Die Spaltung vertieft sich

Ein unabhängiges Katalonien wäre überlebensfähig, würde sich aber zum Außenseiter degradieren. Von Andreas Drouve

Bündnis für die Unabhängigkeit: Ministerpräsidenten Artur Mas. Foto: dpa
Bündnis für die Unabhängigkeit: Ministerpräsidenten Artur Mas. Foto: dpa

Steuert Katalonien wirklich auf die Unabhängigkeit zu? Dies ist die Frage, die sich nach dem Ausgang der Regionalwahlen vom vergangenen Sonntag umso stärker stellt. Die Separatisten, die die Wahlen per einseitiger Verkündigung quasi mit einer Volksabstimmung für den Weg zur Abspaltung von Spanien gleichgestellt hatten, errangen zwar die absolute Mehrheit im Parlament, kamen aber nur auf 48 Prozent der Wählerstimmen. Insofern war der Sieg der Separatisten ein bitterer und zweischneidiger, denn er deutet auf eine zunehmende interne Spaltung der Region im Nordosten Spaniens hin. Immerhin entschieden sich 52 Prozent der Wähler für andere Parteien als das Bündnis des katalanischen Ministerpräsidenten Artur Mas (Junts pel Sí) und die gleichfalls separatistische Linkspartei CUP. Was bedeutet, dass sich die Mehrheit der Wähler gegen eine Unabhängigkeit ausgesprochen hat. Egal, wie man es dreht und wendet.

„Die Katalanen haben mehrheitlich gesagt, dass sie nicht die Unabhängigkeit wollen“, so Pedro Sánchez, der Generalsekretär der Sozialistischen Arbeiterpartei, die sich bei den Parlamentswahlen Ende dieses Jahres Hoffnung macht, die regierende Volkspartei von Ministerpräsident Mariano Rajoy abzulösen. Die Separatisten um Mas müssten nun „ihr Scheitern eingestehen“, so Sánchez weiter, der damit in dieselbe Kerbe schlägt wie sein konservativer Widersacher Rajoy. Der rebellische katalanische Kirchenvertreter Xavier Novell, der Bischof von Solsona, der sich im Vorfeld vehement dafür eingesetzt hatte, die Stimme den Separatisten zu geben und Pfarrer am Wahltag „der Freiheit“ angehalten hatte, die Kirchenglocken zu läuten, hielt sich nach der Wahl bedeckt. Die übrigen katalanischen Bischöfe hatten bereits im Vorfeld Neutralität gefordert. Es stünde der Kirche nicht zu, eine „konkrete Option vorzuschlagen“, hieß es in einem Schreiben.

Sicher, ein eigenständiges Katalonien wäre überlebensfähig. Es gibt eine gute Infrastruktur, die Wirtschaft steht auf durchaus solidem Fundament. Die Katalanen gelten als fleißig und geschickt in Geldangelegenheiten, die Arbeitslosigkeit liegt unter dem spanischen Durchschnitt. Und auch der Tourismus spült verlässlich Geld in die Kassen, angeführt von der Hauptstadt Barcelona mit ihrem Hafenflair, der Kultur, den Stränden, der stimmungsvollen Altstadt und dem architektonischen Erbe des Antoni Gaudí. Eine hypothetische Loslösung Kataloniens von Spanien wird aber meist nicht bis zur letzten Konsequenz zu Ende gedacht, selbst nicht in Kreisen der Unabhängigkeitsbefürworter. Katalonien würde sich bis auf Weiteres selber zum Außenseiter degradieren, müsste ein weltweit diplomatisches Netzwerk aufbauen, würde aus der Europäischen Union herausfallen und ebenso aus der Euro-Währungsunion. Unter derlei Vorzeichen ist vollkommen ungewiss, wie lange eine Aufnahme in die EU über Antragsverfahren bräuchte und über welchen Zeitraum eine eigene Währung eingeführt werden müsste. Darüber hinaus gilt es zu bedenken, wie und in welcher Höhe Importzölle eingeführt werden könnten. Und wie stünde es um künftige Abwicklungen von Rentenzahlungen aus Spanien nach Katalonien? Bekommt jeder Pensionär die volle Rente oder – da nunmehr im Ausland lebend – etwas weniger? Oder aus Spanien gar nichts mehr? Fest steht, dass die internationalen Absatzmärkte erhebliche Einbußen hinnehmen müssten. Spanien wäre potenziell der wichtigste Handelspartner, doch unzweifelhaft würden fortan viele Spanier Produkte aus Katalonien boykottieren. Und das sicher nicht nur aus einer Tageslaune der „Rache“ heraus. Allein der Verkauf von Cava, dem berühmten Schaumwein aus Katalonien, würde erheblich zurückgehen – darauf kann man aus spanischer Sicht selbst an Silvester verzichten, zumal es mittlerweile in anderen Regionen wie Valencia und Navarra Schaumweinproduzenten gibt.

Da sich Vertreter der katalanischen Wirtschaft eines Boykotts bewusst sind, würden zahlreiche Firmen abwandern und auf diese Weise die Wirtschaftskraft Kataloniens schwächen. Auch viele fähige Arbeitskräfte könnten einem neuen Land aus Angst vor Ungewissheit vor der Zukunft den Rücken kehren. Schließlich leben im über sieben Millionen Menschen starken Katalonien nicht nur Katalanen, sondern viele andere Spanier, die sich mit den politischen Planspielen um die Unabhängigkeit ohnehin nie identifiziert haben.

Besonders surreal erscheint das Beispiel des Fußball-Megaclubs FC Barcelona, der am liebsten weiter in der spanischen Liga kicken und gegen Real Madrid zum weltberühmten, lukrativen „Clásico“ antreten würde. Konsequenterweise müsste das Starensemble um die überbezahlten Weltstars Messi und Neymar demnächst in einer katalanischen Liga spielen. Zum Beispiel gegen Sabadell oder Girona. Wen das dann noch interessiert? Wahrscheinlich die wenigsten. Weder im Stadion noch vor dem Bildschirm. Und Fernsehgelder aus gut gefüllten spanischen Töpfen würde es auch nicht mehr geben.