„Die Menschen wirkten wie Zombies“

Nach der Annektierung der Krim durch Russland flüchten viele Sympathisanten der Maidan-Aufstände und viele Krim-Tataren in die Westukraine. Wie es weitergehen soll, wissen sie nicht. Eine Rückkehr in die Heimat kommt für sie nicht mehr in Frage. Eine Reportage. Von Juri Durkot

„Warum muss ich nun wie ein Hund irgendwo leben?“: Rima Pabreziene flüchtete von der Krim in die Westukraine. Foto: Durkot
„Warum muss ich nun wie ein Hund irgendwo leben?“: Rima Pabreziene flüchtete von der Krim in die Westukraine. Foto: Durkot

Rima Pabreziene sitzt auf der Bank im Innenhof ihres Hotels. Ihre Stimme zittert, als sie versucht, ihre Geschichte zu erzählen. Die Hand zuckt nach einer Zigarette. Nach ein paar Sätzen schluchzt sie. „Ich habe schon drei Tage lang nicht mehr geweint“, sagt sie, als ob sie sich entschuldigen wollte. „Jetzt kommt es aber wieder.“ Das Hotel „Sofia“ liegt hinter einer menschenhohen Mauer. Von außen imitiert der Stil ein bisschen das Fachwerk, das Dach aus dunkelbraunem Wellblech und die handgeschmiedeten Verzierungen an der Eingangstür passen aber nicht richtig zusammen. Ein paar Schritte vom Hotel entfernt, auf der anderen Seite der mit Schlamm und Wasserpfützen bedeckten und mit Löchern übersäten Straße steht eine kleine neuerrichtete Kapelle. Noch etwas weiter liegt ein großer See, der zu dieser Jahreszeit kalt und verlassen wirkt. Irgendwie strahlt die ganze Gegend eine romantische Tristesse aus. Seit einigen Wochen ist das Hotel „Sofia“ das neue Zuhause für Rima. Sie ist fünfzig, schlank und klein, und strahlt irgendwie eine stille Eleganz und Anmut aus. Ihre Mutter kam aus Russland auf die Krim, der Vater ist griechischer und ukrainischer Abstammung. Früher gab es viele Griechen auf der Krim, schon im Altertum siedelten sie sich an der nördlichen Schwarzmeerküste an. Ihren litauisch klingenden Nachnamen hat Rima von ihrem früheren Ehemann geerbt. Zu Hause wurde immer russisch gesprochen.

Rima Pabreziene kommt aus Sewastopol. Es ist eine besondere Stadt. Knapp 400 000 Einwohner, Stützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte. Neugegründet 1783 durch Katharina die Große, liegt sie unweit der Stelle, wo ursprünglich das antike griechische Chersones gegründet wurde. Seit Sommer 2013 gehören die Ruinen von Chersones zum Weltkulturerbe. Rima interessierte sich lange Zeit gar nicht für die Politik. Sie hat Englisch und Schiffsbau studiert, unterrichtete an einer Hochschule in Sewastopol. Sie hat immer versucht, ihren Studenten zu erklären, wie wichtig es ist, die eigene Meinung zu haben und sie zu vertreten.

Es war schon immer schwer in Sewastopol, eine eigene Meinung zu haben. „Heute kannst du dort nicht mal zeigen, dass du anders denkst“, sagt Rima und zupft nervös an ihrer Brille. Sie sitzt vor dem Gehege, in dem ein paar exotische Vögel hin und her laufen, ihre schrillen Schreie klingen so, als ob sie sich an unserem Gespräch beteiligen wollten. Hinter ihr liegt der Hotelparkplatz und ein Hochspannungsmast, der in den Himmel ragt.

Ende November fuhr Rima auf den Maidan nach Kiew, um Studenten zu unterstützen. Nachdem die „Berkut“-Milizen die friedlichen Studentenproteste brutal zusammengeschlagen haben, ist sie in Kiew geblieben. „Wir waren mehr als halbe Million Menschen auf der Straße bei der ersten großen Protestdemonstration.“ Sie kam mit einer schweren Erkältung zurück und war überrascht vom Hass, der mittlerweile in Sewastopol gegen den Maidan herrschte. „Alle waren fest überzeugt, dass die Menschen dort bezahlt wurden. Selbst als ich meinen Studenten erzählte, was ich in Kiew erlebt hatte, wollten sie mir nicht glauben. Keine Argumente drangen durch. Die Menschen wirkten wie Zombies.“ Die Schlägertrupps der „Berkut“-Milizen, die Demonstranten geschlagen haben, wurden als Helden gefeiert, für eine kritische Bemerkung konnte man aus dem Bus geschmissen werden.

Das Hotel liegt wenige hundert Meter von der Umgehungsstraße entfernt, die an Lemberg vorbeiführt. Von hier aus hört man nicht mehr die schweren LKW, die auf der viel befahrenen Tangente aus Kiew kommend in Richtung Westen verschwinden. Der Hotelbesitzer hat einige Zimmer kostenlos den Krim-Flüchtlingen zur Verfügung gestellt. Im Moment wohnen hier noch zwei tatarische Familien.

Obwohl eine zierliche Frau, ist Rima an einen harten Kampf gewohnt. Sie ist römisch-katholisch, ihre Gemeinde in Sewastopol kämpfte seit Jahren um die Rückgabe der Kirche. Die ehemalige Sankt-Clemens-Kirche wurde noch 1937 geschlossen, der Priester, ein Litauer, kam in einem GULAG-Lager ums Leben. Das Gebäude wurde in ein Kino umfunktioniert, ein hässlicher gläserner Vorbau kam dazu. Dort, wo eins der Altarraum war, richteten die Sowjets eine öffentliche Toilette ein. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde die Gemeinde neu gegründet. Zuletzt zählte sie etwas mehr als tausend Mitglieder, ihre Kirche bekam die Gemeinde bis heute nicht zurück. Die Toiletten wurden geschlossen, das Kino vor ein paar Jahren auch. Die kleine Gemeinde versammelte sich bei den großen Festen auf der Straße. Der Priester aus Charkiw hatte einst als Militärarzt in Afghanistan gedient, ihn einzuschüchtern war nicht leicht.

Mit einigen Aktivisten versuchte Rima, ihre Meinung auf dem kleinen Maidan in Sewastopol zu zeigen. Es war ein sehr kleiner Kreis, mehr als dreißig bis vierzig Menschen haben sich dort nie versammelt. „Ich bin keine Heldin, ich zitterte immer vor Angst“, sagt Rima. Die Stimmung auf der Krim wurde immer aggressiver. Heute sind alle, die auf dem Maidan waren, aus Sewastopol geflüchtet. Ihre Bekannten auf der Krim hätten selbst in Facebook Angst, den Like-Button zu ihren Beiträgen zu drücken. Es herrscht purer Hass in Sewastopol. „Es geht nicht um die ethnische Zugehörigkeit. Es geht darum, dass eine andere Meinung dort gar nicht toleriert wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich nach Sewastopol zurückkehre, selbst wenn die Stadt wieder zur Ukraine gehören würde.“

Auch für Rima wurde es zu gefährlich. Sie ging Anfang Februar nach Kiew und ist nie mehr nach Sewastopol zurückgekehrt. Ihren Job als Dozentin hat sie hingeschmissen, ihre Wohnung steht leer. Als sie hörte, dass die Westukrainer Flüchtlinge aufnehmen, kam sie nach Lemberg. „Warum ist Russland zu mir nach Hause gekommen, und warum muss ich nun wie ein Hund irgendwo leben?“ Rima schlägt sich mit Gelegenheitsjobs als Übersetzerin durch. Schiffsbau kann man in Lemberg, wo es kein Meer, keinen Fluss und Probleme mit der Trinkwasserversorgung gibt, schlecht unterrichten.

Ein paar Kilometer weiter an der Umgehungsstraße steht ein anderes Hotel, direkt gegenüber dem futuristisch anmutenden Fußballstadion. Es ist eher ein Motel für Fernfahrer, die hier eine Nacht verbringen und weiterfahren würden. Gemütlichkeit sieht anders aus. Auch hier sind zwei tatarische Familien untergebracht. Mittlerweile gibt es allein in der Region Lemberg knapp 1 000 Krim-Flüchtlinge. Landesweit sind es etwa 3 000. Oleg Koljasa von der Bürgerinitiative „Euromaidan“ erzählt, warum Lemberg so viele Flüchtlinge aufgenommen hat: „Als es die ersten Verletzten auf dem Maidan gab, wurden sie aus Krankenhäusern gekidnappt. Wir haben dann ein Netz aus sicheren Unterkünften aufgebaut, das waren Hotels und Privatwohnungen, wo die Menschen auch medizinisch behandelt werden konnten. Später haben wir diese Unterkünfte den Flüchtlingen von der Krim zur Verfügung gestellt.“ Zunächst kamen die Maidan-Aktivisten, die besonders gefährdet waren, dann andere Flüchtlinge, darunter viele Krim-Tataren. Und es sind wohl die eigenen Erfahrungen der Westukrainer, die sie für Flüchtlingsgeschichten sensibilisieren. Nach dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden ganze Familien aus Lemberg und Galizien nach Sibirien deportiert und in die Straflager gesteckt.

Timur Kantemirow ist gläubiger Muslim mit einem schneeweißen Bart. Schweren Schrittes geht er in die Hotellobby herein und setzt sich auf das Sofa in der Ecke. Er ist Krim-Tatare, geboren 1955 in Usbekistan. Seine Eltern wurden 1944 von der Krim durch Stalin deportiert, die Familie landete in der Nähe von Taschkent. Sein richtiger Name ist eigentlich Khan Temir, so hat noch sein Großvater geheißen; Stalin hat aber viele tatarische Namen russifizieren lassen. Khan Temir steht auch auf dem Umschlag eines Gedichtbandes. Kantemirow schreibt Gedichte, auf Russisch. Eines erzählt von einem Drachen, der sich eingebildet hätte, er wäre Herrscher über die ganze Welt. Ganze Völker habe das vierköpfige und ständig besoffene Ungeheuer jahrzehntelang terrorisiert; während der eine Kopf sich vom schweren Kater erholte, soff der andere weiter. Das Gedicht endet wie es sich für ein Märchen gehört – der Drache wird von einem Helden besiegt.

Für Kantemirows sieht es im Moment nicht nach einem Sieg aus. Acht Enkelkinder habe er nach Lemberg mitgebracht, vier Frauen aus der Familie seien auch mit dabei, erzählt der alte Mann in akzentfreiem Russisch. Die jungen Männer sind auf der Krim geblieben, um die Häuser in ihrem Dorf in der Nähe von Simferopol zu schützen. Zurück auf die Krim will er aber nicht. „Die Russen haben den Tataren noch nie Frieden gebracht. Die anderen Völker, die in ihre Heimat zurückgekehrt sind, haben es später bereut. Die Tschetschenen haben es bereut, und die Inguschen.“ Er weiß noch nicht, wie es mit ihm und seiner Familie weitergeht. Vielleicht gehen sie nach Polen oder nach Frankreich, dort gibt es tatarische Gemeinden.