Die Menschheit als Familie

Von Stephan Baier

Der russische Dichter und Theologe Wladimir Solowjew beschrieb seinen „Antichrist“ nicht als unsympathischen Finsterling, sondern als „mitleidsvollen Philanthrop“ und hochgebildeten Autor eines Buchs mit dem Titel „Der offene Weg zu Frieden und Wohlfahrt der Welt“. Weil in der „Weltverwaltung“ keine Eintracht herrschte, beschlossen die „Eingeweihten“, beeindruckt von diesem weisen Buch, diesen „Menschen der Zukunft“ mit allen Vollmachten auszustatten. In seiner neuen Machtfülle erlässt er ein Manifest, in dem es heißt: „Der ewige Weltfriede ist gesichert.“

Sind die Vereinten Nationen ein solcher „offener Weg zu Frieden und Wohlfahrt der Welt“, ein Projekt um „ewigen Weltfrieden“ zu sichern – unter ausdrücklichem Verzicht auf Gott? Können sich Gottgläubige an Solowjew erinnert fühlen, wenn sie erfahren, dass die Gründer der Vereinten Nationen eine Bezugnahme auf Gott vermieden, weil sie den Menschen an seine Stelle setzen wollten? Was aber kann ein Papst als Repräsentant christlicher Universalität sagen, wenn er vor den Vereinten Nationen – dem Gremium säkularer Universalität – das Wort ergreift?

Benedikt XVI. hat in seiner Rede vor der Vollversammlung den in den Blick gerückt, auf den die Gründer der Vereinten Nationen verzichten zu können meinten: Gott. Der Papst erklärte den Schutz der Menschenrechte zur „vorrangigen Pflicht“ jedes Staates und begründete diese Pflicht mit dem Charakter „der Person als Abbild des Schöpfers“. Weil die Menschenrechte – einschließlich der Religionsfreiheit – nicht dem Willen des Gesetzgebers entspringen, sondern der ihm vorgegebenen Gerechtigkeit, deshalb kann es auch ein Recht, ja eine Pflicht zur humanitären Intervention geben. Der Papst betonte, dass die internationale Gemeinschaft intervenieren „muss“, wenn der Staat seine vorrangige Pflicht nicht erfüllt.

Damit ist klargestellt, dass die UNO keine Weltregierung werden soll. Ihre Rolle bleibt „vom Subsidiaritätsprinzip inspiriert“. Zugleich widerspricht Benedikt XVI. aber jenen, die die Universalität der Menschenrechte bestreiten und jede Kritik an Menschenrechtsverletzungen als Einmischung in die inneren Angelegenheiten ihres Staates zurückweisen. Menschenrechte existieren nicht insofern Staaten sich zu ihnen bekennen, oder weil die Vereinten Nationen sie proklamierten. Sie haben „ihre Grundlage im Naturrecht, das in das Herz des Menschen eingeschrieben ist und in den verschiedenen Kulturen und Zivilisationen gegenwärtig ist“. Die Staaten können Menschenrechte nicht erfinden oder gewähren, sondern müssen sie erkennen und anerkennen.

Die Person ist „der Höhepunkt von Gottes Schöpfungsplan für die Welt und die Geschichte“. Der Papst, der den Beitrag der Gläubigen zum Gemeinwohl betonte, warnte zugleich: „Die Menschenrechte aus diesem Kontext herauszulösen, würde bedeuten, ihre Reichweite zu begrenzen und einer relativistischen Auffassung nachzugeben“. Wo die Universalität der immer, überall und für jeden geltenden Menschenrechte relativiert oder negiert wird, kann es keine Gerechtigkeit geben. Deshalb kritisierte der Papst die „klare Verletzung der Schöpfungsordnung“, weil nur eine Orientierung an ihr verhindert, „dass nicht nur dem heiligen Charakter des Lebens widersprochen wird, sondern dass die menschliche Person selbst und die Familie ihrer natürlichen Identität beraubt werden“.

Diplomatischer als Solowjew in seiner „Kurzen Erzählung vom Antichrist“ hat der Papst auf der New Yorker Weltbühne darauf hingewiesen, dass die Einheit der Welt ohne Blick auf den Schöpfer der Welt nicht gelingen kann, dass die Menschheitsfamilie ihre Menschlichkeit nur bewahrt, wenn sie den Quell der Menschenrechte nicht aus den Augen verliert.