Die Kirche – Ein Krimi?

Wer heute eine Google-Suchanfrage mit dem Stichwort „Vatikan-Krimi“ startet, landet nicht mehr bei Fabeln und Fiktionen, sondern bei Fakten: Doch die Affäre „Vaticanleaks“ um Dokumentenflucht und den kleinlichen Verrat des päpstlichen Kammerdieners ist fast zu banal, als dass sie für einen spannenden Kirchenthriller taugen würde Von Barbara Wenz

Die katholische Kirche mitsamt ihrem fast zweitausend Jahre alten Machtzentrum auf dem vatikanischen Hügel in Rom bietet mit ihrer langen Geschichte alles, was Schriftstellerherzen höherschlagen lässt: eine endlos lange Dynastie zumeist frommer, aber auch frevlerischer Päpste, geheimnisumwitterte Nekropolen und finstere Katakomben, überirdische Kunstwerke und architektonische Meisterleistungen. Glanz und Gloria, Pracht und Macht, Kabale und Liebe. Dazu unheilige Männer und heilige Frauen – und vice versa.

Leider sind die Zeiten vorbei, in denen ein Literatur-Nobelpreisträger wie André Gide sich des Topos, wenn auch in ironisch-satirischer Form, annahm: In seinem Roman „Die Verliese des Vatikan“ aus dem Jahr 1914 steht der Vatikan zwar nicht im Mittelpunkt, aber er greift ein Gerücht auf, das zu der Zeit, in der die Handlung spielt, dem Jahr 1890, tatsächlich kursiert haben soll: eine Loge von Freimaurern habe den amtierenden Leo XIII. durch einen Schatten-Papst ersetzt und den echten Leo in ein vatikanisches Verlies geworfen. Heute versucht sich, insbesondere nach dem Mega-Bestsellern von Dan Brown wie „Illuminati“ und „Sakrileg“ aus den Jahren 2003 und 2004, ein Heer von Krimiautoren am Schauplatz Vatikan und kreiert somit ein regelrechtes Subgenre.

Doch warum kreisen so viele Krimihandlungen und deren Schauplätze um die katholische Kirche? Wieso gibt es keinen Boom von Thrillern, die sich um den tibetischen Gottkönig ranken? Ist die Kür eines Nachfolgers für den Dalai Lama nicht mindestens so mysteriös wie die Abläufe bei einem Konklave?

Überhaupt, das Konklave! Das ist die Versammlung des Kollegiums aller wahlberechtigten Kardinäle in der Sixtinischen Kapelle unter strengster Geheimhaltung und aufwändigen Sicherheitsvorkehrungen. Dazu die Sache mit dem weißen und dem schwarzen Rauch, das Zeichen, das den gespannt wartenden Gläubigen wie auch Journalisten in den Ü-Wägen aller namhaften TV-Sender der Welt signalisiert, dass ein neuer Papst gewählt worden ist – kaum ein Krimi, der sich um den Vatikan dreht, kommt ohne ein Konklave aus. Schon in den Sechziger Jahren gab es ein Kammerspiel, das sich ausschließlich mit dem Zeremoniell und die Vorgänge während einer Papstwahl beschäftigt. Das Stück hieß „Der Nachfolger“ und stammte von dem ehemaligen Vatikankorrespondenten Reinhard Raffalt, der zur Niederschrift seines Schauspiels durch die Ereignisse in Rom rund um den Tod Pius XII. inspiriert worden ist. Ebenso war die Person des Papstes bereits in den Sechzigern ein beliebtes Thema für Autoren und Dramatiker – man denke an das ärgerliche Propaganda-Stück „Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth.

Als erster Vatikankrimi und Begründer des ganzen Genres gilt der 1990 erschienene Roman „Assassini“ von Thomas Gifford. Fast ein Jahrzehnt lang soll Gifford dafür recherchiert haben. Die Handlung spielt in den Achtzigern, zum Teil in den USA, zum Teil in Rom. Der Erzählton ist – vergleicht man ihn mit den heute handelsüblichen Thrillern – gemütlich, ausschweifend, mehr am Erzählerischen als an einer möglichst hektischen und sich überschlagenden Handlung orientiert. Es gibt einen Mord, das Opfer ist eine Ordensschwester, den ihr Bruder, ein Anwalt und ehemaliger Jesuit aufklären will. Während seiner Ermittlungen kommt er einer groß angelegten Verschwörung auf die Spur, die bis in die höchsten Kreise der Kurie hineinreicht. Gifford schildert den Vatikan als eine gigantische, weltumspannende Machtorganisation, effektiver als jeder Geheimdienst, finanzkräftiger als jede nationale Großbank. Somit ist das Muster bereits klar, selten wird man in einem Kirchenkrimi eine differenziertere Sicht auf den Vatikan antreffen: Offenbar besteht der Reiz für viele Autoren, die größtenteils kirchenkritisch, wenn nicht kirchenfeindlich gesinnt sind, darin, einer Institution, die den Anspruch erhebt, die göttliche Wahrheit auf Erden innezuhaben und durch die Zeitenläufte zu bewahren, somit also immer ein Stachel im Fleisch der Moderne sein wird und sein muss, alles erdenklich Niedrige, Schurkische, Böse zuzutrauen respektive anzudichten. Diese Mühe muss man sich mit den Protestanten oder Buddhisten, die keinen derartigen Anspruch erheben, erst gar nicht machen.

„Reliquien und Codes – fertig ist der Bestseller“

Neben dem Konklave tauchen zuverlässig geheime Bruderschaften, Verschwörungen zur Vernichtung der Kirche auf, des weiteren mysteriöse Reliquien, uralte Geheimschriften mit exotischen Verschlüsselungscodes, jahrhundertealte Prophezeiungen oder ein neu entdecktes Evangelium mit sensationellen Enthüllungen: Jesus war verheiratet, hat Priesterinnen eingesetzt, ist nicht auferstanden und so fort.

Schließlich kommt auch kaum ein Kirchenkrimi ohne die Weissagungen des heiligen Malachias aus: Eine Liste von 112 enigmatischen Sinnsprüchen, die sich beginnend mit Coelestin II. prophetisch auf sämtliche Päpste bis zum Ende der Welt beziehen sollen. Obwohl die Liste von vielen Wissenschaftlern für eine Fälschung gehalten wird, sind die Bezugspunkte zu den Familiennamen, den Wappen oder dem Herkunftsort vor allem zu den Päpsten des 19. und 20. Jahrhunderts erstaunlich zutreffend. Gregor XVI., der 1836 bis 1846 regierte, wird etwa als „De balneis Etruriae“, also „von den Bädern Etruriens“ bezeichnet. Er gehörte dem Kamaldulenser-Orden an, jenem Orden, der vom Hl. Romuald im toskanischen, früher also etrurischen, Ort Balneo gegründet worden war. Gemäß der Malachias-Liste ist Benedikt XVI. mit dem Beinamen „Gloria olivae“ – Ruhm des Olivenbaums, der vorletzte aller Päpste. Der letzte in der Liste trägt den Orakelnamen Petrus Romanus, also Petrus, der Römer, und er werde die Kirche in der Zeit der großen letzten Verfolgung führen, die mit der völligen Zerstörung Roms ende. Wenn man so will, eine Art Mayakalender auf römisch-katholisch: Der Kalender endet bekanntlich am 21.12.2012, weshalb dies auch das Datum des Weltendes sei. Und ebenso wie der Maya-Kalender hat die Malachias-Liste, Fälschung hin oder her, schon die Fantasie ungezählter Schriftsteller und Autoren entzündet.

Während der Neunziger Jahre erscheinen im deutschsprachigen Bereich zahlreiche Religions- beziehungsweise Vatikanthriller des Autoren Philipp Vandenberg, mit zum Teil grotesk überzeichneter Personage. In „Purpurschatten“ gibt es etwa einem Kardinal mit einer kleinen, privaten Piranhazucht. Zur Entspannung verfüttert er gerne Goldfische oder bestellt sich eine römische Domina in seine Gemächer, um ihr genüsslich die Stiefel zu lecken. Weitere deutsche Autoren, die sich mit dem Thema Kirche und Vatikan im Bereich der Unterhaltungsliteratur beschäftigen, sind Kai Meyer und Jörg Kastner – mit mehr oder weniger glaubhaften Handlungen und Personen.

Seit dem Jahre 2005 ist der amtierende Papst in Kirchenkrimis häufig ein Deutscher, sein Privatsekretär zumeist – Georg Gänswein scheint eine großartige Inspiration für manche Autoren darzustellen – ein eleganter, äußerst gutaussehender und smarter Priester. In manchen Romanen ermittelt sogar der Papstsekretär, dann zwar anderer Nationalität, wie bei Steve Berry, aber immer noch attraktiv, eloquent und mit viriler Ausstrahlung ausgestattet.

Steve Berrys Urbi et Orbi, auf Deutsch erschienen im Jahre 2006, basiert auf dem lange geheim gehaltenen und bekanntermaßen tatsächlich existierenden dritten Geheimnis von Fatima, das angeblich nur unvollständig veröffentlicht worden sei, weshalb Colin Michener von seinem Chef, dem todkranken Papst, auf eine Recherchereise nach Rumänien zum letzten Zeitzeugen der Erscheinung von Fatima gehen soll, um ihn nach dem Inhalt der originalen dritten Prophezeiung zu befragen. Diese Mission scheitert, und der Papstsekretär erhält eine neue Order: Er soll nach Medjugorje, wobei es dem fiktiven Pontifex Berrys auch relativ gleichgültig ist, dass die Erscheinungen von Medjugorje noch gar nicht anerkannt sind. Jedenfalls gibt es auch unter den Botschaften aus dem Marienort in Bosnien-Herzegowina eine streng geheime, doch sie muss, so ist es der Wille von Berrys fiktiver Muttergottes, der ganzen Welt bekannt gemacht werden: Zum einen soll das Sakrament der Ehe jedermann und jederfrau zuteil werden, auch denen „die anders lieben“. Des weiteren „missfalle“ das „Verbot“ von Frauenpriestern dem Himmel, der Zölibat muss weg, denn auch die Priester sollen glücklich sein dürfen. Aber am allerwichtigsten sei, so die (Anti-)Maria von Berry, dass alle Frauen selbst frei entscheiden dürfen, ob sie ein Kind austragen oder nicht. Die heilige Jungfrau und Mutter Gottes klingt bei Steve Berry also, und man muss schon einen hohen Sinn für Satire haben, um sich nicht maßlos darüber zu ärgern, wie eine Mischung aus Eugen Drewermann, Alice Schwarzer und Margot Käßmann.

„Literarische Kirchenkritik kann desorientieren“

Die gute Nachricht ist jedenfalls, dass mit all den Vandenbergs, mit Dan Brown und seinen Nachahmern wie Steve Berry ein Zenit – oder vielleicht besser ein Tiefpunkt? – erreicht worden ist. Das hat auch Tobias Gohlis, einer der namhaftesten deutschen Krimikritiker kürzlich festgestellt: „Diese Art der Kirchen- und Glaubenskritik gibt vor, zur Wahrheit vorstoßen zu wollen, vergrößert und verschärft aber den Mangel an Wertorientierung, den sie zu stillen scheint.“ Dort, wo Brown und andere – wenn auch nur spielerisch unterhaltend – Wahrheit und Metaphysik vermuteten, sei sie nicht. Zugleich konstatiert Gohlis eine große Sehnsucht, „etwas Spannendes mit Metaphysik“ zu lesen. In dieser Rezension empfiehlt er Friedrich Ani und dessen Roman „Idylle der Hyänen“, der mit seinem Ermittler Polonius Fischer einen Ex-Mönch ins Feld schickt, der ein Kruzifix in seinem Vernehmungszimmer hängen hat und hin und wieder Psalmen rezitiert – es muss also nicht immer der Vatikan sein. Ani ist einer der erfolgreichsten deutschen Krimiautoren – und katholisch. Wie Gohlis in seiner Rezension zutreffend weiterschreibt: „Nicht nur der Tod ist eine Provokation, in der säkularisierten Welt ist es auch der Glaube an Gott.“ Mit diesem Gedanken, so wir ihn konsequent weiterdenken, hat Gohlis ganz nebenbei und möglicherweise unbeabsichtigt, einen Weg aufgezeigt, wie aus einem gut geschriebenen Kriminalroman um das Thema Kirche und Glauben – ob er nun im Vatikan spielt oder nicht – ein modernes Werkzeug der Verkündigung und Neuevangelisierung werden könnte. Vielleicht wird manchmal eben mehr Provokation als Missionierung benötigt. Der Ball läge dann wiederum im Feld der katholischen Autoren und Verlage.