Die Kanzlerin ist angezählt

Angela Merkel hat noch die Chance, ihre Nachfolge selbst zu regeln. Ob sie diese Möglichkeit auch nutzt, ist noch nicht klar. Von Sebastian Sasse

Die CDU „muss sich wie jemand in der Pubertät von zu Hause lösen, eigene Wege gehen und wird trotzdem immer zu dem stehen, der sie ganz nachhaltig geprägt hat - vielleicht später sogar wieder mehr als heute. Ein solcher Prozess geht nicht ohne Wunden, ohne Verletzungen. Wie wir in der Partei aber damit umgehen, ob wir dieses scheinbar Undenkbare als Treuebruch verteufeln oder als notwendige, fließende Weiterentwicklung“, das werde über die Chancen der Partei bei den nächsten Wahlen entscheiden. Diese Sätze schrieb 1999 Angela Merkel in ihrem berühmten Artikel in der FAZ, in dem sie sich, damals Generalsekretärin ihrer Partei, mitten in der Hochphase der Spendenaffäre von Helmut Kohl lossagte und gleichzeitig ihre Machtstellung in der CDU begründete. Geschichte wiederholt sich nicht. Zumindest nicht eins zu eins. Aber dieses Beispiel zeigt, wie sehr sich eine Partei in einer Krisensituation nach politischer Führung sehnt und wie leicht mit einem beherzten Vorstoß jemand genau diese Leerstelle füllen kann. Wird bald ein ähnlicher Artikel erscheinen, dieses Mal vielleicht aus der Feder von Jens Spahn, Julia Klöckner oder Annegret Kramp-Karrenbauer?

Sicher, die Weichen für eine neue Große Koalition sind gestellt. Aber als einen Sieg der Kanzlerin verbucht diese Entwicklung niemand. Nicht in den Kommentarspalten der Zeitungen, nicht in Merkels eigener Partei. „Merkel muss weg“ – das war der Ruf der Pegida-Demonstranten, der im Zuge der Flüchtlingskrise durch die Republik hallte. Doch das klang aggressiv und innerhalb der Union, die schon immer auf ihre Führungsfigur fixiert war und inhaltliche Debatten eher scheut, führte dies bei den meisten zu einer Solidarisierung mit der Kanzlerin – auch bei denen, die Probleme mit ihrer Flüchtlingspolitik hatten. Nun aber hat sich die Stimmungslage gedreht: „Merkel ist bald weg“ – so der Eindruck nach fünf Monaten geschäftsführender Bundesregierung. Er kommt aber nicht von den Rändern, sondern diesmal aus der Mitte. Denn dort, sicherlich zu spät, wird jetzt eine sehr nüchterne Bilanz vor allem der letzten Merkel-Jahre gezogen: Der fatale Satz von den Grenzen, die nicht zu sichern seien, wirkt nach. Mittlerweile hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass hier viele Bürger ihr Vertrauen in den Rechtsstaat verloren haben, das nicht so schnell zurückgewonnen wird. Der Wahltag präsentierte die Quittung. Hinzu kommt Unzufriedenheit mit Merkels Politik-Stil. Er passt nicht mehr in die Zeit und auch nicht in ein Parlament, in dem die AfD die größte Oppositionspartei stellt. Deutschland will – auch das hat die Bundestagswahl gezeigt – wieder debattieren, wieder streiten. Mutti wird’s schon richten – das ist Vergangenheit.

Eine erneute Spitzenkandidatur Merkels wird immer unwahrscheinlicher. Die CDU ist – man mag es bedauern – letztlich ein Kanzlerwahlverein. Sie versteht sich als geborene Regierungspartei. Und wenn die Frau an der Spitze nicht mehr für einen Wahlsieg bürgt, dann, aber eben auch erst dann, muss sie ausgewechselt werden. Die Kanzlerin ist angezählt. Wie viel Zeit ihr noch bleibt, ist schwer zu sagen. Es hängt auch davon ab, ob sie bereit ist, die Argumente, die sie damals in ihrem Kohl-Artikel angeführt hat, auch für sich selbst zu beherzigen. Hier wird sich zeigen, ob Angela Merkel wirklich die ist, die viele ihrer Anhänger in ihr sehen wollten: uneitel, nüchtern – eine Pragmatikern, die stets von der Sache her denkt. Wenn sie das tatsächlich wäre, dann würde sie begreifen, dass sie immerhin noch die Chance hat, den Übergang selbst zu gestalten. Ob sie selbst einen Nachfolger aufbauen will, wird man daran sehen, ob Annegret Kramp-Karrenbauer demnächst im Kabinett sitzt.