolge verbuchen, so dass sie 2004 von der Kongress-Partei unter Manmohan Singh abgelöst wurde. Der populäre Sikh wurde nach fünf Jahren wiedergewählt, doch das war nur eine Unterbrechung des BJP-Vormarsches. 2014 trat sie mit einem Mann an, der sich als Premierminister von Gujarat – dem Heimatstaat von Mahatma Gandhi – viel Ansehen als Wirtschaftsexperte und pragmatischer Macher erworben hatte; aber auch als jemand, der Massaker an Muslimen 2002 durch Wegschauen möglich gemacht hat.

Narendra Modi ist die unbestrittene Führungsfigur der BJP und gilt schon heute als einer der erfolgreichsten Ministerpräsidenten des Landes. Seit er die Regierungsgeschicke in Delhi lenkt, eilt die BJP auch in den Landesparlamenten von Sieg zu Sieg. Modi betreibt eine sehr erfolgreiche Wirtschaftspolitik, verzeichnet gewisse Erfolge bei der Bekämpfung der grassierenden Korruption, gibt sich als Förderer der Frauen – allerdings in ihren klassischen Bereichen wie Haushalt und Familie – und überzeugt durch einen bescheidenen, ehrlichen Lebensstil im Einklang mit den Prinzipien des Hinduismus.

Doch das ist nur die eine Seite. Hinter ihm stehen Kräfte, denen es um weit mehr geht als um Wirtschaftswachstum, Korruptionsbekämpfung und Frauenförderung. Die BJP will den Hinduismus als Leitkultur für ganz Indien. Ihr Programm heißt Hindutva – die Vorherrschaft der Hindus. Und da ist kein Raum für die fremden religiösen Minderheiten. Besonders vehement wird Hindutva von der RSS (Rashtriya Swayamsevak Sangh) propagiert, der „Nationalen Freiwilligen Organisation“. Aus ihrem Umfeld kam der Mörder Gandhis, was ihrer Popularität unter strengen Hindus keinerlei Abbruch getan hat. Die RSS sorgt zum einen für die ideologische Aufrüstung der BJP, sie unterhält aber auch paramilitärische Verbände. Erkennbar sind sie an safranfarbenen Fahnen und Uniformen, dem Symbol der Hindu-Nationalisten. Von ihr gehen viele Übergriffe gegen Christen und Muslime aus.

Bleiben die säkularen Werte Leitkultur?

Über die Verteilung der Macht innerhalb der BJP wird viel spekuliert. Modi gibt sich moderat. Politik im Sinne von Hindutva kann man ihm schwerlich nachsagen. Er legt Wert auf gute internationale Kontakte, nicht zuletzt zur EU, wirbt erfolgreich um ausländische Investitionen und fördert moderne Technologien. Damit ist er weit mehr als nur eine Marionette der Scharfmacher. Die wissen nämlich, dass sie ohne Modi bei weitem nicht die Unterstützung hätten, die ihnen momentan zufliegt. Wie weit Modi die Umwandlung Indiens in ein Hindutva zulässt oder gar befürwortet, lässt sich schwer abschätzen. Er ist ein viel zu kluger Stratege, um sich in der heiklen Frage festzulegen. Wiese er die Scharfmacher in die Schranken, verlöre seine Bewegung viel Potenzial zur Mobilisierung der Massen. Schlüge er sich offen auf ihre Seite, schreckte er ausländische Investoren ab. Noch gelingt Modi der Spagat zwischen Fanatismus und Pragmatismus. Es ist schwer abzuschätzen, wohin sich die Gesellschaft bewegt. Bleiben die säkularen Werte der Staatsgründer die Leitkultur oder geht es Richtung Hindutva? Eines indes ist offensichtlich: Noch nie hatte der politische Hinduismus einen solchen Einfluss.